Kardinal Joachim Meisner: Er sah sich als Wachhund der Kirche

Kardinal Joachim Meisner: Er sah sich als Wachhund der Kirche

Von Marion Menne

Er hatte Biss, sprach klare Worte und brachte nicht selten liberaler denkende Katholiken gegen sich auf: Kardinal Joachim Meisner, der frühere Kölner Erzbischof, ist tot. Er starb am Mittwoch (05.07.2017) im Alter von 83 Jahren.

Die Kölner wollten ihn nicht, und er wollte Köln nicht. Gegen den Willen des Domkapitels machte der Vatikan den 1933 in Breslau geborenen Meisner im Februar 1989 zum Erzbischof am Rhein. Damals sagte Meisner, er wolle alles tun, damit aus der Muss-Ehe eine Liebes-Ehe werde. 20 Jahre später beteuerte er, dass er sich "hier wirklich auch zu Hause" fühle.

Nachdem der Papst das Rücktrittsgesuch abgelehnt hatte, den Meisner pro forma mit 75 Jahren nach Rom schicken musste, sagte der Erzbischof im Domradio sogar voraus: "Ich bleibe hier bis zum letzten Atemzug." Es kam dann doch anders, fünf Jahre später wurde er in den Ruhestand versetzt – zur Erleichterung vieler Gläubiger, die das Ende der Ära Meisner herbei gesehnt hatten.

"Widerstandskämpfer Gottes"

 Kardinal Joachim Meisner vor dem Kölner Dom

Umstritten bei den Kölnern

Ins liberale Rheinland schien Meisner bis zum Schluss nicht zu passen, und auch progressive Bischofskollegen hatten ihre Probleme mit dem radikalen Geistlichen. Als selbsternannter "Wachhund der katholischen Kirche", als "Widerstandskämpfer Gottes" predigte er gegen alles, was er als gottlos empfand, gegen Abtreibung, Homosexualität, Frauenpriestertum und die Abschaffung der Ehelosigkeit der Priester.

Klar, dass auch papstkritische Karnevalswagen scharfzüngig verurteilt wurden. Wenn Meisner wetterte, applaudierten die Fans und die Kritiker schäumten.

Harte Linie bei Abtreibung

Meisner-Predigten sorgten oft für Schlagzeilen. 1998 verglich er die Abtreibungspille RU 486 mit Zyklon B, dem Tötungsmittel in den Gaskammern der NS-Vernichtungslager. 1992 empfahl er der CDU, das "C" zu streichen, wenn die Partei im Streit um den Paragrafen 218 kein klares Votum für das ungeborene Leben abgeben könne.

Beim Thema Abtreibung brüskierte er sogar seine Bischofskollegen, in dem er sich im Alleingang nach einem erarbeiteten Kompromiss an Rom wandte und erwirkte, dass der Papst 1999 den Ausstieg der katholischen Kirche aus der staatlichen Schwangerschaftskonfliktberatung verfügte.

Wirbel um "entartete Kunst"

Einen Eklat gab es auch 2007, als der Erzbischof bei der Eröffnung des Kölner Diözesanmuseums von "entarteter Kunst" sprach. Er sagte: "Dort, wo die Kultur vom Kultus, von der Gottesverehrung abgekoppelt wird, erstarrt der Kultus im Ritualismus und die Kultur entartet." Später entschuldigte sich der Erzbischof dafür. Im WDR-Fernsehen sagte er, er habe nicht daran gedacht, dass der Ausdruck bei den Nazis gang und gäbe war.

Mitschuld gab er auch den Journalisten, die den Redetext vorab hatten. Sie hätten ihn ja darauf hinweisen können, "wenn sie guten Willens wären". Aber die hätten wohl nur darauf gewartet, "das 'rauszuhauen". Ein Lob für Journalisten äußerte Meisner dagegen im Zuge des Missbrauchsskandals der katholischen Kirche im Jahr 2010: Er sei dankbar, dass sie zur Aufklärung beigetragen hätten.

