Faules Ei im Nest von RTL?

Fotomontage mit Dollar zu Panama Papers

Faules Ei im Nest von RTL?

Die Panama Papers werfen einen dunklen Schatten auf die RTL Group: Sie war an einer russischen Holding beteiligt, über die Millionen US-Dollar in fragwürdige Offshore-Kanäle umgeleitet wurden - um schließlich im Umfeld Wladimir Putins zu landen.

Der Sprecher von Wladimir Putin tat die Enthüllungen der Panama Papers als "Informationskrieg" ab und in Russland gab es nur wenige Medien, die es wagten, darüber zu berichten, was die Papiere über Wladimir Putins direktes Umfeld offenbarten.

Das Datenleck des panamaischen Briefkastenfirmenverkäufers Mossack Fonseca, das der Süddeutschen Zeitung (SZ) zugespielt und unter anderem von WDR und NDR ausgewertet worden war, förderte ein Geflecht an Scheinfirmen rund um Putins engen Freund Sergey Roldugin zutage, über das innerhalb weniger Jahre Milliarden Dollar geschleust worden waren.

Eine Briefkastenfirma mit unerklärlichem Reichtum

Eine spezielle Briefkastenfirma aus diesem Geflecht rund um Putins Freund Roldugin hat es in sich: Hunderte Verträge über zum Teil dreistellige Millionenbeträge wurden in ihrem Namen abgeschlossen, insgesamt wurden rund zwei Milliarden Dollar durch ihre Konten in der Schweiz und auf Zypern geschleust.

Sergey Roldugin am Flügel

Künstler und Putin-Freund: Sergey Roldugin

Sie trägt den unscheinbaren Namen Sandalwood Continental und ausgedruckt füllen die Verträge, die Sandalwoods gigantischen Reichtum dokumentieren, ein dutzend Ordner. Aus dem Milliarden-Karussell Sandalwood floss auch Geld zurück nach Russland, beispielsweise an ein Ski-Ressort, in dem Putins Tochter laut Medienberichten ihre Hochzeit feierte.

Geld aus dem russischen Medienmarkt

Die Verträge aus den Panama Papers zeigen, dass viel von dem Geld, das Sandalwood einnahm, aus Geschäften im russischen Medienmarkt stammte und über den Umweg von weiteren Scheinfirmen und fragwürdigen Finanztransaktionen auf Sandalwoods Konten verschoben wurde.

Schriftzug der RTL Group an dem Verwaltungsgebäude in Luxemburg,

Die Zentrale der RTL Group in Luxemburg

Hier kommt die RTL Group ins Spiel: Sie war an einem russischen Medienunternehmen beteiligt, während dieses im Hintergrund über Briefkastenfirmen und dubiose Transaktionen hunderte Millionen Dollar an Sandalwood ablieferte, das wiederum Millionen in Putins engstes Umfeld schleuste.

Mehrere Finanzexperten, die die Verträge rund um Sandalwoods Milliarden-Karussell studierten, vermuten, dass mit Sandalwoods Finanztransaktionen Geld gewaschen wurde.

RTL Group mit Beteiligung nah an Putins Umfeld

Die RTL Group hatte sich 2011 nah ins Umfeld von Wladimir Putin und seinem engsten Zirkel begeben. Die Mediengruppe, deren deutscher Ableger mehr als 2.000 Mitarbeiter am Standort Köln beschäftigt und deren Mehrheitseigentümer Bertelsmann in Gütersloh sitzt, hatte sich mit 7,5 Prozent an der russischen Medienholding "National Media Group" (NMG) beteiligt.

Die RTL Group war zuvor bereits Anteilseigner am russischen Fernsehsender Ren-TV gewesen. Dieser schlüpfte jedoch unter das Dach der National Media Group. Die RTL Group betont, das sei nicht ihre Entscheidung gewesen. Anstelle der Ren-TV Beteiligung wurden der RTL Group nun 7,5 Prozent an der National Media Group angeboten.

Zentrale der russischen Bank Rossiya

Von EU und USA sanktioniert: Bank Rossiya

Die RTL Group hatte es nun aber plötzlich mit einem anderen Umfeld zu tun, nämlich unter anderem mit der St. Petersburger Bank Rossiya. Diese Bank ist inzwischen kein unbeschriebenes Blatt mehr: Nach der Annexion der Krim durch Russland im Jahr 2014 wurde sie von den USA und der EU unter Sanktionen gestellt, unter anderem wegen ihrer direkten Nähe zur obersten politischen Führung Russlands.

