Kinderpsychiater: "Die Grundschule ist desaströs"

Grundschule, Zeigefinger, Schulklasse

Kinderpsychiater: "Die Grundschule ist desaströs"

Unpünktlichkeit, Stress, Überfrachtung mit digitalen Medien: Grundschulkinder sind nicht arbeitsfähig, meint Kinderpsychiater Winterhoff. Ein Interview zum Ferienbeginn.

WDR: In NRW soll das Abitur nach neun Jahren wieder zum Regelfall werden. Viele Eltern haben über G8 geklagt, aber wie haben die Schüler das empfunden?

Michael Winterhoff: Bis zum 13. oder 14. Lebensjahr ist die Meinung des Kindes eher abhängig von der des Erwachsenen. Da, wo Eltern das sehr aufregt, wird das Kind sich auch im Sinne der Eltern aufregen. Eine eigene Meinung dazu können sich die Schüler nur schwer bilden, weil sie selber den Unterschied ja gar nicht kennen.

Das Problem ist aber auch, dass man die Lehrer gar nicht mehr fragt. Es wird einfach von oben über die Köpfe der Lehrer hinweg reformiert, unter dem Motto: "Du, Lehrer, hast das jetzt auszuführen." Und dann gibt's natürlich Unmut, den die Schüler mitbekommen.

Dr. Michael Winterhoff

Dr. Michael Winterhoff ist Kinderpsychiater und Psychotherapeut. Er studierte Humanmedizin in Bonn und betreibt dort seit 1988 eine eigene Praxis. Zudem ist er Autor mehrerer Fachbücher.

WDR: Dann ist's doch gut, dass die Landesregierung den Schulen die Entscheidung überlässt, neben G9 auch noch G8 anzubieten?

Winterhoff: Der Trend heute ist so, dass die Schulen oder auch die Lehrer entscheiden sollen. Damit entzieht sich der Staat aber seiner Verantwortung, selbst dafür zu sorgen. Dasselbe Problem haben wir auch in der Grundschule. Der Staat sagt da ja nicht, dass es beispielsweise keine Diktate oder geschlossene Schreibschrift mehr gibt, sondern überlässt es dem Lehrer, ob er es macht oder nicht macht.

Ein Schüler benutzt an einem Gymnasium in Kerpen während des Unterrichts sein Handy

Winterhoff fordert: "Keine digitalen Medien an Grundschule."

Man geht damit weg von einer einheitlichen Vorgehensweise und schafft immer mehr Chaos. Immer mehr Fünftklässlern fehlen heute eine angemessene Lern- und Leistungsbereitschaft sowie Grundkenntnisse im Lesen, Schreiben oder Rechnen. Sie sind bei weitem nicht vorbereitet auf die weiterführende Schule.

WDR: Dann müssten also die weiterführenden Schulen die Versäumnisse der Grundschule aufarbeiten. Wäre dann nicht eine noch längere Schulzeit sinnvoll?

Winterhoff: Wenn man das Potenzial, das die Kinder mit sich bringen, wirklich nutzen will, dann muss man unten anfangen, es richtig zu machen. Wenn ich's erst falsch mache - wie soll das dann gehen? Also entweder reformiert man die Grundschule, die wirklich desaströs ist. Oder man lässt sie so, dann braucht man aber G11 oder G12, damit die weiterführende Schule diese Kinder in den ersten beiden Jahren erst einmal auf einen angemessenen Leistungsstand bringen kann.

Junge Frau streicht auf einer Tafel "G8" durch und lässt "G9" stehen

Brauchen wir statt G8 oder G9 sogar G11 oder G12?

Über 50 Prozent der heutigen Schulabgänger sind bereits nicht herkömmlich arbeitsfähig. Es fehlt ihnen Arbeitshaltung oder auch Sinn für Pünktlichkeit, Erkennen von Strukturen und Abläufen. Das Handy ist ihnen wichtiger als der Kunde, der vor ihnen steht. Sie können über all das, was sie mal gelernt haben, nicht angemessen verfügen. Ihre Psyche hat sich im Rahmen der Schulzeit nicht angemessen entwickeln können. Sie sind auf der Stufe eines deutlich jüngeren Kindes stehen geblieben.

WDR: Laut einer WDR-Umfrage glauben 78 Prozent aller Befragten, dass die Schüler heute mehr Stress in ihrem Alltag haben als früher. Woher kommt dieser Stress?

Winterhoff: Der größte Stressfaktor ist die Überfrachtung mit digitalen Medien. Ich habe in meiner Praxis Jugendliche, die sind jeden Tag mindestens fünf Stunden im Handy oder Internet. Es ist ja mittlerweile wissenschaftlich bewiesen, dass das Gehirn nur eine bestimmte Menge an Entscheidungen treffen und Informationen aufnehmen kann.

Und je mehr die Kinder ins Internet gehen, umso gestresster sind sie. Das ist eine hohe Hirnleistung, die im Hintergrund läuft und nicht anstrengt - aber die aggressiv macht. Wenn die Kinder mal zwei Wochen nicht im Internet waren und dann für zwei Stunden reingehen, dann kann man merken, wie die kirre werden.

