Welche Fehler machen die Parteien im Netz?

Soziale Netzwerke im Überblick

Welche Fehler machen die Parteien im Netz?

Die Parteien verschenken Chancen im Netz, meint Politikwissenschaftler Bieber. Im Interview erklärt er, warum Twitter nicht zu Hannelore Kraft passt - und die AfD online erfolgreicher ist als die Piraten.

Christoph Bieber, Politikwissenschaftler der Uni Duisburg-Essen, ist ein ausgewiesener Experte für Online-Wahlkämpfe. Seit rund 20 Jahren erforscht er die Online-Kommunikation von politischen Parteien - und zwar in Deutschland und den USA.

WDR: Was macht einen erfolgreichen Online-Wahlkampf aus?

Der Politikwissenschaftler Christoph Bieber

Christoph Bieber

Christoph Bieber: Diese Frage wird bei jedem Wahlkampf neu gestellt. Diesmal würde ich sagen: Wenn es nicht mehr auffällt. Also wenn es keine Unterscheidung mehr zwischen Online- und Offline-Wahlkampf gibt. Man könnte den Wahlkampf ja auch integrativ verstehen und versuchen, die Inhalte über verschiedene Kanäle zu verteilen. Insofern ist die Unterscheidung zwischen online und offline eher ein Hinweis darauf, dass man sich noch nicht ganz auf der Höhe der Zeit befindet.

WDR: Was hat sich im Vergleich zum letzten NRW-Wahlkampf 2012 getan?

Bieber: In den letzten fünf Jahren haben sich Formate entwickelt, die es so in den Wahlkämpfen nicht gegeben hat. Gerade auf der Ebene der Plattformen tut sich sehr viel. Interessant ist zum Beispiel: Wie sieht es bei den Parteien aus mit Snapchat, wie mit Instagram? Wer verwendet überhaupt Live-Video-Formate, sei es über Facebook oder Twitter? Und wer bewegt sich sogar in solchen Nerdforen wie Reddit?

Die Frage ist natürlich auch: Wie sieht es mit einem datengestützten Wahlkampf aus? Nach allem, was wir bisher wissen, ist die Landesebene oft im Nachteil, weil da die Ressourcen fehlen und es in Deutschland ja ohnehin Probleme gibt, mit der Verfügbarkeit von personenbezogenen Daten - zumindest aus Sicht der Wahlkämpfer.

WDR: Aber werden personenbezogene Daten in Deutschland nicht auch deshalb zögerlich eingesetzt, weil man sich nicht dem Verdacht des Missbrauchs aussetzen will?

Bieber: Es gibt immer den Verweis auf den Big-Data-Wahlkampf in den USA, und das ginge hier so gar nicht. Natürlich gibt es auch hier jede Menge Daten im Wahlkampf, die aber nicht so eingesetzt werden, wie sie eingesetzt werden könnten. Wenn man bedenkt, auf welchen Daten die Parteiorganisationen eigentlich sitzen sollten, dann könnte man da eigentlich sehr viel machen, wenn es darum geht, die eigenen Mitglieder anzusprechen und in den Wahlkampf zu integrieren.

Akkurat gepflegte und gut funktionierende E-Mail-Verteiler sind so ein Stichwort. Da liegt viel im Argen, weil die Parteien oft selbst nicht so genau wissen, mit wem sie es in den eigenen Reihen überhaupt zu tun haben. Das hat gar nicht so viel mit Datenschutz und Skepsis zu tun.

WDR: Alle NRW-Parteien, die Chancen haben, in den nächsten Landtag einzuziehen, sind bei Facebook, Twitter und Youtube. Aber schaut man sich beispielsweise die Youtube-Kanäle an, sind da viele Videos mit Abrufzahlen im unteren zweistelligen Bereich. Sind das Wir-unter-uns-Veranstaltungen?

Bieber: Davon ist auszugehen. Das zeigt, dass es nicht ansatzweise gelingt, an die Nutzerströme heranzukommen, die es dort ja durchaus gibt. Auch in Deutschland senden erfolgreiche Youtuber, die hohe Reichweiten erzielen. Aber da scheinen die Politiker ein anderes Youtube zu verwenden als diese - meist sehr jungen - Menschen.

WDR: Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) hat auf Twitter rund 54.000 Follower. Wie lassen sich diese Zahlen einordnen?

Bieber: Das ist schwierig. Ich wäre zunächst vorsichtig, von einer organischen Gruppe zu sprechen, die man als eine Art Publikum oder Sonderzielgruppe adressieren kann. Vermutlich sind auch einige "Bots" darunter, also künstlich angelegte Twitter-Profile. Dennoch kann man @HanneloreKraft aber als Werkzeug nutzen, um über grundlegende wichtige Kampagnen-Elemente zu informieren und verschiedene Inhalte miteinander zu vernetzen. Die SPD wird aber wohl keine Twitter-lastige Kampagne entwickeln, das passt auch nicht zur Kandidatin.

WDR: Was würde zu Hannelore Kraft passen?

Bieber (lacht): Das muss das Kampagnen-Team überlegen, nicht der Wissenschaftler.

WDR: Immerhin gibt es ja ein Vlog von Hannelore Kraft, also ein Video-Logbuch auf Youtube.

