Kommentar zu G8/G9: Ein fauler Kompromiss

Schulkinder laufen vor einer Tafel lang, auf der G8 und G9 steht

Kommentar zu G8/G9: Ein fauler Kompromiss

Jetzt also G9 - aber doch noch ein bisschen G8. Die Landesregierung hat sich bei der Abkehr vom Turbo-Abi nicht mit Ruhm bekleckert - meint Leo Flamm in seinem Kommentar.

Es ist mehr als der Unterschied zwischen "gut" und "gut gemeint". Wirklich klare Entscheidungen sehen anders aus. Die schwarz-gelbe Landesregierung hat mit ihrer Entscheidung für das Abitur nach neun Jahren zwar allgemein die Weichen für ein Zurück zu G9 gestellt. Aber dennoch die Tür für Schulen offengelassen, sich weiter fürs Turbo-Abitur zu entscheiden. Das kann man pragmatisch nennen, oder - einen faulen Kompromiss.

Wer braucht das Turbo-Abi?

Bild von Leo Flamm

Leo Flamm

Die entscheidende Frage ist doch: Wer braucht eigentlich das Turbo-Abi und warum? Geht es hier um Bildungsideologie, Rechthaberei oder um Eliteschulen und falschverstandenes Leistungsdenken?

Mögliche Zweiklassengesellschaft

Die Landesregierung hat sich jedenfalls um eine klare Lösung rumgedrückt - sie hätte geheißen, das Turbo-Abi komplett zu kassieren und G9 für alle einzuführen. Stattdessen bleibt die Entscheidung jetzt Schulen und Kommunen überlassen. Die Befürchtung einer möglichen gymnasialen Zweiklassengesellschaft liegt auf der Hand. Ob sie eintritt, ist ungewiss - aber: sie ist von den mehrheitlichen Eltern-, Lehrer- und Schülerwünschen in den Städten und Gemeinden abhängig.

Noch ist es nicht mehr als ein Hoffnungsschimmer, dass sich die übergroße Mehrheit der Schulen für das Abi nach neun Jahren entscheiden wird. Kommt es so, hätte man es auch gleich flächendeckend einführen können.

Schulen den schwarzen Peter untergejubelt

Ich kann den Kritikern nur zustimmen, die sagen: Die Entscheidung, der schwarze Peter, ist den Schulen untergejubelt worden. Konflikte vor Ort scheinen programmiert. Und beim genauen Hinsehen sind es schließlich nicht die Schulkonferenzen aus Eltern, Schülern und Lehrern allein, die über den zukünftigen Weg entscheiden. Nein, auch die kommunalen Schulträger haben ein Vetorecht. Sie können die Schulentscheidung korrigieren.

Rolle rückwärts aller Parteien

Dabei tobt der Streit über das, was gut und nötig ist für bessere Bildung, weiter durchs Land: Mehr Lern-Zeit für Kinder oder immer bessere Leistungen im internationalen Vergleich - beides markiert nur zwei Extrempunkte dazu, die noch keiner zusammengeführt hat. In dieser Situation hat sich die Landespolitik insgesamt einen schlanken Fuß gemacht. Erst kurz vor der Landtagswahl legten plötzlich alle Parteien, die bis dahin für das Turbo-Abi waren, eine Rolle rückwärts hin: zunächst FDP und SPD, dann Grüne und CDU. Der Druck von Eltern und Initiativen war zu groß geworden.

Jetzt also G9 - mit noch ein bisschen G8 dazu. Für eine klare Entscheidung fehlte offensichtlich die Kraft. In Bildungsfragen scheint die Landespolitik traumatisiert. Jetzt wird das Trauma nach unten weitergereicht.

Stand: 14.11.2017, 20:21