Wahlplakate: Eine Kunst für sich (barrierefreie Variante)

Wahlplakate: Eine Kunst für sich (barrierefreie Variante)

Farben, Formen, Ausschnitte, Symbole - ähnlich wie bildende Künstler versuchen auch die Gestalter von Wahlplakaten, mit kleinen Details große Wirkung zu erzeugen. Wir haben zehn zeitgenössische Werke einer strengen Bildanalyse unterzogen.

Das Wahlplakat der FDP zeigt Christian Lindner und die Aufschrift "Nicht Pendler sollten früher aufstehen, sondern die Regierung. Es geht um unser Land."

FDP - "New Hollywood" in Düsseldorf


Mobilität, Individualität, Unternehmertum, Ingenieursgeist, Steuererleichterungen: Das Auto steht wie kein anderes Symbol für die Grundwerte der freiheitlich-demokratischen Politik. FDP-Chef Christian Lindner orientiert sich in der Bildsprache am "New Hollywood"-Kino der 70er Jahre, und es ist bestimmt kein Zufall, dass dieses Plakat starke Parallelen zur Schlussszene aus Martin Scorseses "Taxi Driver" aufweist: Ein unrasierter, ernster, ja desillusionierter Mann, der gesehen hat, wovor viele andere die Augen verschließen, steuert seinen vierrädrigen Freiheitsfetisch durch eine triste, unwirtliche, verregnete Welt, der die Farben und die Orientierung abhandengekommen sind. Doch wo Robert de Niro als "Taxi Driver" noch auf den "großen Regen" hofft, der den "Abschaum" von der Straße spült, belässt es Lindner bei einem Appell an die Herrschenden, dem Stau der Werktätigen mit einer konsequenteren Arbeitsmoral zu begegnen. Freie Fahrt für freidemokratische Bürger - mit diesem Subtext inszeniert sich Lindner offensiv als Anti-Narziss. Denn er betrachtet sich im Spiegelbild nicht selbst, sondern senkt seinen Blick nach unten, dorthin, wo die Menschen sind: auf die Straße.

FDP - "New Hollywood" in Düsseldorf


Mobilität, Individualität, Unternehmertum, Ingenieursgeist, Steuererleichterungen: Das Auto steht wie kein anderes Symbol für die Grundwerte der freiheitlich-demokratischen Politik. FDP-Chef Christian Lindner orientiert sich in der Bildsprache am "New Hollywood"-Kino der 70er Jahre, und es ist bestimmt kein Zufall, dass dieses Plakat starke Parallelen zur Schlussszene aus Martin Scorseses "Taxi Driver" aufweist: Ein unrasierter, ernster, ja desillusionierter Mann, der gesehen hat, wovor viele andere die Augen verschließen, steuert seinen vierrädrigen Freiheitsfetisch durch eine triste, unwirtliche, verregnete Welt, der die Farben und die Orientierung abhandengekommen sind. Doch wo Robert de Niro als "Taxi Driver" noch auf den "großen Regen" hofft, der den "Abschaum" von der Straße spült, belässt es Lindner bei einem Appell an die Herrschenden, dem Stau der Werktätigen mit einer konsequenteren Arbeitsmoral zu begegnen. Freie Fahrt für freidemokratische Bürger - mit diesem Subtext inszeniert sich Lindner offensiv als Anti-Narziss. Denn er betrachtet sich im Spiegelbild nicht selbst, sondern senkt seinen Blick nach unten, dorthin, wo die Menschen sind: auf die Straße.

Die Linke - eine Machtdemonstration von unten


"Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will": Die Plakatkampagne der Linken nimmt offensichtlichen Bezug auf das 1863 entstandene "Bundeslied für den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein". Für die Linke ist Politik ein immer währender Kampf - das wird verdeutlicht durch das alles dominierende Rot, das wie ein Kübel Blut flächendeckend über dem Plakat vergossen wurde. Das T-Shirt weckt dabei Assoziationen an die klassische Sträflingsuniform; die Streifen sollen offenbar symbolisch für die gesellschaftlich Abgehängten und Ausgeschlossenen stehen. Doch anders als etwa die Weber bei Käthe Kollwitz steht die Protagonistin aufrecht und nicht gramgebeugt. Sie ist kein Spielball der höheren Mächte, kein Rädchen im kapitalistischen System. Nicht verzweifelt, sondern mit entschlossenem, herausforderndem Blick spannt sie ihren Bizeps an: eine Mietpreisbremse aus widerständigen Muskeln und Sehnen. Der textliche Ausflug ins Vulgäre sowie das Duzen der potenziellen Wähler demonstrieren dabei die Nähe und Verbundenheit der Partei zu ihren Wählern: Wir wissen, wie ihr redet, wir wissen, wie ihr fühlt.

