Hintergründe zur WDR-Sicherheitsumfrage

Polizisten in Uniform

Hintergründe zur WDR-Sicherheitsumfrage

Wie hängen Sicherheitgefühl und politische Orientierung zusammen? Weshalb fühlen sich AfD-Anhänger so unsicher? Kriminologe Thomas Bliesener interpretiert die Ergebnisse der WDR-Umfrage zur Sicherheit in NRW.

WDR.de: In NRW fühlten sich Ende April zwei Drittel der Bevölkerung auf Straßen und Plätzen sicher. Trotzdem ist die Innere Sicherheit ein großes Thema im Wahlkampf. Wie passt das zusammen?

Professor Thomas Bliesener: Das hat damit zu tun, dass die meisten Leute kaum eigene Erfahrungen mit Kriminalität haben. Die Mehrheit ist in der jüngsten Zeit nicht Opfer einer Straftat geworden. Wenn man aber davon in den Medien hört, dann interpretiert man das so: Die Welt da draußen ist zwar gefährlich, in meiner Umgebung ist aber noch alles in Ordnung; ich selbst war nicht betroffen und werde vermutlich auch in Zukunft nicht betroffen sein.

WDR.de: Weshalb fühlt sich ein Drittel der Menschen unsicher?

Bliesener: Dafür gibt es unterschiedliche Erklärungen. Es hat erstens mit der medialen Darstellung zu tun: Die drastische Darstellung von Kriminalität lässt sich besser verkaufen.

Zweitens haben auch die veränderte Medienlandschaft und der entsprechende Medienkonsum einen Einfluss: Durch die sozialen Medien werden wir häufiger als früher mit Informationen konfrontiert. Das hat den Effekt, dass mehrere Meldungen über dasselbe Ereignis als mehrere Meldungen über mehrere Ereignisse erinnert werden. Dadurch kommt es zu einer Überschätzung der Vorfälle.

Dritter Faktor ist die Macht der Bilder. Durch die zunehmende Videoüberwachung werden wir mit Bildern konfrontiert, die uns schockieren. Diese Eindrücke bleiben im Gedächtnis besser erhalten, als wenn wir nur darüber lesen.

Thomas Bliesener, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen e.V.

Professor Thomas Bliesener ist Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN). Der Kriminologe forscht unter anderem zur Entstehung und den Folgen von Straftaten.

WDR.de: Grüne- und Linke-Anhänger fühlen sich im öffentlichen Raum deutlich sicherer als SPD- und CDU-Anhänger. Wie hängen politische Ausrichtung und Sicherheitsgefühl zusammen?

Bliesener: Da können wir nur spekulieren. Wir wissen, dass das Alter mit dem Sicherheitsgefühl korrespondiert. Jüngere fühlen sich eher sicherer als Ältere. Auch die Affinität zu Parteien korrespondiert in Teilen mit dem Alter. Jüngere mit ihrem größeren Sicherheitsgefühl tendieren daher eher zu den Grünen und zur Linken. Umgekehrt ist es auch möglich, dass jemand, der sich unsicher fühlt, Hilfe sucht und mit bestimmten Parteien sympathisiert, die die erwartete Sicherheit versprechen.

WDR.de: 86 Prozent der AfD-Anhänger fühlen sich im öffentlichen Raum unsicher. Das ist deutlich mehr als bei Anhängern anderer Parteien. Haben AfD-Anhänger eine andere Wahrnehmung?

Bliesener: Ich vermute bei AfD-Anhängern eine Wechselwirkung. Der AfD fühlen sich Personen nahe, die von vornherein schon ein Unsicherheitsgefühl haben. Sie beschäftigen sich mit der AfD, nähern sich ihr an, besuchen vielleicht Veranstaltungen, lesen Publikationen - und werden dadurch noch zusätzlich verunsichert. Durch diesen Prozess geht die Schere zwischen AfD-Anhängern und Anhängern anderer Parteien immer weiter auseinander.

WDR.de: Laut Umfrage hat das persönliche Sicherheitsgefühl in den vergangenen fünf Jahren abgenommen. Worauf ist das zurückzuführen?

Bliesener: Dieses Ergebnis ist aufgrund der Art der Befragung mit Vorsicht zu genießen. Es wurde gefragt: Fühlen Sie sich sicherer als vor fünf Jahren? Diese Fragestellung produziert einen verfälschenden Rückschau-Effekt, denn in der Vergangenheit scheint von heute aus gesehen Vieles besser gewesen zu sein. Es ist also ein sehr stark subjektiver Eindruck.

Zuverlässig interpretierbar sind aber nur Daten, die man vor fünf Jahren erhoben hat und mit den Antworten vergleicht, die für das aktuelle Sicherheitsgefühl gegeben werden.

Das Interview führte Dominik Reinle.

Stand: 04.05.2017, 12:57