Wer wird SPD-Kanzlerkandidat? Kraft weiß es

Wer wird SPD-Kanzlerkandidat? Kraft weiß es

Von Christian Wolf

Eigentlich soll im Januar der Merkel-Herausforderer der SPD feststehen. NRW-Ministerpräsidentin Kraft prescht nun aber mit der Behauptung vor, den Kandidaten zu kennen. Den Namen will sie nicht verraten. Die Verwirrung ist groß.

Eigentlich ist Hannelore Kraft ein Profi im Umgang mit Öffentlichkeit. Die Ministerpräsidentin und stellvertretende Bundesvorsitzende der SPD hat über die Jahre gelernt, was sie sagen darf und welche Sprengkraft eine unbedachte Äußerung entfalten kann. Umso erstaunlicher ist es, was Kraft am Montagabend (29.11.2016) bei der Veranstaltung der "Rheinischen Post" in Düsseldorf gesagt hat. Auf die Frage, ob wie wisse, wer Kanzlerkandidat der SPD werden wird, antwortete sie: "Ja." Sie wollte allerdings nicht verraten, wer es wird.

Martin Schulz und Sigmar Gabriel vor SPD Logo

Gabriel und Schulz gelten bislang als potenzielle Kanzlerkandidaten

Bitte was? Seit Monaten macht sich die SPD einen Spaß daraus zu betonen, sie wisse noch nicht, wer Bundeskanzlerin Angela Merkel im kommenden Jahr herausfordert. Parteichef Sigmar Gabriel? Noch-EU-Parlamentspräsident Martin Schulz? Oder gar Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz? Alles möglich, so die offizielle Linie der SPD. Erst Anfang des Jahres will man den Kandidaten benennen. Und jetzt haut Kraft bei einem Podiumsgespräch einfach raus, sie wisse bereits, wer der Kandidat sein werde. Die Verteidigungslinie der SPD ist damit kaputt.

NRW-SPD für Gabriel

Regierungssprecher Thomas Breustedt bestätigte auf WDR-Anfrage zunächst das von der "Rheinischen Post" verbreitete Zitat. Was Kraft mit ihrer Aussage bezwecken wollte, bleibt dennoch offen. Entweder war der SPD-Politikerin in dem Moment nicht bewusst, was sie damit auslöst. Oder aber sie wollte ganz bewusst parteiintern Druck ausüben und dadurch die Benennung beschleunigen. Auffällig ist nämlich, dass führende Genossen in Nordrhein-Westfalen zuletzt stark Werbung für Gabriel als Kandidaten gemacht haben. Zudem heißt es, Kraft wolle mit Blick auf die Landtagswahl im Mai 2017 schnell Klarheit in der sogenannten K-Frage - und keine zusätzliche Belastung für ihren Wahlkampf.

SPD kennt sich mit Sturzgeburten aus

Peer Steinbrück steht auf einer Bühne

Steinbrücks Nominierung verlief ebenfalls holprig

Ein wenig ähnelt die Situation dem Jahr 2012. Auch damals wurde wild spekuliert über die Kanzlerkandidatur der SPD. Der damalige Bundestagsfraktionschef Frank-Walter Steinmeier ließ dann plötzlich vor Journalisten durchblicken, dass er nicht kandidieren wolle. Wenige Stunden später wurde Peer Steinbrück in einer Sturzgeburt als Merkel-Herausforderer präsentiert. In der Rückschau gilt dieser holprige Start als einer der Hauptgründe für die verlorene Bundestagswahl ein Jahr später.

Ob Krafts Äußerungen nun eine ähnliche Dynamik entfalten, bleibt abzuwarten. Einfacher wird es für die SPD auf jeden Fall nicht. Wenn intern tatsächlich feststeht, wer für die SPD kandidiert, wird es der Öffentlichkeit nur schwer zu vermitteln sein, warum man es dann nicht auch sagt. Das derzeitige Theater schadet nur und untergräbt die Glaubwürdigkeit der Verantwortlichen. Ein Beispiel: Erst vor wenigen Tagen hat Gabriel bei einem Parteitag des SPD-Unterbezirks Duisburg ganz bewusst Olaf Scholz als Kandidaten ins Spiel gebracht. Wenn doch aber schon alles feststeht, warum dann so etwas?

"Theater" und "Wichtigtuerei"

Für die politischen Gegner ist Krafts Geheimnis ein willkommenes Fressen. Einer ihrer Herausforderer in NRW, CDU-Bundesvize Armin Laschet, wirft der SPD vor, die Öffentlichkeit in die Irre zu führen. "Wie fördert man Verdrossenheit und Populismus? Frau Kraft, weiß genau, wer SPD-Kanzlerkandidat wird und bis Februar wird Theater gespielt", schrieb Laschet bei Twitter.

FDP-Chef Christian Lindner sagte der Nachrichtenagentur dpa: "Entweder ist die Aussage von Frau Kraft nur Wichtigtuerei oder die SPD führt die deutsche Öffentlichkeit an der Nase herum." Er fordert SPD-Chef Gabriel auf, die Karten auf den Tisch zu legen: "Jetzt sollte rasch Klarheit geschaffen werden. Es ist keine Zeit für Spielereien."

Korrekturhinweis

In einer früheren Version dieses Textes haben wir das Zitat folgendermaßen wiedergegeben: "Ich weiß, wer es wird, aber ich sage es Ihnen nicht." Dieses Zitat hat Regierungssprecher Breustedt gegenüber dem WDR so bestätigt. Mittlerweile allerdings sagt Breustedt, der genaue Wortlaut sei ein anderer gewesen. Kraft habe auf die Frage, ob sie wisse, wer Kanzlerkandidat werde, nur knapp mit "Ja" geantwortet. Und auf die Nachfrage, ob sie verraten wolle, wer es werde, habe sie "Nein" geantwortet. Die "Rheinische Post", von der das Ursprungszitat stammt, hat es in ihrer Onlineausgabe ebenfalls entsprechend geändert.

Stand: 12.12.2016, 12:27