Die Bank Rossiya ist es auch gewesen, die ausweislich der Panama Papers Sandalwoods Milliarden-Karussell gesteuert hat. Unzählige E-Mails aus den Panamapapieren belegen, wie die Mitarbeiter der Bank dafür sorgten, dass riesige Summen an Sandalwood gingen.

Juri Kowaltschuk

Juri Kowaltschuk

Einer der größeren Einzelaktionäre von Bank Rossiya ist Juri Kowaltschuk, der als einer der engsten Vertrauten von Wladimir Putin gilt. Kowaltschuk wurde 2014 ebenfalls von den USA wegen seiner Nähe zu Putin unter Sanktionen gestellt. Die USA nannten ihn offiziell "einen von Putins Kassenwarten". Auch an der National Media Group war Kowaltschuk beteiligt, als die RTL Group dort einstieg.

"Wir wollen Russen in Russland sein"

Gerhard Zeiler bei der Deutschland-Premiere von "K-19 Showdown in der Tiefe" im Cinedom Koeln

Gerhard Zeiler

Anfang Oktober 2011 traf sich Gerhard Zeiler - damals nicht nur Chef der RTL Group, sondern auch Vorstandsmitglied bei Bertelsmann - in Russland mit den anderen Anteilseignern der National Media Group - darunter auch Kowaltschuk.

Zeiler war bei dem Meeting laut Protokoll um warme Worte nicht verlegen: "Und heute kann ich sagen, dass wir glücklich sind mit unserer Entscheidung, zu investieren (…) und wir sind sehr, sehr glücklich mit unserem Partner, der National Media Group." Und dann dieser Satz: "Wir sind Deutsche in Deutschland, wir sind Franzosen in Frankreich und wir wollen Russen in Russland sein."

Fragwürdiger Kredit

Doch wie die Panama Papers offenbaren, hatte sich die RTL Group damit wohl ein faules Ei ins Nest gelegt. Dieses Ei besteht aus wenigen Seiten Papier und trägt die Ziffern 230-01-06/08. Es ist ein Vertrag, abgeschlossen zwischen der NMG und dem Milliarden-Karussell Sandalwood.

Es geht darin um einen Kredit, der ursprünglich Jahre vorher verliehen worden war. Damals kaufte die National Media Group einen russischen Kabelnetzbetreiber, Schulden wurden aufgenommen. 2011, etwa zu der Zeit, als Gerhard Zeiler in Moskau als Investor empfangen wurde, wurden diese Schulden schließlich fällig.

Grafik: Darstellung der Beteiligung der RTL Group an NMG

Das Geldkarussell

200 Millionen Dollar - ein satter Betrag, den NMG bezahlen musste. Doch bezahlt wurde das Geld nicht etwa an den Kreditgeber, sondern NMG lieferte die 200 Millionen direkt bei Sandalwood ab, dem Milliarden-Karussell aus Putins Umfeld, das mit dem ursprünglichen Geschäft, dem Kauf des Kabelnetzbetreibers, überhaupt nichts zu tun hatte.

Gesteuert wurde der Geldfluss von niemand anderem als von der Bank Rossiya, wie die Panamapapiere belegen. Doch wie verschiebt man 200 Millionen an eine unbeteiligte Scheinfirma?

Geld verschieben mit Tricks

Wie die geheimen Verträge zeigen, ist der Trick fast immer der gleiche: Man verpackt die Summe als sogenannten "endfälligen" Kredit, das heißt, es gibt keine Tilgung und oft auch keine Zinszahlungen während der Laufzeit. Der komplette Betrag muss erst an einem Stichtag am Ende der Laufzeit zurückbezahlt werden, oftmals zusammen mit den gesamten Zinsen, die bis dahin aufgelaufen sind.

Dieses Kreditpaket wird noch vor dem Stichtag vom ursprünglichen Kreditgeber einfach weiterverkauft - zum Beispiel an Scheinfirmen, die eigentlich gar nichts mit dem ursprünglichen Kreditgeschäft zu tun haben. Diese Scheinfirmen erwerben das Recht, die Kreditsumme und eventuelle Zinsen am Stichtag einzutreiben - aber ohne, dass sie das Geld am Anfang selbst verliehen hätten und oftmals ohne, dass sie überhaupt etwas Nennenswertes zahlen müssen.

Mit diesem Trick lassen sich bequem Milliardensummen auf Offshore-Konten von Briefkastenfirmen schaufeln, wie der Fall von Sandalwood zeigt.

