Lindner - ein Polit-Star auf Zwischenstation in NRW

Christian Lindner, Bundesvorsitzender der Freien Demokratischen Partei (FDP), kommt am 15.05.2017 zu einer Pressekonferenz in Berlin zu den Ergebnissen und Auswirkungen der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen (NRW).

Lindner - ein Polit-Star auf Zwischenstation in NRW

Von Sabine Tenta

Schwarz-Gelb oder Schwarz-Rot in NRW? Die FDP hat es in der Hand, Lindner muss sich entscheiden. Der liberale Politstar aus NRW hat am Sonntag (14.05.2017) das beste Ergebnis seiner Partei eingefahren und will ganz schnell weiter – nach Berlin. Ein Porträt.

Lindner ziert sich. Fünf Jahre lang waren "der Armin", also sein Duz-Freund Laschet und er ein eingespieltes Team in der Opposition. Doch am Wahlabend sucht der FDP-Chef die größtmögliche Distanz zum Wahlsieger: "Armin Laschet ist nicht unser Wunschpartner." Will er nur den Preis für eine schwarz-gelbe Koalition in die Höhe treiben? Drückt er sich vor der Verantwortung? Will er lieber seine Partei in der Radikalopposition gegen eine Große Koalition in Düsseldorf und Berlin profilieren?

Am Tag nach der Wahl klingt alles schon wieder etwas abgeklärter. In der ARD sagte Lindner über die CDU: "Wenn sie bei uns anruft, nehmen wir den Anruf natürlich an und schauen dann, was geht."

Als Unternehmer gescheitert

Der 1979 geborene Lehrer-Sohn, der im bergischen Wermelskirchen aufwuchs, studierte in Bonn Politikwissenschaft, Staatsrecht und Philosophie. Als Unternehmer hatte er keine glückliche Hand: Ein mit öffentlichen Geldern unterstütztes Internet-Start-Up endete in der Insolvenz. Ungleich besser läuft es für Lindner in der Politik.

Der Dauer-Hoffnungsträger

Christian Lindner, jüngster FDP-Landtagsabgeordneter in NRW vor dem Landtag. Archivbild vom 11.3.2002

Christian Lindner 2002

Seitdem Christian Lindner auf der Politbühne aufgetreten ist, gilt er als Hoffnungsträger. Mit 18 Jahren in die Partei eingetreten, machte er den klassischen Aufstieg über die Jugendorganisation und dem Kreisvorsitz im Rheinisch-Bergischen Kreis. 2000 folgte der Einzug in den NRW-Landtag als damals jüngster Abgeordneter in der Geschichte des Parlaments, dann Bundestag, diverse Parteiämter - darunter als Generalsekretär der Bundespartei. Bereits 2011 wurde er innerhalb der Partei aufgefordert, den Bundesvorsitz zu übernehmen, doch das war ihm zu früh, er überließ Philipp Rösler den Vortritt.

Der General verlässt das sinkende Schiff

Als sich abzeichnete, dass Rösler scheitern würde, trat Lindner rechtzeitig den Rückzug als Generalsekretär an, um nicht mit in die Tiefe gerissen zu werden. Die Rösler-FDP erlebte 2013 mit dem Rauswurf aus dem Bundestag den absoluten Tiefpunkt der Parteiengeschichte. Danach übernahm dann Lindner als Retter das Ruder des Bundesvorsitzenden.

Der liberale Spagat in Düsseldorf

Unterdessen waren die Liberalen in Düsseldorf mit einem eigentümlichen Spagat beschäftigt: 2010 knapp in den Landtag eingezogen, machte man gegen die rot-grüne Minderheitsregierung mal Opposition, mal stimmte man mit der Regierung. Zu groß war die Angst vor Neuwahlen und dem Gang in die außerparlamentarische Opposition. Als sich die NRW-Liberalen 2012 mit ihrem Taktieren um den Haushalt verzockten, lösten sie versehentlich Neuwahlen aus.

Widerwillig verlässt Lindner Berlin

Nur ungern spielte Lindner den Düsseldorfer Feuerlöscher und übernahm die Spitzenkandidatur am Rhein. Und war erfolgreich: Mit 8,6 Prozent zog die FDP sicher wieder in den Landtag ein. Mit dem Rauswurf der FDP aus dem Bundestag wurde Düsseldorf zum neuen Machtzentrum der Partei.

Lieber harte Oppositionsbank statt weichem Regierungssessel

Das erklärte Ziel von Christian Lindner war immer, zurück nach Berlin zu gehen. Daraus hat er nie einen Hehl gemacht, auch nicht, als er 2012 zurück in die Landespolitik ging. Das unterstrich er mit einer Doppel-Spitzenkandidatur für den Landtag und den Bundestag im Superwahljahr 2017. Die Wähler nahmen es ihm nicht übel, dass Düsseldorf für ihn nur eine Durchgangsstation ist auf dem Weg nach Berlin – ganz im Gegenteil.

