Bonner Wissenschaftler kritisiert Kirchen-Abrisse

Ein Bagger reißt am 16.02.2016 die St.-Martinus-Kirche in Erkelenzer Stadtteil Borschemich ab

Bonner Wissenschaftler kritisiert Kirchen-Abrisse

  • Bistum Essen: 52 Kirchen seit dem Jahr 2000 entweiht, 31 abgerissen.
  • Im Bistum Münster wurden 55 Kirchen entweiht, 24 abgerissen.
  • Wissenschaftler fordert Kooperationen zum Erhalt von Gebäuden.

Seit 2000 sind in Deutschland mehr als 500 katholische Kirchengebäude von insgesamt etwa 24.000 als Gottesdienstorte aufgegeben worden. Das hat eine am Freitag (06.10.2017) veröffentlichte Umfrage des Internetportals der katholischen Kirche ergeben.

In den Bistümern Essen und Münster waren die Zahlen besonders hoch, während es in einigen südlichen Bistümern keine Veränderung gab. In Essen wurden 52 Kirchen entweiht und 31 abgerissen, in Münster waren es 55, abgerissen wurden 24 Gotteshäuser.

"Pro Priester drei Kirchen, und der Rest kann weg"

Der Bonner Liturgiewissenschaftler Albrecht Gerhards kritisiert, dass viele Kirchen voreilig aufgegeben werden. Einer der größten Denkfehler sei, dass man "die Kirchenzahl auf die Priesterzahl umrechnet".

Ein Priester kann nach dem Kirchenrecht eine Samstags-Vorabendmesse und zwei Sonntagsmessen feiern. "Das bedeutet nach dieser Denkweise: pro Priester drei Kirchen, und der Rest kann weg", so Gerhards. Er rief die Verantwortlichen zu einem Umdenken auf, ansonsten sei ein starker Anstieg von Abrissen absehbar.

Kooperationen mit Kunst und Kultur

Fehleinschätzungen, so Gerhards weiter, gebe es häufig, etwa wenn der Wert einer Kirche errechnet werde. Dabei werde oft der "immaterielle Wert" zu wenig beachtet, etwa die emotionale Bedeutung für die Menschen vor Ort. Kirchen seien stadtteilprägend und identitätsstiftend. Daher schätzten "nicht nur Gläubige, sondern auch Menschen, die der Kirche fernstehen", das Gotteshaus in ihrem Ortsteil.

Gerhards sprach sich für Kooperationen mit Kunst und Kultur aus, die zur langfristigen Finanzierung der Gebäude beitragen könnten.

Neues Innenleben für alte Gotteshäuser

Ob Konzertsaal, Kletterhalle oder Kita - viele leer stehende oder vom Abriss bedrohte Kirchenräume in NRW wurden umfunktioniert. Jetzt wird hier auch schon mal getanzt, geschlafen oder einfach gewohnt.

Kletterwände in einer Kirche

Kletterhalle: Die ehemalige Pfarrkirche St. Peter in Mönchengladbach ist heute Deutschlands erste Kletterkirche. Auf 1.300 Quadratmetern können Besucher hier Steilwände erklimmen.

Kletterhalle: Die ehemalige Pfarrkirche St. Peter in Mönchengladbach ist heute Deutschlands erste Kletterkirche. Auf 1.300 Quadratmetern können Besucher hier Steilwände erklimmen.

Einsteiger können hier erst einmal harmlos anfangen, für Fortgeschrittene geht es in die 13 Meter hohe Kirchenwand hinein.

Wohnhaus: Barrierefreie Wohnungen entstanden in der ehemaligen Kirche Maria Königin in Dülmen. Dafür bekam das Projekt den NRW-Landespreis 2012 für Architektur, Wohnungs- und Städtebau.

Kita: Die katholische Kindertagesstätte Christoph König in Düsseldorf ist in die ehemalige gleichnamige Kirche umgezogen. Jetzt stehen Kinderbettchen in den einstigen Kirchenräumen.

Künstlertreff: Die Auferstehungskirche in Köln wurde 2005 im Rahmen des Modellprojektes "Kirchenumnutzung NRW" renoviert. An Sonn- und Feiertagen wird sie von der evangelischen Gemeinde genutzt.

Das ehemalige Kölner Kirchengebäude ist heute aber auch Begegnungsstätte und Künstlertreff - sowie bei der Veranstaltung "Eight Days a Week", bei der Künstler aus Köln und Liverpool ein vielfältiges Programm gestalteten.

Konzertsaal: Das "Anneliese Brost Musikforum Ruhr" in Bochum ist ein Konzerthaus für die Bochumer Symphoniker und stellt auch gleichzeitig einen Saal für die städtische Musikschule zur Verfügung.

 Die ehemalige St.-Marien-Kirche dient als Foyer für beide Säle.

Kulturkirche: Auch aus der ehemaligen Kölner Lutherkirche wurde die Kulturkirche Köln. Dort finden regelmäßig Konzerte, Lesungen und Kabarett statt. Auch der Rockpalast war schon zu Gast.

Hotel: In Aachen war in der leer stehenden Kirche St. Elisabeth für ein paar Monate ein Hotel entstanden. Außerdem gab es über Wochen ein großes Kulturprogramm mit Lesungen und Konzerten.

Die würfelförmigen Zimmer wurden von 60 Designstudenten der Fachhochschule Aachen konzipiert. Hunderte Gäste übernachteten im ehemaligen Kirchenschiff. Arbeitslose Flüchtlinge betrieben für drei Monate das temporäre Hotel samt Bar.

Statt Kirchenbänken standen im Kirchenschiff große Frühstückstafeln mitten im einstigen Kirchensaal. Jetzt überlegen die Macher, wie es mit den Räumlichkeiten weitergehen könnte.

Stand: 06.10.2017, 12:28