Das Rätsel um die fehlenden Flüchtlinge

Das Rätsel um die fehlenden Flüchtlinge

Von Martin Teigeler

  • Laut Bundesregierung sind über 130.000 Flüchtlinge unauffindbar
  • NRW-Innenministerium warnt vor Spekulationen über "Untergetauchte"
  • Flüchtlingsrat: Viele Menschen verlassen frustriert die Bundesrepublik

Es ist eine Zahl, die für Spekulationen sorgt: Mehr als 130.000 der 1,1 Millionen Menschen, die 2015 in Deutschland Zuflucht suchten, sind nicht bei der zuständigen Aufnahmeeinrichtung angekommen. Diese Zahl teilte die Bundesregierung auf Anfrage der Dortmunder Linke-Bundestagsabgeordneten Ulla Jelpke mit. Als mögliche Gründe nennt das Bundesinnenministerium unter anderem Weiterreisen in andere Länder und ein Untertauchen in die Illegalität. Die "Süddeutsche Zeitung" berichtete am Freitag (26.02.2016) darüber. Die Antwort der Bundesregierung lag dem WDR vor.

Warnung vor "Angstmacherei"

Das NRW-Innenministerium konnte auf Anhieb keine entsprechende Zahl für Nordrhein-Westfalen nennen. Nach Zahlen des Ministeriums von Mitte Februar sind gegenwärtig allein über 600 unbegleitete Flüchtlingskinder als vermisst gemeldet. Ministeriumssprecher Oliver Moritz warnt aber vor "Angstmacherei". Es gebe in den allermeisten Fällen ganz einfache Gründe für die hohe Zahl. "Im letzten Herbst war die Priorität, die vielen Flüchtlinge menschenwürdig unterzubringen. Die Registrierung hatte keinen Vorrang", so der Sprecher. Darum seien viele Flüchtlinge mehrfach registriert worden - etwa wegen Namensfehlern. "Außerdem sind Flüchtlinge weitergereist - in andere Kommunen oder auch in andere europäische Länder", sagte Moritz. "Gerade Kosovo-Flüchtlinge sind auch längst in ihre Heimat zurückgekehrt."

Flüchtlingshelfer erklären die hohe Zahl der unauffindbaren Flüchtlinge ähnlich. "Viele Menschen sind weiter- und zurückgereist", sagte Birgit Naujoks, Geschäftsführerin des NRW-Flüchtlingsrats in Bochum. Etliche Flüchtlinge hätten in Deutschland um Asyl ersucht, obwohl sie eigentlich nur auf der Durchreise etwa nach Skandinavien gewesen seien. "Viele Menschen verlassen auch aus Frust die Bundesrepublik", so Naujoks. Syrer, denen erst nach Monaten ein Termin für einen Asylantrag in Aussicht gestellt werde, gäben vorzeitig auf. "Für diese Kriegsflüchtlinge ist das sehr belastend. Viele von ihnen kehren dann lieber in die Flüchtlingslager in die Türkei zu ihren Familien zurück."

Terrorverdächtiger in Recklinghausen

Sind unter den Unauffindbaren auch "Schläfer", islamistische Terroristen? Als Beleg für diese Vermutung dient in diesen Tagen der Fall eines Mannes aus Tunesien, der in einem Flüchtlingsheim in Recklinghausen untergebracht war. Der Mann war Ende 2013 nach Deutschland eingereist und hatte hier einen Asylantrag gestellt. Mit einem Metzgerbeil bewaffnet hatte der Mann am Jahrestag des Terror-Angriffs auf das Satire-Magazin "Charlie Hebdo" Anfang Januar versucht, in ein Pariser Kommissariat einzudringen. Die Polizei erschoss den Angreifer, der eine Attrappe einer Sprengstoffweste trug. Auf Anfrage der CDU erläuterte die NRW-Landesregierung jetzt, wie der mutmaßliche Terrorist die Behörden mit verschiedenen Identitäten narrte. Der Mann sei beim "Ausländeramt und der Polizei in Recklinghausen unter verschiedenen Identitäten geführt" worden, heißt es in dem Dokument.

Auch als Konsequenz aus dem Recklinghäuser Fall sind die Behörden derzeit dabei, die Registrierung von Flüchtlingen besser zu organisieren. NRW unterstütze "aktiv die Umsetzung der Pläne des Bundes zur Schaffung eines bundeseinheitlichen Kerndatensystems für die Speicherung und den Abruf biometrischer Daten von Flüchtlingen im Asylverfahren", heißt es in der Antwort der Landesregierung auf die CDU-Anfrage. Innenminister Ralf Jäger (SPD) hatte im WESTPOL-Interview versprochen, NRW wolle dies bis Ende März umsetzen.

Stand: 27.02.2016, 09:45