"Selbes Schema"

Mark Pieth redet bei der FIFA

Mark Pieth

Experten sehen solche Transaktionen als dubios an und nehmen schnell das Wort "Geldwäsche" in den Mund: "Anscheinend liegen solchen Transaktionen Steuerhinterziehung, Betrug oder andere dunkle Machenschaften zugrunde - mit dem letztendlichen Ziel der Geldwäsche", sagt David Weber, Finanzexperte der Universität Maryland, der einige der Verträge, mit denen Sandalwood Geld verschob, analysiert hat.

Auch Mark Pieth, Strafrechtsprofessor und Geldwäsche-Experte aus der Schweiz, kam einiges an den Sandalwood-Verträgen bekannt vor: "Eine Gruppe um den ehemaligen russischen Telekommunikationsminister steht bis heute unter dringendem Verdacht, hunderte Millionen Dollar gewaschen zu haben, und zwar exakt mit solchen Darlehensverträgen." Auch das sei aus dem Umfeld Putins gewesen. "Für mich sieht es nach demselben Schema aus", sagt Pieth.

"Kein wirtschaftlich erkennbarer Sinn"

Prof Hartmann- Wendels

Thomas Hartmann- Wendels

Auch der Kreditvertrag mit der Nummer 230-01-06/08, ein Kreditpaket im Wert von 200 Millionen Dollar, ging durch viele Hände. Penibel ist im Vertrag vermerkt, wie der Kredit weiterverkauft wurde, von einer obskuren Briefkastenfirma zur nächsten, manchmal sogar mehrmals am gleichen Tag - bis er bei Sandalwood landete, das ihn für nur einen Dollar kaufte.

"Wenn man solche Verträge sieht, in denen Briefkastenfirmen Kredite ohne wirtschaftlich erkennbaren Sinn weiterverkaufen, kann man schon das Gefühl bekommen, dass hier etwas verschleiert werden soll", sagt Thomas Hartmann-Wendels, Professor für Bankbetriebslehre an der Universität Köln, nach der Durchsicht des Vertrags.

Russland Hochrisikoland für Geldwäsche

Russland gilt als Hochrisikoland, was Geldwäsche betrifft. Investoren lassen häufig vor einem Einstieg in ein russisches Unternehmen die Bücher akribisch durchleuchten, um solche Risiken aufzudecken. Die RTL-Gruppe erklärte auf Anfrage, es sei ihr schon ab 2011 nur um den Ausstieg aus dem Russland-Engagement gegangen.

Dem Tausch - die Beteiligung am russischen Fernsehsender Ren-TV gegen die 7,5 Prozent an NMG - habe man zugestimmt, weil ein Ausstieg zu diesem Zeitpunkt nur unter Verlusten möglich gewesen wäre. Deswegen habe man auch die Prüfung der Bücher von NMG unter dem Blickwinkel vornehmen lassen, bald auszusteigen.

Fragwürdiger Vertrag erregte keine Aufmerksamkeit

Die NMG habe die für die Prüfung angeforderten Dokumente lediglich "in ungeordneter Form" zur Verfügung gestellt, darunter auch Vertrag 230-01-06/08. Dass es sich um einen 200-Millionen-Kredit handelte, sei aus dem Abschlussbericht der mit der Prüfung beauftragten Anwaltskanzlei nicht hervorgegangen, erklärte ein Sprecher der RTL Group auf Anfrage.

In dem Bericht der RTL-Rechtsberater habe es vielmehr geheißen, dass keines der Dokumente spezielle Aufmerksamkeit erregt hätte.

"Indizien, die stutzig machen"

"Wenn in den Büchern Briefkastenfirmen auftauchen oder Millionenbeträge, die in Kredite verpackt unter Nominalwert weitergereicht werden, sind das schon Indizien, die einen stutzig machen können, vor allem bei einem Investment in Russland", sagt Michael Nietsch, Professor an der European Business School und Leiter des Center for Corporate Compliance an der EBS Law School in Wiesbaden.

Auch nur der Verdacht auf Geldwäsche wäre für Investoren eigentlich ein Grund, die Finger von einer Firmenbeteiligung zu lassen, denn die Gefahr wäre groß, in Rechtsverstöße verwickelt zu werden.

2013 beendete die RTL Group ihr Engagement bei NMG. Weder die Bank Rossiya, noch Juri Kowaltschuk, die National Media Group oder der ehemalige Inhaber von Sandalwood wollten sich auf Anfrage des WDR zur Sache äußern.

Mitarbeit: Frederik Obermaier, Oliver Zihlmann, Olesya Shmagun

Stand: 16.12.2016, 16:25