AfD - Stillleben und das Rätsel der Realität


Das Stillleben in der Kunst gibt es in den verschiedensten Formen, die AfD kombiniert hier zwei besonders populäre Motive: Früchtchen und Vanitas - also die eitle Vergänglichkeit. Diese wird durch den Mülleimer repräsentiert, der unschwer als Vorhof zur Recyclinghölle identifiziert werden kann. Die Birnen hingegen stecken einem breiten Referenzrahmen, der von Cezannes Kunst über Edisons Erfindergeist bis nach Oggersheim reicht, wo der von der AfD verehrte Viktor Orbán Altkanzler Kohl - dem Mann, den sie "Birne" nannten - gerne mal Blumen vorbeibringt. Rätselhaft ist jedoch die Beschriftung des Bildes. Denn die grünen und die roten Birnen haben sich in Energiefragen eben nicht als Wendehälse, sondern relativ prinzipientreu gezeigt: Die SPD macht sich traditionell für Bergmänner und Fossiles stark, die Grünen wollen seit jeher mehr Alternativstrom für Deutschland. Opportunisten sind nach Fukushima eher bei FDP und CDU zu finden. Die sind allerdings in NRW nicht in der Regierung - die AfD-Forderung, diese abzuwählen, verstößt demnach gegen das eigene Programm, das ja bekanntlich "Realität" heißt. Aber vielleicht zielt die Partei auch auf den tatsächlichen und nicht auf den metaphorischen Wendehals. Denn der zur Gattung der Spechte gehörige Zugvogel verstößt tatsächlich regelmäßig gegen AfD-Prinzipien: Er wandert unkontrolliert über das Mittelmeer oder die Balkanlinie von Afrika und Asien nach Deutschland ein - und hält sich dabei an keine Obergrenzen.

Hannelore Kraft - das Herrscherbild im Wandel


Das Herrscherbild in der Kunst folgt seit Jahrhunderten genau definierten Vorgaben bei seiner Aufgabe, den Status des Regierenden zu illustrieren. Auch Hannelore Kraft behält diese Tradition bei, inszeniert sich aber - den Zeitläuften angepasst - nicht als entrückt-strahlende Monarchin, sondern als aufgeschlossene und bürgernahe Volkskollegin. Sie spricht nicht herab zum Volke, nein, sie begibt sich auf Augenhöhe. Ihr Thron ist nicht gülden, sondern aus gewöhnlichem, mutmaßlich selbstmontiertem Hornbach-Holz. Sie trinkt schnödes Wasser aus der Flasche, keinen Pinot Grigio jenseits der 5-Euro-Hürde. Und statt auf Reichsapfel und Zepter setzt sie auf die sozialdemokratischen Insignien der Macht: Thermoskanne und Butterstulle. Die Botschaft ist klar: Für die SPD ist NRW ein gut laufender Betrieb, in dem - siehe rechts im Hintergrund - längst nicht nur die Männer anpacken und sich die Latzhose anziehen: Khakifrau statt Blaumann. Und dass die Arbeitsbedingungen stimmen, dafür sorgt die nette Hannelore vom Betriebsrat, die immer ein offenes Ohr für die Nöte und Sorgen der Kollegen hat.