Familie als Kraftquelle

In einem Interview erzählte Meisner einmal, wie er sich tröstete, wenn er wegen seiner Worte angegriffen wurde. In solchen Fällen nahm er sein Gebetbuch und las den Bibelvers über die, die selig sind, die um Gottes Willen geschmäht oder verfolgt wurden. Fast trotzig fügte er hinzu: "Ich habe immer für die Sache Gottes den Kopf hingehalten." Kraft gab ihm auch sein "Fundament Familie" - er hatte drei Brüder.

Auf die Frage, ob er bewusst provoziere, sagte er, er schreibe seine Predigt, wie sie ihm der Geist Gottes eingebe. "Ich denke nicht, EINEN dicken Hund musst Du reinbringen."

Bischof von Berlin

Archivbild von 1983: Der damalige Erzbischof von Köln Joseph Höffner (links) mit Meisner (rechts)

Nachfolger von Joseph Höffner

Joachim Meisner war ein Flüchtlingskind. In Schlesien geboren, siedelte er als Junge mit der Mutter - der Vater war im Krieg gefallen - und den drei Brüdern nach Thüringen über. Zunächst lernte er Bankkaufmann, dann holte er das Abitur nach und ließ sich zum Priester weihen. 1975 wurde er Bischof von Erfurt und schloss Freundschaft mit dem damaligen Krakauer Kardinal Karol Wojtyla, dem späteren Papst Johannes Paul II, der von Meisners Predigten angetan war.

Der Papst berief ihn 1980 denn auch zum Bischof von Berlin - auch hier schon gegen den Willen des Domkapitels. Meisner wurde der erste ausschließlich in der DDR ausgebildete Bischof der geteilten Stadt. Drei Jahre später erhob der Papst den Bischof zum Kardinal. 1988 folgte der Ruf nach Köln als Nachfolger von Joseph Höffner mit der Einführung als Erzbischof im Februar 1989.

Gute Kontakte zu Päpsten

Papst Benedikt XVI. trifft Joachim Kardinal Meisner (22.4.2005)

Treu dem Papst und der reinen Lehre

Nicht nur zu Papst Johannes Paul II. hatte der linientreue Meisner gute Beziehungen, auch zu dessen Nachfolger Benedikt XVI., den er kurz nach Amtsantritt zum Weltjugendtag 2005 in Köln begrüßen konnte.

Medienberichte rückten Meisner auch in die Nähe der erzkonservativen, umstrittenen Organisation Opus Dei. "Im Umfeld Meisners hat die Organisation ein machtvolles Netzwerk installiert, das liberale Kräfte verdrängt!", berichtete "Der Spiegel". Ein erklärtes Mitglied der Laienbewegung, Stephan Georg Schmidt, beförderte Meisner im November 2006 zum Sprecher des Erzbistums.

Bitte um Vergebung

Gegen Ende seiner Amtszeit wurde Joachim Meisner häufiger gefragt, ob er im Alter etwas milder geworden sei. "Stimmt das wirklich? Oder liegt das an meinen Zähnen, dass ich nicht mehr diesen Biss habe?", war die Antwort in einem seiner letzten großen Interviews. "Aber auch die Kritiker werden sich wohl an mich gewöhnt haben und sich sagen, das lohnt sich nicht mehr, der ist ja sowieso nicht zu bekehren."

Und doch: Als er sich in einem Brief von den Gläubigen verabschiedete, dankte er nicht nur für die Unterstützung. Er bat auch "alle sehr um Vergebung, wenn Ihnen mein Dienst nicht Stärkung, sondern vielleicht auch Ärgernis war".

Nachdrücklicher Applaus

Meisner hat schließlich seinen Frieden mit den Kölnern gemacht. Er blieb in der Domstadt, kümmerte sich um alte Priester, Nonnen und seine Stiftung zur Förderung des Priesternachwuchses in Osteuropa.

Erzbischof Rainer Maria Woelki nimmt von Kardinal Joachim Meisner den Petrusstab entgegen

Stabwechsel im Erzbistum Köln

Einmal noch stand er im Blickfeld, als er seinem Nachfolger Woelki im Kölner Dom den Petrusstab überreichte. Der dankte ihm ausdrücklich für seine Arbeit. Der Alt-Erzbischof war sehr gerührt, und die Gläubigen applaudierten – nicht lang, aber nachdrücklich.

Stand: 05.07.2017, 09:18