"Wunsch nach G9 ist postfaktisch"

Pappmaschee-Figur: Schülerin hat einen schweren Rucksack auf, der mit "Turbo-Abi" beschriftet ist

"Wunsch nach G9 ist postfaktisch"

Die große Mehrheit der Befragten will zurück zu G9 – über alle Parteigrenzen hinweg. Das bewertet der renommierte Bildungsforscher Olaf Köller wenig schmeichelhaft: Dieser Wunsch sei postfaktisch.

WDR: Sie halten den Wunsch nach G9 für postfaktisch. Können wirklich so viele Menschen die Realität verzerrt wahrnehmen?

Olaf Köller: Wir regen uns darüber auf, wenn Ergebnisse der Klimaforschung in den USA geleugnet werden. Das habe ich als postfaktisch bezeichnet und dann den Bogen zur Bildungspolitik geschlagen.

Das Handeln der Eltern von Gymnasiasten ist ebenso postfaktisch, weil Ergebnisse der Bildungsforschung ignoriert werden. Eltern möchten die Schulen in einen Zustand zurückführen, von dem man weiß, dass keine wissenschaftlichen Gründe dafür sprechen.

Olaf Köller

Olaf Köller ist Direktor des Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik in Kiel. Er untersucht, welche Bedingungen das Lernen in der Schule fördern. Im Auftrag der Stiftung Mercator hat er eine Bildungsanalyse durchgeführt. Deren Kernergebnis ist, dass G8-Schüler ebenso erfolgreich lernen und sich entwickeln wie G9-Gymnasiasten.

WDR: Sie argumentieren, dass die Sportvereine ihre jungen Mitglieder nicht verloren haben. Kann es nicht trotzdem sein, dass die Mädchen und Jungen seltener trainieren und sich weniger in Vereinen engagieren?

Köller: Das ist eine schwierige Frage. Wir wissen tatsächlich nur, wie viele Mädchen und Jungen sich in einem Verein als Mitglieder anmelden. Wir wissen nicht, wie oft sie zum Training gehen.

Das Interessante dabei ist, dass wir zwar seit vielen Jahren zurückgehende Schülerzahlen haben, die Anmeldungen in Vereinen jedoch – gegen jeden Trend – nicht zurückgegangen sind, insbesondere nicht bei den Mädchen. Bei den Jungen war der Rückgang viel geringer als erwartet.

WDR: Ein weiteres Argument von Ihnen: Mehr Schüler nehmen an Fremdsprachen-Wettbewerben und naturwissenschaftlichen Wettbewerben teil als früher. Aber ist das wirklich ein Argument für ausreichend Freizeit?

Köller: Durch G8 hat es keinen Einbruch bei den Wettbewerbs-Teilnahmen gegeben. Bei der Diskussion um ausreichend Freizeit sprechen wir über eine halbe Stunde weniger Freizeit pro Tag. Es ist nicht so, dass den Schüler durch die Schulzeitverkürzung der gesamte Nachmittag gestohlen wurde.

WDR: Diese halbe Stunde fehlt den Schülern aber vielleicht, um Freundschaften zu pflegen. Dabei sind die ja gerade in der Pubertät sehr wichtig.

Köller: Ja, das stimmt. G8-Schüler haben eine halbe Stunde weniger Zeit für Freunde, Gleichaltrige – und für Nebenjobs.

WDR: Ihre These: Der Übergang aufs Gymnasium und die Lernphase vor den Abiprüfungen sind immer stressig – egal ob G8 oder G9. Der Abschied vom Turboabi würde daran auch nichts ändern.

Köller: Nein, das würde nichts bringen. Wir wissen von Eltern und Schülern, dass körperliche Symptome wie Kopfschmerzen, Übelkeit und Bauchschmerzen auch bei einer längeren Schulzeit auftreten. Das G9 stresst auch, einfach weil der Leistungsdruck groß ist. In G8 genauso wie in G9.

WDR: Sie halten in Ihrer Studie weder ein Plädoyer für G8 noch für G9. Muss sich aus Ihrer Sicht überhaupt etwas ändern?

Köller: Strukturreformen fördern das schulische Lernen nicht. Der Weg zum Erfolg liegt im Unterricht selbst, in der Optimierung der Lehrinhalte. Das Geld für die Rückkehr zu G9 sollte also besser in die Aus- und Fortbildung von Lehrern investiert werden.

Das Interview führte Andreas Sträter.

Stand: 11.05.2017, 06:00