Die Partei - ein Regent bricht die Konvention


Die Partei namens "Die Partei" pflegt zwar einen alternativen Politikstil jenseits aller Inhalte, ihre Plakate sind jedoch erstaunlich autoritär und konservativ gestaltet. Hier sieht man ihren Spitzenkandidaten Dr. Mark Benecke in klassischer Herrscherpose: Er steht erhöht, sieht auf den gemeinen Pöbel herab, der Blick kühl und starr, ein abschätziges Lächeln umspielt seine verkniffenen Lippen. Mit einer Geste, die teils realsozialistisch, teils päpstlich anmutet, grüßt er gönnerhaft die Wähler. Er ist nachlässig rasiert und auffällig tätowiert: Ein Konventionsbruch, den man sich erst einmal leisten können muss. Interessant auch seine Kleidung: Während die schwere Goldkette ein weiteres Mal seinen gehobenen gesellschaftlichen Status betont, birgt die Wahl der Farbe Schwarz eine gewisse Ambiguität. Inszeniert sich Benecke tatsächlich als nordrhein-westfälischer Mephisto, der mit trügerischen Täuschungen wie "Er ist sehr gut" und "Fürchtet euch nicht!" seine Wähler umgarnt? Oder will er doch eher Assoziationen mit Johnny Cash wecken, dem "Man in Black", der sich den Kampf gegen Unrecht und Unterdrückung auf die Fahne schrieb? Das Fazit zieht die Partei selbst: Sie ist "NRWIRR", genau wie ihre Kampagne.

MLPD - die Bibel und das Kapital


Die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands vertraut in ihrer Bildsprache auf dieses eine dicke Buch, das jeder im Regal stehen und kaum einer gelesen hat: Nein, nicht das "Kapital", die Bibel. Die Symbolik der Sintflut zieht sich durch alle Epochen der Kunstgeschichte: Michelangelo, Turner, Hiroshige - und nun die MLPD. Allerdings verzichtet diese weitgehend auf Sinnzusammenhänge und lässt den Betrachter über den Ablauf der Katastrophe im Unklaren: Wie genau hat die Wirtschaft für diese Überschwemmung gesorgt? Wo liegt ihr Profit? Sind es am Ende gar die unsauberen Machenschaften der nach Gewinnmaximierung strebenden Verkehrsschild-Industrie, die angeprangert werden? Schließlich dürfte die Produktion von Warnhinweisen nach der Sintflut in ungeahnte Höhen schnellen. Die Welt, sie ist ein nasses Jammertal, doch wer den Blick etwas hebt, erkennt helle Hoffnung am Horizont. Die MLPD sieht sich als parteigewordenen Silberstreif und löst die katastrophale Lage durch einen simplen Befehl an das Wahlvolk: Rettet die Umwelt! Allerdings dürfte man in dieser Situation mit dem Hammer und der Sichel unten im Bild nicht weit kommen. Erfolgsversprechender wären da Wasserpumpen.

CDU - die große Koalition der Farben


Vordergründig hat die CDU hier ein sehr simples Plakat gestaltet, das ohne große Kontroversen auskommt. Denn die Forderung nach besserer Bildung unterschreiben wohl alle politischen Lager. Doch wer genauer auf die Farbwahl achtet, merkt, wie hier subtil zukünftige Machtverhältnisse skizziert werden sollen: Der Junge im Sozialdemokraten-Rot ist gelangweilt, frustriert und leidet offenbar an seiner unbefriedigenden Performance: Der viel zitierte Schul-Effekt hat sich verbraucht. Ganz anders dagegen sein Klassenkamerad, der ins CDU-Schwarz changierendes Dunkelblau trägt: Aufgeweckt, fröhlich und kompetent, zeigt er seinem Klassenkameraden, wo es lang geht und wie die Aufgaben zu lösen sind. Die Stifthaltung zeigt Entschlossenheit, Mimik und Gestik sind dagegen offen und dem Gegenüber zugewandt. Grün kommt in diesem Szenario zwar auch vor, spielt aber keine Rolle: Die Pflanze streckt ihre Blätter als Fühler in alle Richtungen und versucht, sich irgendwie dazwischen zu drängen. Doch letztendlich bleibt sie im Hintergrund und schafft es nicht, bei einem der beiden anzudocken.

