Auf der Liste des Todes

Dokumentarfilmer Paul Refsdal (l.) mit dem al-Nusra Kämpfer Lucas Kinney

Auf der Liste des Todes

Von Marion Kretz-Mangold

Ganz normale Menschen, die sich und andere in die Luft sprengen - ein Widerspruch in sich? Nein, sagt der Dokumentarfilmer Paul Refsdal, der Selbstmordattentäter in Syrien begleitet hat. Ein Interview mit dem Macher von "Per Knopfdruck ins Paradies".

Seit fünf Jahren tobt der Bürgerkrieg in Syrien. Rebellen, Al-Kaida und die Terrormiliz IS kämpfen gegen das Assad-Regime - und gegeneinander. Es gibt Tausende Tote, die Region gilt als eine der gefährlichsten der Welt. Trotzdem reist der norwegische Dokumentarfilmer Paul Refsdal immer wieder dorthin, auf der Suche nach der "Geschichte dahinter", wie er es nennt. Am Mittwoch (09.03.2016) zeigt der WDR seinen Film "Per Knopfdruck ins Paradies". Wir sprachen mit ihm über den Sinn von Selbstmordanschlägen, Bananen-Wettbewerbe und die "Präzisionsbombe des kleinen Mannes".

WDR: Mr. Refsdal, Ihre Doku beginnt mit einer Szene, in der ein sympathischer junger Mann voller Stolz sein Fahrzeug vorführt. Das tun junge Männer auf der ganzen Welt. Nur handelt es sich hier nicht um irgendein Auto, sondern um einen Laster voller Sprengstoff, mit dem er möglichst viele Menschen umbringen will - "so Gott will". Irgendwie kriegt man das als Zuschauer im Kopf nicht richtig zusammen.

Paul Refsdal: Ja, dieser Mad-Max-Truck ist schon ziemlich erschreckend. Und ja, ich wollte die Zuschauer sofort in den Krieg hineinwerfen und die Menschen zeigen, die damit leben.

WDR: Das sind Angehörige einer Gruppe der Al-Nusra, die sie mehrere Wochen lang begleitet haben. Wie haben Sie sie kennen gelernt?

Refsdal: Das hat lange gedauert. Ich war schon 2013 in Syrien bei den Rebellen und wollte mich dann als "embedded journalist" Al-Nusra anschließen. In einem Trainingslager, das von einem ehemaligen Guantanamo-Häftling geleitet wurde, habe ich einige Al-Nusra-Mitglieder kennengelernt. Die sagten mir dann im Sommer 2014, ich soll eine Bewerbung schicken, mit Lebenslauf, Empfehlungen und Erklärungen zum Vorhaben. Das war wie eine Bewerbung für einen Job.

WDR: Irgendwie seltsam, oder?

Refsdal: Eigentlich nicht. Das sind keine Leute, wie wir sie uns bei Al-Kaida vorstellen, die im Versteck leben und in der Küche eine Bombe basteln. Diese Leute haben eine Verwaltung, eine Finanzabteilung und eben ein Pressebüro.

WDR: Sie haben den Job bekommen. Vermutlich wollte Al-Nusra im Gegenzug, dass Sie ein bestimmtes Bild zeichnen.

Refsdal: Überhaupt nicht! Sie haben mich gefragt, was ich zeigen will. Ich hatte bestimmte Vorstellungen: Ich wollte nicht die Führer zeigen, sondern die Fußsoldaten, ich wollte lange bleiben, weil ich wusste, dass sie sich dann eher öffnen, und ich wollte eine Gruppe mit einer Mission zeigen. Da hatte ich die Idee, Leute zu filmen, die auf eine Shahid-Operation warten, also auf ein Selbstmord-Attentat, und sich auf eine Liste setzen lassen. Darunter war auch der junge Saudi, der ganz anders war, als ich erwartet hatte.

WDR: Inwiefern?

Ein Angehöriger von al-Nusra betrachtet ein Video

Der Saudi kennt seine Tochter nur von Videos

Refsdal: Er hat eine wunderbare Stimme. Und er ist ein Witzbold. Er tritt auch als Prediger auf, und da ist er der geborene Unterhalter. Das war schon erstaunlich, weil ich dachte, diese Leute sind totale Langweiler. Wir denken immer, dass diese Selbstmord-Attentäter sind, dass sie sich nur wegen der Jungfrauen im Paradies in die Luft sprengen und langweilige, engstirnige Fanatiker sind. Das sind sie eben nicht. Es sind denkende Menschen, die auch Zweifel haben.

WDR: Wie der Brite, der geheiratet hat und erfuhr, dass seine Frau schwanger ist.

