"Nationalität spielt bei Kriminalität keine Rolle"

U-Bahnstation der Ruhr-Universität

"Nationalität spielt bei Kriminalität keine Rolle"

  • Iraker soll Sexualdelikte in Bochum begangen haben
  • Kriminologe Pfeiffer: Prägung ist entscheidend
  • "Polizeiliche Statistiken sind untauglich"

WDR.de: In Bochum und Freiburg wurden Frauen möglicherweise von Ausländern vergewaltigt. Darüber wird nun heftig diskutiert. Was halten Sie von der Diskussion?

Christian Pfeiffer, früherer Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen

Kriminologe Christian Pfeiffer

Christian Pfeiffer: Die Diskussion ist reichlich oberflächlich. Sie beschränkt sich auf die Frage, wie hoch jeweils das Risiko sei, durch Deutsche oder Ausländer vergewaltigt zu werden. Das ist die falsche Fragestellung. Richtigerweise müsste gefragt werden: Wie sind die Merkmale von Männern, die Frauen vergewaltigen? Dann merken Sie, dass Nationalität bei Kriminalität keine Rolle spielt, aber sehr wohl Faktoren, die in der Kindheit prägend sind. Männer, die als Kinder zum Beispiel von ihren Eltern geprügelt wurden, die Ohnmacht oder wenig Liebe erfahren haben, neigen später dazu, ihr Sexualverhalten als Machtspiel zu gestalten und die Demütigung des Gegenübers als einen lustvollen Aspekt zu erleben.

WDR.de: Lässt sich das mit Zahlen belegen?

Pfeiffer: Die Zahl der vollendeten Vergewaltigungen ist zwischen 2004 und 2015 um etwa ein Fünftel gesunken. 2004 waren es 7.505, 2015 noch 5.934 - und dies parallel zum einem ständigen Wachstum des Anteils von Menschen, die aus dem Ausland zu uns gekommen sind. Schon an diesem kleinen Beispiel erkennt man, da stimmt irgendwas nicht. Die Kriminalität in Deutschland geht im Gewaltbereich um 15 Prozent nach unten, gleichzeitig haben wir ein starkes Anwachsen des Anteils der "Fremden". Die Schnellschuss-Antwort, die Ausländer sind die Bösen und verantwortlich für die Kriminalität, ist einfach falsch.

WDR.de: Wie schätzen Sie in diesem Zusammenhang Polizeistatistiken ein?

Pfeiffer: Polizeiliche Statistiken sind untauglich, um die Kriminalität von Deutschen und Ausländern zu vergleichen, weil die "Fremden" ein erhöhtes Risiko haben, angezeigt zu werden. Das ist nicht nur in Deutschland so, sondern weltweit. Ich sage es mal am Beispiel von deutschen Jugendlichen, die wir dazu erforscht haben: Wenn Max von Moritz verprügelt wird, ist die Anzeigebereitschaft 19 Prozent, wird Max von Mehmet verprügelt, ist sie über 31 Prozent.

Pressekonferenz Bochum

Die Bochumer Polizei gab Details über den festgenommenen Iraker bekannt

Sichere Forschungsergebnisse kann man nur dann gewinnen, wenn man beispielsweise 10.000 Frauen fragt: Sind Sie vergewaltigt worden? Wenn ja, wer war der Täter? Und haben Sie Anzeige erstattet? Erst auf der Basis solcher Untersuchungen kann man dem gerecht werden, was da im Augenblick öffentlich debattiert wird.

WDR.de: Was sagen Sie zu den diskutierten Sexualdelikten?

Pfeiffer: Nehmen wir den Freiburger Fall. Hier ist eindeutig ein Sexualmord geschehen, offenbar durch jemanden, der aus Afghanistan kommt. Aber die Sexualmorde in Deutschland haben seit Mitte der 1980er Jahre von 50 auf fünf im Durchschnitt abgenommen. 90 Prozent Rückgang dieses grauenhaften Deliktes. Und das parallel zu einem ständigen Anstieg von "Fremden" im Land. Da merkt man doch, dass die Schnellschuss-Analysen, die im Internet durch wenig informierte Menschen zu finden sind, einfach der Komplexität dieser Vorgänge gar nicht gerecht werden.

WDR.de: Welchen Einfluss hat die Kultur?

Pfeiffer: Auch die Prägungen in einer bestimmten Kultur sind gelernte Vorgänge. Wir haben in Deutschland sehr viele Menschen aus Ländern bekommen, in denen es männliche Dominanz gibt wie etwa in der Türkei. Wir haben 1998 damit begonnen, solches Macho-Verhalten systematisch zu erfassen und in Verbindung mit Kriminalitätsverhalten zu bringen. Am Beispiel Hannover zeigte sich, dass etwa 30 Prozent der männlichen jungen Türken gestandene Machos waren. Das Spannende ist, dass wir 2013 dieselbe Untersuchung wiederholt haben und einen steilen Rückgang auf zehn Prozent festgestellt haben. Parallel dazu hat eine Integration ins Bildungswesen und in Sportvereine stattgefunden.

Macho-Kultur baut sich also drastisch ab durch einen kulturellen Lernprozess. Das sind keine festen Merkmale bestimmter Nationen, sondern kulturell gelernte Verhaltensmuster, die sich sehr schnell auch verflüchtigen, wenn die Menschen eine Integrationschance haben.

Das Interview führte Dominik Reinle.

Stand: 06.12.2016, 16:38