Mit dem historischen Höchstwert von 12,6 Prozent wählten sie die Lindner-Truppe in den NRW-Landtag. Und Lindner betont am Tag nach der Wahl: "In jedem Fall ziehe ich es vor, einflussloser Abgeordneter der Opposition im Bundestag zu sein als stellvertretender Ministerpräsident in Düsseldorf."

Aufregung auf Abruf

Egal ob im Landtag oder im Bundestag – am Rednerpult wird Lindner eine große Gabe ausspielen: Er ist ein äußerst geschickter Rhetoriker. Meist reicht ihm bei öffentlichen Auftritten – sei es vor der Partei, dem Wahlvolk oder im Parlament – ein Zettel mit Stichworten für seine frei gehaltenen Reden. Er ist aber auch ein guter Schauspieler, kann auf Knopfdruck laut und vermeintlich wütend werden. So produziert er Youtube-Videos, die viral funktionieren. Wenn er sich aber am Ende aber die Hände genüsslich reibt und sagt: "So, das hat gut getan", entlarvt er die künstliche Aufregung.

Der Social-Media-König

Wahlplakate - Landtagswahlen NRW 2017 am 30.04.2017 in Oberhausen Wahlplakat Freie Demokraten FDP.

NRW-Wahlplakat der FDP

Lindner war im Landtagswahlkampf der Spitzenkandidat, der die sozialen Medien am besten bediente. Dass er so hervorsticht, liegt an zwei Dingen: An Daniel Rosenthal, dem Fotografen, der Lindner in harten Schwarz-Weiß-Kontrasten ästhetisch ansprechend als Urban Fighter in Szene setzte und an der geradezu überragenden Schwäche seiner Konkurrenten auf diesem Feld.

Doch auch Lindner spielt ein Instrument wie Instagram mit der alten Sender-Empfänger-Melodie. Da wird fleißig gepostet und selten auf Fragen geantwortet. Und wenn der Chef selbst in Diskussionen eingreift, wird es mitunter patzig. "eastfrisianstyle" kommentierte auf Instagram: "Ich wünsche mir mehr Inhalte anstatt nur #workworkwork", einem häufig von Lindner genutzten Hashtag. Und Lindner antwortet: "Sollen wir Beschlusspapiere fotographieren? ;) Finden Sie alles auf fdp.de." Ein anderer Post mit ungeschickten Antworten von Lindner wurde später wieder gelöscht.

"Das Bambi hat die Haare schön."

Der Vorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, Cem Özdemir (l) und der Vorsitzende der FDP, Christian Lindner, stehen am 15.02.2014 in Aachen bei der Verleihung des Ordens Wider den tierischen Ernst 2014 im Narrenkäfig.

Lindner 2014 im Aachener Narrenkäfig

Eine Eigenschaft teilt Lindner mit Armin Laschet: Der Humor und die Distanz zu sich selbst, die sich in Selbstironie äußert. Als der Liberale wegen seiner Haartransplantation öffentlichen Spott ertragen musste, ging er in die Offensive. Bei seiner Büttenrede als frisch gekürter Aachener "Ordensritter wider den tierischen Ernst" reimte er 2014: "Um liberales Wachstum zu generieren / ließ ich mir erstmal Haare transplantieren. / Unter der Kappe und ohne Fön: / Das Bambi hat die Haare schön!" Bambi war eine Zeit lang der Spitzname für den jungen Christian Lindner.

Die liberale One-Man-Show

Montage: Screenshot Clip Ibrahim Yetin/Clip Lindner

Ibrahim Yetim und Christian Lindner

Immer wieder wird Christian Lindner vorgeworfen, eitel zu sein und nur sich selbst zu inszenieren. Von einer liberalen One-Man-Show ist mit Blick auf die FDP oft die Rede. Auch der Wahlkampf in NRW war ganz auf den Spitzenkandidaten zugeschnitten: Lindner war auf allen Großplakaten zu sehen. Natürlich stand der 38-Jährige auch im Mittelpunkt des FDP-Wahlwerbespots. Kaum erschienen, postete der SPD-Abgeordnete Ibrahim Yetim eine gekonnte Persiflage unter dem Titel: "Christian, es geht nicht immer nur um dich."

Nun geht es um die Frage: Radikalprofilierung aus der Opposition oder doch lieber Regieren und den Boden für Schwarz-Gelb in Berlin bereiten? Berlin ist das erklärte Ziel Lindners, der am Montag (15.05.2017) in der ersten Sitzung der 28-köpfigen, neu gewählten FDP-Landtagsfraktion einstimmig zum Fraktionsvorsitzenden gewählt wurde.

Also ist Lindner bei der FDP erster Ansprechpartner für die CDU auf ihrer Suche nach einem Koalitionspartner in NRW. Lässt er die FDP in diesen Verhandlungen gut dastehen, könnte er sich damit selbst den Weg in den Bundestag ebnen.

Stand: 15.05.2017, 13:04