Skandal um gepanschte Medikamente: Viele Patienten noch nicht informiert

Skandal um gepanschte Medikamente: Viele Patienten noch nicht informiert

Von Jasmin Klofta und Oliver Schröm

Der Bottroper Apotheker-Skandal weitet sich aus: Nach Recherchen von ARD und correctiv wurden 3.700 Patienten in sechs Bundesländern beliefert. Viele wissen bis heute nicht davon, dass ihre Krebsmedikamente offenbar gestreckt worden sind. NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) will nun bestimmte Apotheken schärfer und unangemeldet kontrollieren.

Renate Okrent ist vermutlich Opfer eines der größten Medizinskandale der vergangenen Jahre. Die 59-Jährige hatte Brustkrebs. Vor zweieinhalb Jahren wurde ihr der bösartige Tumor entfernt. Danach erhielt sie eine Chemotherapie mit dem Wirkstoff Docetaxel, geliefert von der Alten Apotheke in Bottrop unter der Leitung des damaligen Inhabers.

Seit Ende Juni lebt Okrent mit der Angst, dass ihre Chemotherapie nicht genug Wirkstoff enthielt und bei der Nachbehandlung nicht alle Metastasen vernichtet wurden. Denn auf der Webseite der Stadt Bottrop hatte sie gelesen, dass Docetaxel zu den Wirkstoffen gehört, die der Bottroper Apotheker Peter S. jahrelang gestreckt hatte.

Von ihrem Arzt ist Okrent enttäuscht. Der hatte sie nicht informiert, obwohl ihn die Behörden wohl frühzeitig über den Verdacht unterrichtet hatten. "Ich bin in keinster Weise informiert worden. Von niemandem. Weder von der Fachärztin, vom Krankenhaus noch irgendwas."

Fall des Bottroper Apothekers: Wut und Verunsicherung

WDR 2 | 30.06.2017 | 02:58 Min.

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Patienten in sechs Bundesländern betroffen

Wie Renate Okrent erging es vermutlich Tausenden von Krebspatienten. Laut den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in Essen sind bundesweit rund 3.700 Patienten betroffen. 37 Arztpraxen und Kliniken seien demnach in den vergangenen fünf Jahren von dem Bottroper Apotheker mit falsch dosierten Krebsmedikamenten beliefert worden. Die meisten davon in Nordrhein-Westfalen. Es gab allerdings auch Abnehmer in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Saarland, Sachsen und Niedersachsen.

Die Staatsanwaltschaft hat bislang aber nur den Abrechnungszeitraum der vergangenen fünf Jahre ausgewertet, der für eine Anklage wegen Abrechnungsbetrug relevant ist. Fälle aus der Zeit davor wären strafrechtlich verjährt. Nach Recherchen der ARD und des gemeinnützigen Recherchezentrums correctiv könnte die Zahl der mutmaßlich betroffenen Patienten weit größer sein. Seit 2005 hat der Apotheker mehr als 7.300 Menschen mit den 49 Wirkstoffen beliefert, die derzeit auf der Liste mit den manipulierten Wirkstoffen stehen, die das Bottroper Gesundheitsamt veröffentlicht hat.

NRW-Gesundheitsminister will Apotheken unangemeldet kontrollieren

Karl-Josef Laumann

NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann

NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) zeigte sich erschüttert, als er im Interview mit dem ARD-Magazin Panorama erfuhr, dass viele Patienten nicht unterrichtet wurden. Die Dimensionen des Falles seien nicht bekannt gewesen. "Wir werden uns jetzt sofort darum kümmern, dass wir an die Adressen dieser Menschen kommen und dann werden sie selbstverständlich informiert", sagte Laumann.

"Wenn die Behörden, die Ärzte und Krankenhäuser, die die Medikamente verabreichten, informiert haben, dann ist es auch deren Aufgabe, ihre Patientinnen und Patienten zu informieren. Ich finde, das ist für einen Behandler schlicht die Pflicht, dieses zu tun." Einige der behandelnden Ärzte erklärten gegenüber der ARD, sie seien selbst nicht ausreichend informiert worden. Außerdem gehe man nicht proaktiv auf möglicherweise betroffene Patienten zu, um sie nicht zu verunsichern.

Gesundheitsminister Laumann kündigte an, nun auch die Schwerpunkt-Apotheken für Krebspatienten in NRW strenger zu kontrollieren. In Zukunft sollten Kontrolleure auch unangekündigt Stichproben nehmen. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz forderte, dass nun andere Bundesländer umgehend nachziehen sollten - schließlich gebe es deutschlandweit über 200 dieser Schwerpunkt-Apotheken, die hunderttausende Patienten versorgen.

Der Bottroper Apotheker Peter S. war im November vergangenen Jahres festgenommen worden. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Apotheker vor, über Jahre Chemotherapien und Antikörper-Infusionen für Krebspatienten zu niedrig dosiert und sogar gänzlich ohne Wirkstoff ausgeliefert zu haben. Dadurch haben tausende Krebspatienten vermutlich wirkungslose Medikamente bekommen und sind so zu Schaden gekommen. Inzwischen steht die Apotheke unter neuer Leitung - und stellt nach eigenen Angaben keine Krebsmedikamente mehr her.

Entsetzen über Informationspolitik der Behörden

Ausgelöst hatte die Ermittlungen Martin Porwoll, damals kaufmännische Leiter der Apotheke. Er hatte die eingekauften Mengen der Wirkstoffe mit den Mengenangaben verglichen, die letztlich an die Patienten ausgeliefert wurden. Dabei hatte Porwoll festgestellt, dass bei einigen Medikamenten nur ein Fünftel des verordneten Wirkstoffs eingekauft wurde, den die Patienten eigentlich hätten bekommen sollen. Offenbar wurden die Medikamente „gestreckt“, um so den Profit zu steigern.

Über die Informationspolitik der Behörden ist Porwoll entsetzt. "Da habe ich mir sicherlich mehr vorgestellt", sagt er. "Ich habe das Ganze natürlich gemacht, um Patienten zu helfen. Und nun höre ich, dass es noch immer Betroffene gibt, die nicht wissen, dass sie betroffen sind." Die Gesundheitsbehörden hatten sich bisher darauf verlassen, dass die Ärzte und Kliniken die mutmaßlich betroffenen Patienten unterrichten.

Stand: 16.08.2017, 18:00