Auch die Eltern sind ja gestresst, weil auch sie viel zu viel in der Digitalisierung sind oder sich etwa mit dem Beruf übernehmen. Dieser Stress überträgt sich aufs Kind.

WDR: Wie könnte eine Lösung aussehen?

Winterhoff: Die Entwicklung der emotionalen und sozialen Psyche der Kinder muss Aufgabe der Grundschule sein. Das geht nur am Gegenüber also am Lehrer. Nur über eine zuverlässige Bindung und Beziehung kann der Grundschüler Halt, Orientierung und Sicherheit finden.

Jemand schreibt auf eine Schreiblerntafel

"Grundkenntnisse im Lesen, Schreiben oder Rechnen fehlen."

Auch schulische Grundfertigkeiten wie Lesen, Schreiben und Rechnen können nur über Üben erworben werden. Das geht nicht über Verstehen. Dringend muss die Niveauabsenkung beendet werden. Kinder brauchen eine angemessene Leistungsanforderung. Außerdem müssen Regeln, Abläufe und Strukturen klar und eindeutig sein und von allen Lehrern einheitlich umgesetzt werden. Auch das ist ein wichtiger Faktor, um dem Schüler Halt und Orientierung zu geben.

Ich würde mir zudem wünschen, dass es in einer Grundschule überhaupt keine digitalen Medien gibt.

WDR: Schwarz-Gelb möchte die offene Ganztagsschule ausbauen und qualitativ stärken, damit Eltern Familie und Beruf besser vereinbaren können. Ist das der richtige Weg?

Winterhoff: Immer mehr Eltern sehen es offenbar nicht mehr als ihre Aufgabe, für die Kinder am Nachmittag da zu sein. Sie wollen die Kinder versorgt und gefördert wissen, aber außerhalb der Familie. In anderen Ländern wie Frankreich etwa werden die Kinder ja schon seit Jahrzehnten früh abgegeben. Das würde auch bei uns funktionieren, wenn diese Systeme personell entsprechend bestückt wären. Man müsste also nicht nur die Schulen ausbauen, sondern gleichzeitig auch ganz andere Personalschlüssel zur Verfügung stellen.

WDR: Kann man die Rechnung aufmachen: Je kleiner die Klasse, umso besser?

Winterhoff: Ja, weil der Lehrer sich dann ganz anders um den Einzelnen kümmern kann. Die Entwicklung zum lebenstüchtigen Menschen geht nur über Beziehung, Bindung und ein ruhiges Begleiten und Anleiten. Da die meisten Grundschüler heute emotional und sozial nicht altersentsprechend entwickelt - also weit entfernt von einer Schulreife - sind, brauche ich auf 15 bis 20 Grundschüler zwei Lehrer oder einen Lehrer und einen Erzieher.

WDR: Die neue Landesregierung möchte die Lehrerausbildung überarbeiten. Wo müsste sie Ihrer Meinung nach dringend ansetzen?

Wer braucht schon Grundschullehrer

Winterhoff: "Lehrer werden von der Politik alleine gelassen."

Winterhoff: Hier muss man differenzieren zwischen Grundschulpädagogik und erweiterter Schule. Erstmal würde ich mir wünschen, dass alle Lehrer in Persönlichkeitsentwicklung, also Entwicklungspsychologie, ausgebildet werden, also in dem, wie sich die Psyche des Kindes zum Erwachsenen bildet. Der Grundschulpädagoge sollte im Schwerpunkt in Pädagogik bzw. Sonderpädagogik und nicht in komplizierter Mathematik oder Biologie ausgebildet werden.

WDR: Welche Ratschläge würden Sie der neuen NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer mit auf den Weg geben?

Winterhoff: Wenn ich in der Position wäre, dann würde ich mir ganz viele Lehrer anhören - und ihnen auch sagen: "Ich möchte reinen Wein eingeschenkt haben." Die Lehrer können doch die Basis-Informationen geben. Sie brauchen dringend Unterstützung und werden bislang von der Politik alleine gelassen.

Ich würde als Schulminister auch in Schulen reingehen, aber möglichst inkognito. Nicht, um die Schulen zu kontrollieren, sondern weil mich interessieren würde, was es da für Probleme gibt. Und dann würde ich daraufhin mit Lehrern gemeinsam überlegen, was es für Verbesserungen geben kann. Ich würde auch mit Betrieben und Unis reden, um zu erfahren, welche Probleme bei den Heranwachsenden vorliegen, bevor ich dann ein Gesamtkonzept erstelle. Wir müssen alle ins Boot holen: Lehrer und Eltern, damit alle das tragen, was wir an Veränderungen vor uns haben.

Das Interview führte Rainer Striewski.

Michael Winterhoff zu Gast bei Jörg Thadeusz

WDR 2 Jörg Thadeusz | 27.06.2017 | 28:32 Min.

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Stand: 14.07.2017, 08:30