Bieber: Ja, das kam damals relativ überraschend, denn von ihr hätte man so ein Format nicht unbedingt erwartet. Daran hat Frau Kraft für einen Moment ja durchaus Gefallen gefunden. Doch wenn man das wirklich konsequent im Wahlkampf anwenden will, dann muss man es sehr regelmäßig machen. Da habe ich meine Zweifel, ob das Vlog tatsächlich ein Publikum findet. Es ist sicher gut für eine kurze Meldung und hat ja auch für Aufmerksamkeit gesorgt. Aber als dauerhaftes Wahlkampf-Feature kann ich es mir bei ihr nicht vorstellen.

WDR: Zentral wird sein, die Nicht-Wähler und Unentschiedene zu mobilisieren. Geht das besser online als offline?

Bieber: Landtagswahlkämpfe sind nicht gekennzeichnet von großen Budgets, wie sie im Bund bewegt werden. Das ist immer ein bisschen die Verwaltung des Mangels. Ich glaube, man tut besser daran, zunächst einmal die Mobilisierung nach innen in Richtung der eigenen Organisation und der vermuteten Basis zu schaffen. In besonderen Fällen gibt es Ausnahmen: Der aktuell grassierende Schulz-Wahnsinn im Netz bewegt sich jenseits von geplanten und finanzierten Kampagnen. Ich glaube aber nicht, dass wir so etwas im Landtagswahlkampf sehen werden.

WDR: Wäre der Erfolg der AfD ohne das Netz denkbar?

Bieber: Wenn man so will, ist die AfD die erste "Post-URL-Partei", die zwar eine Website unterhält, aber deren relevante Kommunikation von Anfang an über die sozialen Netzwerke lief. Und das merkt man in deren Kommunikationsverhalten und in ihrem Stil deutlich. Es ist etwas anderes, ob ich mich in den doch sehr viel zentraleren Strukturen des World Wide Web positioniere und organisiere oder ob ich von vornherein dezentrale, flüchtige soziale Netzwerke als Basisstruktur wähle. Genau dies hat die AfD aber von Anfang an gemacht.

Wenn es darum geht, so etwas wie Online-Aufmerksamkeit und digitale Sichtbarkeit zu vergleichen, dann wird die AfD in allen Wahlkämpfen in diesem Jahr immer weit vorne liegen. In ihrer gesamten Kommunikationsstruktur ist die AfD tatsächlich digitaler als die anderen Parteien.

WDR: Dabei würde man doch klassischerweise denken, dass die Piraten die Netzpartei sind.

Bieber: Die Piraten sind vor rund zehn Jahren entstanden, da sah das Netz tatsächlich noch ganz anders aus. Da hat es Reichweite, Stellung und Funktionsumfang der sozialen Netzwerke im heutigen Umfang nicht gegeben. Damals haben sich die Piraten mit einem Patchwork aus Werkzeugen eine für diese Zeit innovative Struktur gegeben. Das Nerdige, Nischenartige der Piraten ist tatsächlich etwas ganz anderes als das, was sich jetzt mit der AfD in den massenwirksamen Social-Media-Plattformen zeigt.

Die Piraten kamen sehr viel mehr als die AfD über die netzbezogenen Inhalte, sind dann aber daran gescheitert, die Formen der Kommunikation, die sie im Netz gut beherrscht haben, in einen funktionierenden Realbetrieb als parlamentarische Kraft zu übersetzen. Und das macht die AfD bislang anders. Sie verhält sich in den Parlamenten eigentlich so, wie das klassische Altparteien tun.

WDR: Stetig wachsen die Erwartungen an die Online-Wahlkämpfe – immer mit Blick auf die USA. Sind diese Wahlkämpfe überhaupt vergleichbar?

Bieber: Der Vergleich zu den USA, liegt auch deshalb nahe, weil die US-Wahl stets im Jahr vor der Bundestagswahl ist. Man hat hier aber lange verkannt, dass sowohl die Kultur des Wahlkampfs als auch die Nutzung der Online-Kommunikation in den USA eine völlig andere ist als bei uns. Aber das haben die deutschen Kampagnen inzwischen gelernt: Es ergibt keinen Sinn, auch nur in Ansätzen an diese Maßstäbe und die Maßnahmen wie in den USA zu denken.

Es gibt keinen deutschen Obama, und es wird auch keinen deutschen Trump-Klon geben, der einen ähnlich gelagerten Wahlkampf macht. Man muss den Online-Wahlkampf entsprechend anders aufziehen und führen und das tun die Parteien als Hauptakteure der Kampagnen auch. Man würde ihnen unrecht tun, wenn man sie an den Leistungen und Investitionen messen würde, die in den USA aufgebracht werden. Ich glaube, die Erwartungen kommen auch aus der Medienberichterstattung, die immer darauf hofft, es werde diesmal bestimmt ein ganz besonderer Wahlkampf.

Das Interview führte Sabine Tenta.

Hinweis: Christoph Bieber ist Mitglied des WDR-Rundfunkrats. Der parteilose Wissenschaftler wurde 2013 von der Piratenfraktion des NRW Landtags in das Gremium entsandt.

Stand: 10.03.2017, 12:22