Nach Silvester: Mehr kriminelle Netzwerke befürchtet

Nach Silvester: Mehr kriminelle Netzwerke befürchtet

Warum reisen mehr als 1.000 nordafrikanisch aussehende Männer trotz der Ereignisse im Vorjahr an Silvester nach Köln? Der Kölner Sozialwissenschaftler Mimoun Berrissoun vermutet "gelenkte Gruppen" dahinter.

Eigentlich gilt der Silvestereinsatz der Polizei mit 1.500 Beamten am Kölner Hauptbahnhof als erfolgreich: Nur halb so viele Fälle von Körperverletzungen wie vor einem Jahr; die Zahl der Taschendiebstähle und Raubüberfälle lag im einstelligen Bereich; zwei Meldungen über sexuelle Belästigung im Vergleich zu 497 Anzeigen deswegen im Vorjahr. Dennoch steht die Polizei in der Kritik: Einerseits wird ihr "Racial Profiling" vorgeworfen, andererseits hat sie in einer Twittermeldung den Begriff "Nafris" für sämtliche nordafrikanisch aussehenden Männer benutzt.

Mimoun Berrissoun

Mimoun Berrissoun, Leiter des Kölner Projekts 180°-Wende

ist Gründer und Leiter der Kölner Organisation "180-Grad-Wende", die jungen Menschen, die auf dem Weg in eine Radikalisierung sind, andere Perspektiven aufzeigen will. Das Projekt wird von der Polizei Köln und dem Jugendamt der Stadt unterstützt. Berrissoun ist Sozialwissenschaftler und Mitglied der Kofi Annan Foundation. Der 30-Jährige wuchs als Kind marokkanischer Eltern in Köln auf.

WDR.de: Herr Berrissoun, sehen Sie das auch so kritisch?

Mimoun Berrissoun: Die Polizei hat systematisch alle nordafrikanisch aussehenden Männer ohne weibliche Begleitung kontrolliert, die dem Täterprofil vom vergangenen Jahr ähnelten. Silvester war eine besondere Situation, die besondere Maßnahmen erforderte. Welche Alternative hätte es gegeben? Die Polizei musste hier einfach durchgreifen; und sie hat, wie ich finde, sehr gute Arbeit gemacht. Dass jetzt auf diesem Begriff "Nafris" herumgeritten wird, auch durch die Medien, finde ich nicht hilfreich. Das darf die gute Arbeit der Polizei Köln nicht überschatten.

WDR.de: Kritisiert wird, dass die Polizei damit alle am Hauptbahnhof kontrollierten Männer bezeichnet hat, nicht nur die als potentielle Täter verdächtigten.

Berrissoun: Der Begriff "Nafris" wird bei der Polizei und beim LKA schon seit mindestens 2015 als Fachbegriff verwendet für diese Gruppe junger Nordafrikaner, die durch Straftaten auffallen. Diejenigen, die damit gemeint sind, erkennt man sofort an ihrem Verhalten, wenn man sich mit dieser Tätergruppe beschäftigt hat. Ich glaube nicht, dass sich dadurch jeder Marokkaner oder Tunesier jetzt angesprochen fühlt. Aus Gesprächen mit der marokkanischen Community in Köln höre ich viel Verständnis und Zustimmung.

WDR.de: Hatten Sie damit gerechnet, dass am Silvesterabend so viele Nordafrikaner zum Kölner Hauptbahnhof kommen würden?

Berrissoun: Nein. Die Zahl, die ich in den Medien hörte, hat mich sehr überrascht. Ich denke, kein anständiger Asylbewerber aus Nordafrika, der vorher die Nachrichten verfolgt hat, würde an solch einem Abend mit dem Zug nach Köln fahren, sondern lieber woanders feiern. Denn dass man als junger Mann dort ins Visier der Polizisten geraten würde, war klar. Und wenn man das nicht wollte, ließ sich das durchaus vermeiden. 

WDR.de: Wer waren Ihrer Meinung nach die mehr als 1.000 Männer, die die Polizei gezählt hat?

Berrissoun: Gute Frage. Für uns sieht es fast so aus, als ob es gelenkte Gruppen waren. Bei den von der Polizei beobachteten nordafrikanischen Intensivtätern muss man zwei Gruppen unterscheiden: Zum einen die Leute, die die Szene lenken - das sind Berufskriminelle, bei denen einige auch deutsch sprechen. Dann gibt es die Mitläufer, die zunächst als geduldete Asylbewerber keine Perspektive haben und von den Lenkern rekrutiert werden. Unsere Beobachtungen haben ergeben, dass es da schon eine Rangordnung gibt.

WDR.de: Ihre Kölner Initiative 180-Grad-Wende richtet sich unter anderem an solche Mitläufer, die von Kriminalität, Radikalisierung und Perspektivlosigkeit bedroht sind.

Drei Polizisten beobachten die Menschen, die sich in der Lichtinstallation am Kölner Dom befinden

"Welche Alternative hätte es gegeben?"

Berrissoun: Die Mehrheit unter denen, die bereits kriminell aufgefallen sind, wird wahrscheinlich nicht abgeschoben werden. Das heißt: Wenn es uns nicht gelingt, sie den Lenkern zu entreißen, werden sie weiter ins Drogenmilieu abrutschen und ihr Geld dabei durch Beschaffungskriminalität verdienen. Ich spreche hier nicht von den Berufskriminellen - da hat unser Rechtsstaat ganz andere Mittel. Das Problem mit diesen kriminellen Netzwerken wird stetig wachsen, da es Zulauf durch andere Zugewanderte aus anderen europäischen Ländern gibt. Man müsste den Mitläufern eine Option der Integration eröffnen: Die Möglichkeit, hier Fuß zu fassen und eine Perspektive zu entwickeln, die ihnen erstmals eine Aussicht auf Erfolg vermittelt. So würde man den kriminellen Strukturen den Nährboden und die Rekruten entziehen.

WDR.de: Welche Maßnahmen schlagen Sie vor?

Berrissoun: Ein Vorschlag wäre ein Punktesystem: Für Leistungen wie Deutsch lernen, keine Drogen zu nehmen, deutliche Integrationsbemühungen oder die ernsthafte Teilnahme an einer Ausbildung würde es Punkte geben. Wenn genügend Punkte gesammelt werden, gibt es den ersten legalen Aufenthalt. Man wird damit nicht alle überzeugen können, aber man wird den ein oder anderen diesem Milieu entreißen. Die Frage ist, ob dies politisch umsetzbar ist. Immerhin wäre es eine langfristige Lösung für ein Thema, das von der Politik kurzfristig bearbeitet werden muss.

Das Interview führte Nina Magoley.

Stand: 03.01.2017, 16:33