Die Grünen - politische Pop-Art


Wo andere Parteien auf ihren Plakaten mit Symbolen und subtilen Anspielungen hantieren, holen die Grünen den - mit Sicherheit nachhaltig produzierten - Holzhammer heraus. Das fängt schon bei der Farbwahl an, die unschwer als Koalitionsaussage verstanden werden kann - oder als Beschreibung der bisherigen Regierungsarbeit: Grün bleibt flächig-konturlos im Hintergrund, während die Roten für das Herz und somit den Antriebsmotor des Organismus zuständig sind. Man gönnt sich zwar eine wortwörtliche Spitze in Form eines Pfeils, doch das Fazit ist klar: "Zusammen ist es NRW." Hier fließen zwei kunsthistorische Strömungen zusammen: Einerseits die naive Malerei, die durch einen einfachen, unbekümmerten, oft laienartigen und floskelhaften Stil geprägt ist und somit zu den emotionsnahen, aber politikfernen Schlagwörtern "Herz" und "Hass" passt. Andererseits weist das Plakat dank seiner Gestaltung und Farbgebung durchaus Knalleffekte im Stile der Pop-Art auf. Bei Andy Warhols Werk sprachen Beobachter gerne von einer "tiefgehenden Oberflächlichkeit" ohne, dass klar wurde, ob dieses Diktum nun als Kompliment oder als Kritik gemeint war. Für dieses Plakat der Grünen gilt dasselbe.

ÖDP - das Sichtbarmachen der Partikel


Der Hafen als Sehnsuchtsort, als Startpunkt für die Reise ins Neue, ins Unbekannte, ist ein beliebtes Motiv in der Kunst. Die Ökologisch-Demokratische Partei stellt sich somit thematisch in eine Reihe mit Caspar David Friedrich, William Turner, Paul Klee oder Markus Lüpertz. Die Umsetzung gemahnt allerdings an die Werke von Bernd und Hilla Becher sowie den manchmal fast schmerzhaften Realismus moderner Fotografen wie Juergen Teller oder Daniel Josefsohn - nur dass die offensive Nicht-Inszenierung keine Menschen, sondern Fahrzeuge zeigt. Das Unsichtbare sichtbar machen, das ist seit jeher eines der Grundanliegen der Kunst - seien es religiöse Erscheinungen, unklare Gefühle, oder - wie in diesem Fall - der Feinstaub. Die Elemente, die die Komposition rahmen, sind dabei wenig einladend - der Himmel grau, das Wasser trüb und träge. Doch als farblichen Kontrapunkt setzt die ÖDP ein vitales, lebensbejahendes Orange. So holt sie die giftigen Abgaspartikel der Schifffahrt unter dem Mikroskop hervor ins Bewusstsein der Menschen und legt den Fokus auf ein von den anderen Parteien offenbar vernachlässigtes Problemfeld.

Die Piraten - Ikonografie und Klischee


Das Porträt in der Kunst kann Vorurteile und Erwartungen brechen - oder sie im Klischee voll und ganz erfüllen. Der Piraten-Politiker Felix Wöstmann wählt die zweite Variante und treibt sie auf die Spitze. Die dick gerahmte Brille signalisiert Belesenheit und Intellekt, der übertrieben blasse Teint zeugt von nächtelangen Coding-Sessions vor dem Computer. Und als Hoodie-Träger positioniert sich Wöstmann im Mittelbau der Hierarchien und somit ganz nah an der wählenden Zielgruppe: Wer sich so kleidet, kann Abteilungsleiter oder Online-Beauftragter werden - die Türen der Chefetagen bleiben ihm hingegen meist verschlossen. Rätselhaft ist die Beschriftung des Plakats: Sieht sich Wöstmann etwa als Opfer fehlender Bildung? Oder ist er Teil der Lösung des Problems? Darauf ließe der Heiligenschein schließen, mit dem er - ganz der Pirat! - die religiöse Ikonografie kapert und ironisiert. Denn der Nimbus, der Wöstmann umschwebt, ist nicht göttlichen Ursprungs sondern offenbar das explosive Ergebnis eines missglückten Experiments im Chemieunterricht, bei dem Säuren, Basen und Lebensmittelfarben wild durcheinander wirbeln. Hier schließt sich dann der Kreis zur Hauptaussage. Denn mit mehr Bildung wäre das wohl nicht passiert.

Stand: 10.05.2017, 13:09 Uhr