Löhrmann: "Eine am Kind ausgerichtete Schule"

NRW-Schulministerin bei der Schuljahresauftaktpressekonferenz, in Düsseldorf (17.08.2012)

Löhrmann: "Eine am Kind ausgerichtete Schule"

Weg vom "Turbo-Abitur" - hin zu flexiblem und individuellem Lernen. Ist das das mögliche Ende der Strukturdebatte um G8 und G9? Im Mittelpunkt müsse stehen, was gut für das Kind ist, betont NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann auf WDR 5.

Turbo-Abitur oder nicht – die Diskussion kommt in NRW nicht zur Ruhe. G8 oder G9, warum nicht einfach beides? Wie zwei Kugeln Eis. Könnte das die Lösung sein? NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann hat gesagt: Lasst uns das doch machen und diese unendliche Debatte endlich einmal abhaken.

WDR 5: Zwei Kugeln Eis, das ist natürlich attraktiv. Das macht manchen Leuten aber auch Bauchschmerzen. Wie soll das denn funktionieren? Zwei Schienen parallel an jeder Schule?

Sylvia Löhrmann: Nein, eben nicht von der Schule aus denken, von den Strukturen aus denken. Das ist vielleicht das Neue an diesem Ansatz. Obwohl es so neu in Nordrhein-Westfalen auch gar nicht ist, das sehen wir an den Grundschulen. Es geht darum, dem Grundsatz zu folgen, dass jedes Kind anders ist und jedes Kind anders lernt.

Deswegen gibt es den Grundsatz der individuellen Förderung und deswegen ist es in Schulen schon jetzt möglich, dass Kinder unterschiedlich lange in der Schuleingangsphase sind – nämlich ein bis drei Jahre in einer zweijährig vorgegebenen Zeit. Das ist die flexible Schuleingangsphase. Die Guten, die Schnellen, die schon alles können, gehen in die dritte Klasse. Diejenigen, die noch etwas mehr Zeit brauchen, bleiben drei Jahre, können etwas aufholen und dann gehen sie erst in die dritte Klasse. Das ist individuelle Förderung: eine am Kind ausgerichtete Schule.

Und warum sollen wir nach diesem Grundsatz nicht auch in der Sekundarstufe I und in der Oberstufe vorgehen? Dieses strukturelles Denken behindert uns im Moment und lässt uns auch falsche Schlüsse ziehen. Warum nicht diesem Grundsatz folgen und hier vielleicht eine Lösung finden, die auch die Diskussion wieder befriedet. Daran wäre mir sehr gelegen.

WDR 5: Jeder Jeck ist anders. Das kann ich unterschreiben. Aber das muss man am Ende auch wieder in Strukturen gießen. Wo müsste die Entscheidung fallen? Es ist also nicht so, dass man ganz am Anfang schon sagt, welchen Strang man betritt und so das Schicksal des Schülers besiegelt wird. Ist ein Wechsel zwischen diesen beiden Systemen immer möglich?

Löhrmann: Ja. Es entscheidet sich eben, ob Jugendliche nach der zehnten Klasse schon so gut sind, dass sie etwa direkt in die Qualifikationsphase der Sekundarstufe II eintreten, also in die Zwölfte, und in der 13 dann ganz normal ihr Abitur machen, aber die elfte Klasse übersprungen haben. Das würde bedeuten, man könnte wieder eine gleich lange Sekundarstufe I machen. Denn viele beklagen, dass die Durchlässigkeit des Systems nicht gegeben ist.

Es gibt Schulen, die das heute schon individualisiert machen, das ist gar keine Frage. Es gibt auch Gesamtschulen, die so genannte Drehtürmodelle haben. Das heißt, Jugendliche, die besonders leistungsstark sind, werden zum Teil gezielt aus dem Unterricht herausgenommen, bekommen dann zusätzliches Lernfutter, gehen dann direkt, und zwar als Gruppe,  in die zwölfte Klasse.

G8 G9 steht in einem Gynasium an der Tagel

Welcher ist der richtige Weg zum Abitur?

Wir sollten nicht immer denken: Es gibt da eine Kiste, in der sind diese und jene Schülerinnen und Schüler drin. Vielmehr geht es um eine flexiblere auf die individuellen Lernbedürfnisse der Kinder und Jugendlichen abgestimmte Pädagogik. Und ich weiß, dass das auch Gymnasien machen. Das Gymnasium in Alsdorf, das den deutschen Schulpreis bekommen hat, hat so genannte Lernbänder. Und darin arbeiten die Jugendlichen individualisierter in Gruppen ihren Leistungsstärken entsprechend. Und diejenigen, die noch Schwächen haben, können dann noch zusätzliche Förderangebote bekommen.

Die Frage G8 oder G9 bleibt so zurück. Im Vordergrund steht vielmehr die Frage: Was ist gut für dieses Kind oder diesen Jugendlichen?  