Refsdal: Ja, und er hat seine Meinung geändert. Anfangs war er noch sehr großspurig und tapfer, aber dann sagte er: Vielleicht ist das doch keine gute Idee. Das war eine sehr gute Entwicklung, für den Film und für ihn.

WDR: Wenn Sie sich darüber freuen, haben Sie wohl Sympathie für ihn entwickelt. War es schwierig für Sie, unbeteiligt zu bleiben und Abstand zu wahren?

Refsdal: Schon. Wenn man mit Menschen in einem Raum schläft, mit ihnen isst und Witze reißt, lernt man sie und ihre schwachen Stellen kennen. Und man mag sie.

WDR: Und Sie hatten die Sorge, dass die Männer auf der Liste nach oben rücken und Sie Zeuge ihres Todes werden?

Dugma

Tödliche "Schalter zum Paradies"

Refsdal: Das wäre möglich gewesen. An einem Punkt war es so, dass wir den Saudi in den Ort begleitet haben, in den er den Laster mit 10 bis 15 Tonnen Sprengstoff fahren sollte. Da war der Tag schon festgelegt. Aber dann wurde der Laster zerstört und wir von der syrischen Luftwaffe bombardiert. Und dann sagte er einfach: "Okay, lasst uns ausgehen und Hähnchen essen." Das machte ihm überhaupt nichts aus, es war fast ein bisschen absurd.

WDR: So wie die Szenen, in denen die Männer Rezepte für die besten Grillsaucen austauschen oder Bananen-Ess-Wettbewerbe organisieren. Zumindest wirkt das auf den westlichen Betrachter absurd.

Refsdal: Das ist eben nicht die Standardvorstellung, die man sich von Al-Kaida macht. Aber das ist die Absicht hinter dem Film: Ich will den Feind vermenschlichen. Es gibt eine unselige Tradition, den Feind als Dämon und Nicht-Menschen zu zeigen. Ich habe selbst lange darunter gelitten, weil die Wehrmacht Norwegen besetzt hatte und meine Mutter Deutsche war. Das war wahrscheinlich auch der Grund dafür, warum ich diese Art von Filmen mache. Ich habe ein großes Interesse daran, die andere Seite der Geschichte zu zeigen.

WDR: Aber wird das die Auseinandersetzung mit diesen Leuten irgendwie verändern, wenn Sie sie als normale Menschen darstellen? Normale Menschen fahren keine Selbstmord-Laster und versuchen nicht, so viele Menschen wie möglich zu töten.

Refsdal: Nusra ist eine normale aufständische Gruppe, die gegen das Assad-Regime kämpft. Sie darf keine Operationen außerhalb Syriens durchführen und würde nie eine Bombe in der Türkei oder Paris zünden. Ich kann nicht für Al-Kaida als Ganzes sprechen, weil es so viele Gruppen gibt und Al-Kaida auch Dinge getan hat, die absolut inakzeptabel sind. Aber wenn der Westen den Sturz von Assad will, sollte er Al-Nusra und die anderen religiösen Gruppen nicht mehr bombardieren.

WDR: Viele Menschen im Westen sagen trotzdem: Gewalt, und besonders diese Form der Gewalt, ist nicht zu rechtfertigen.

Refsdal: Ich denke, sie ist sehr berechtigt. Al-Nusra kämpft gegen das Regime, das Tausende von Zivilisten getötet hat. Ich habe kein Problem damit, wie sie den Krieg in Syrien führen.

WDR: Auch mit Selbstmordanschlägen?

Refsdal: Ja, denn sie richten sich gegen militärische Ziele. Als ich mit Nusra sprach, sagten sie immer: Wir wollen erst den Platz sehen, wo wir angreifen sollen, um sicher zu gehen, dass da keine Zivilisten wohnen. Und ihre Waffe ist keine lasergelenkte Bombe, sondern eben ein Laster, den sie zum Ziel fahren. Das ist die Präzisionsbombe des kleinen Mannes. Wenn es also nur gegen militärische Ziele geht, habe ich kein Problem damit. Womit ich ein Problem habe, ist, wenn sie sich dafür entscheiden, den Knopf zu drücken und sich selbst zu töten.

WDR: Waren Sie erleichtert, als der Saudi sich nicht in die Luft sprengen musste?

Refsdal: Ja. Man lebt in Syrien zwar permanent mit der Gefahr und funktioniert auf Autopilot. Der Tod ist nie weit weg. Hier in Norwegen habe ich ein anderes Gefühl. Vielleicht bin ich ein schlechter Filmemacher, aber ich hoffe immer noch, dass sie den Knopf nicht drücken.

WDR: Und was werden Sie als nächstes tun?

Refsdal: Vielleicht gehe ich wieder nach Syrien. Aber bestimmt nicht zum IS - denen traue ich nicht.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen: Marion Kretz-Mangold

Stand: 08.03.2016, 13:00