WDR 5: Die finde ich auch gut. Aber ich habe so eine Sorge. Ich habe NRW-Abitur und Sie wissen, bundesweit wird das so ein bisschen belächelt. Wollen Sie wirklich so eine Zwei-Klassen-Gesellschaft aufbauen? Turbo-Abitur, das sind die Schlauen. Und dann gibt es auch noch die Langsamen NRW-Kandidaten. Das will doch keiner sein.

Löhrmann: In anderen Bundesländern gibt es diese Diskussion doch auch. In Bayern weiß Herr Spaenle im Moment auch noch nicht, wie er Herrn Seehofers Ansage umsetzen soll, eine Flexi-Mittelstufe zu machen. Die tüfteln und überlegen auch. In Bremen gibt es eine Variante, in der die zehnte Klasse an den Gymnasien noch die Sekundarstufe I, aber auch schon die Sekundarstufe II ist. Auch in einigen ostdeutschen Bundesländern hat es diese Scharnierfunktion, da kann man gar nicht von G8 oder G9 sprechen, sondern von 5+1+2-Modellen.

Da ist ganz viel, was auch in anderen Bundesländern so ist. Und wir haben zentrale Standards, wir haben zentrale Prüfungen, die wird es auch weiterhin geben. Ich erinnere einmal daran: Seitdem wir die zentralen Abiturprüfungen für die Gymnasiasten und Gesamtschüler haben, wissen wir doch auch, dass an Gesamtschulen gutes Abitur gemacht wird. Die Frage der Zeit ist dabei doch nicht entscheidend, ob acht oder neun Jahre oder die Sitzenbleiber mit der Ehrenrunde noch länger gebraucht haben. Das Entscheidende ist, wie das Abitur am Ende ist. Und das steht überhaupt nicht zur Disposition.

Löhrmann: "Eine am Kind ausgerichtete Schule"

WDR 5 Morgenecho - Interview | 15.09.2016 | 06:28 Min.

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WDR 5: Ich bin noch so aus der alten NRW-Zeit. Sicherlich hören uns auch Lehrer zu, die jetzt vielleicht sagen, sie haben keine Lust, dass das auf ihrem Rücken ausgetragen wird, nur weil man sich nicht für eine Lösung entscheiden will.

Löhrmann: Wir werden ja weiter diskutieren. Und ich kann den Lehrerinnen und Lehrern sagen, dass sie hervorragende Arbeit machen. Mir liegt ja nur daran, aus dieser Diskussion herauszukommen, wo alle wie das Kaninchen auf die Schlange schauen, weil ich weiß, dass unsere Lehrerinnen und Lehrer schon jetzt hervorragende Arbeit leisten, die Schülerinnen und Schüler annehmen und bestmöglich fördern.

Das wird kein Schnellschuss, sondern gut überlegt werden. Es wird wenn mit einer hoffentlich breiten Unterstützung umgesetzt werden, nach viel genauerem Überlegen, und dann auch mit Begleitmaßnahmen. Die Schulen und die Kolleginnen und Kollegen werden nicht allein gelassen.  

Das Interview führte Max von Malotki im WDR 5 Morgenecho vom 15.09.2016

Für eine bessere Rezeption weicht die schriftliche Fassung des Interviews an einigen Stellen vom gesendeten Interview ab und kann teilweise gekürzt sein. Die intendierte Ausrichtung der Fragen und Antworten bleibt dabei unberührt.

Reaktion der Landeselternschaft der Gymnasien in NRW

Der Vorstoß von NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann hat die Debatte noch einmal angefacht. G8 oder G9, Turbo-Abi oder klassisch? Warum nicht beides anbieten? 

"Ich konnte da noch nicht einmal drüber lachen", sagt Dieter Cohnen von der Landeselternschaft der Gymnasien in NRW im WDR 5 Morgenecho. Er habe sich gestern Abend (14.09.2016) bei einer Schulveranstaltung mit Lehrern unterhalten. "Vorsichtig gesagt hat es da ein leichtes Entsetzen gegeben. Die Frage, ob für jeden Schüler in NRW eine individuelle Lernzeit eingeführt wird, kann ja wohl nicht ernsthaft gestellt werden", äußert Cohnen seinen Unmut. Für Lehrer würde es eine Belastung darstellen, außerdem sei es keine Lösung des Problems, ist er überzeugt.

Die Landeselternschaft habe in ihrem Forderungskatalog an Schulministerin Löhrmann eingebracht, dass 80 Prozent der Eltern G9 wollten, 20 Prozent G8. "Wir wollen, dass die Möglichkeit, schnell zum Abitur zu kommen, gegeben wird, aber wir können deswegen doch nicht gleich das ganze Schulsystem aufbrechen." Der Weg zurück zu G9 sollte im Schulministerium vorbereitet werden – "und nicht ein dritter, vierter oder fünfter Weg", fordert Cohnen.

Landeselternschaft: "G9 ist Elternwille und kein neuer Weg"

WDR 5 Morgenecho - Interview | 15.09.2016 | 04:52 Min.

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Kommentar: Flexible Schulzeit für alle?

WDR 5 Westblick - aktuell | 15.09.2016 | 02:00 Min.

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Stand: 15.09.2016, 11:30