Genetisches Phantombild per DNA-Analyse?

Mit einer Spezialpipette entnimmt eine Gentechnik-Expertin die Flüssigkeit aus einem Probenbehälter.

Genetisches Phantombild per DNA-Analyse?

Mit der "erweiterten DNA-Analyse" können Forensiker mittlerweile Haar- , Hautfarbe und Herkunft unbekannter Straftäter ermitteln - ein Thema der derzeitigen Innenministerkonferenz. Möglichkeiten und Grenzen dieser Untersuchung erklärt ein Rechtsmediziner der Uni Köln.

Es geht um das "genetische Phantombild": Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) fordert, dass Ermittler künftig mittels DNA-Proben aus Speichel, Blut oder Haaren auch Vorhersagen zum äußeren Erscheinungsbild oder der Herkunft eines gesuchten Straftäters nutzen dürfen. Auf der bis Mittwoch (14.06.2017) tagenden Innenministerkonferenz in Dresden soll darüber diskutiert werden. In den Niederlanden darf die erweiterte DNA-Analyse bereits zur Aufklärung von Straftaten genutzt werden. Doch dieser Schritt ist hierzulande heftig umstritten.

Täterkreis eingrenzen

Mit der erweiterten DNA-Analyse soll es gelingen, den Kreis potenzieller Verdächtiger nach einer Straftat besser als bislang eingrenzen zu können. Die Diskussion darum war aufgekommen, als im Oktober vergangenen Jahres eine junge Frau in Freiburg von einem afghanischen Flüchtling vergewaltigt und ermordet worden war. Nur wenige Wochen später wurde eine Joggerin in der Nähe vom Freiburg ebenfalls Opfer eines Sexualmords. Als Täter fasste die Polizei sechs Monate später einen rumänischen Fernfahrer.

Peter Schneider, Leiter Abteilung Forensische Molekulargenetik am Institut für Rechtsmedizin, Universität Köln

Professor Peter Schneider leitet die Abteilung für Forensische Molekulargenetik am Institut für Rechtsmedizin der Uni Köln. Er ist außerdem Vorsitzender der Spurenkommission, einer gemeinsamen Kommission der rechtsmedizinischen und kriminaltechnischen Institute in Deutschland. Die Spurenkommission hat eine eigene Stellungnahme zu den Möglichkeiten und Grenzen der erweiterten DNA-Analyse verfasst.

Interview mit Peter Schneider über die erweiterte DNA-Analyse

WDR 5 Westblick | 13.06.2017 | 04:55 Min.

WDR.de: Welche Körpermerkmale lassen sich über die DNA überhaupt sicher feststellen?

Professor Peter Schneider: Zum einen sind das äußere Merkmale, die man sehen kann: Augenfarbe, Haarfarbe, Hautfarbe. Andere wichtige Merkmale sind die biogeografische Herkunft und das Alter eines Menschen.

Unterschiedlich gefärbte Strähnen aufgereiht an einer Wand

Haarfarbe per DNA bestimmen

Die Phänotypen des typischen Nordeuropäers – blonde Haare und blaue Augen – kommen dabei nur in Europa vor. Außerhalb Europas hat fast die gesamte Menschheit braune Augen und schwarze Haare. Blaue Augen können wir so mit hoher Sicherheit von braunen abgrenzen – solche Informationen in der DNA sind daher besonders aussagekräftig. Während die Mischtypen etwas schwieriger zu bestimmen sind. Genauso ist es bei der Haarfarbe: Schwarze und blonde Haare sind in der DNA gut zu unterscheiden, während es bei Brauntönen Ermessensspielräume gibt. Auch helle Hauttöne sind gut von dunklen abzugrenzen.

WDR.de: Hat man also DNA-Spuren eines Täters, die nicht den blonden, blauäugigen Nordeuropäer abbilden, wird die Gruppe der infrage kommenden Verdächtigen gleich ziemlich groß?

Peter Schneider: Ja, und hinzu kommt, dass es auch unter den Europäern braunäugige, dunkelhaarige Menschen gibt. Deshalb muss man diese äußerlich sichtbaren Merkmale gemeinsam mit denen zur genetischen Herkunft betrachten, die sich gegenseitig bestätigen müssen.

WDR.de: Sind Rückschlüsse über das Gesicht im Ganzen, vergleichbar mit einem Phantombild, möglich?

Das Bild zeigt einen Labormitarbeiter beim Pipettieren von DNA-Lösung.

Haare und Hautfarbe aus Genspuren ermitteln

Peter Schneider: Nein. Die Pigmentierungsmarker, die über Haar-, Haut- und Augenfarbe bestimmen, haben keinen Einfluss auf die Gesichtsform. Bei der Entstehung der menschlichen Gesichtszüge sind tausende von Genen involviert, von denen die meisten noch nicht entschlüsselt sind. Bis zum "genetischen Phantombild" ist es noch ein sehr, sehr weiter Weg.

Tatsächlich gibt es aber in Amerika eine Firma, die behauptet, sie könnte das schon – und virtuelle Gesichtsbilder aufgrund von DNA-Spuren erstellt. Das sind dann eher ethnische Stereotypen, keine individuellen Gesichter. Das ist aus meiner Sicht eine Schande für die seriöse Wissenschaft.

WDR.de: In welchen Fällen halten Sie eine erweiterte DNA-Analyse überhaupt für sinnvoll?

Peter Schneider: Die Merkmale, die wir für die erweiterte DNA-Analyse typisieren – äußere Körpermerkmale, genetische Herkunft oder chronologisches Alter – sind nicht geeignet für die Identifizierung einzelner Personen. Dort kann man nur gruppenspezifische Merkmale festlegen, die dazu dienen, den Kreis möglicher Verdächtiger zu reduzieren, in der Hoffnung, den Täter in einer solchen Teilgruppe zu finden.

Gentest

Millionen DNA-Daten lagern beim BKA

In der DNA-Analysedatei beim Bundeskriminalamt, kurz DAD, sind mittlerweile über eine Million DNA-Profile von verurteilten Straftätern, Tatverdächtigen und Spuren aus nicht aufgeklärten Straftaten gespeichert. Jede dritte Tatortspur, die man mit der DAD abgleicht, ergibt mittlerweile einen Treffer. Das ist ein enorm erfolgreiches System. In all diesen Fällen ist eine erweiterte DNA-Analyse nicht mehr notwendig. Lediglich Spuren, die in der Datenbank keine Treffer erzielen und bei denen man trotz intensivster kriminaltechnischer Ermittlungen nicht weiter kommt, kämen dafür in Betracht. Ich hielte es für sinnvoll, dass die erweiterte DNA-Analyse erst ab einer bestimmten Schwere der Straftat überhaupt in Betracht gezogen wird.

WDR.de: Kritiker fürchten, dass es durch die erweiterte DNA-Analyse zu Vorverurteilungen und Diskriminierungen kommt.

Peter Schneider: Wenn es einen klaren Hinweis gibt, dass der Täter einer Minderheit entstammt, dann soll er auch dort gesucht werden. Das sehe ich nicht als Diskriminierung. Umgekehrt gilt das ja genauso für den Fall, dass die Merkmale den Täter in der deutschen Mehrheitsbevölkerung verorten. Dann müssen wir dort suchen – und das schützt dann die Minderheiten, die möglicherweise einer Tat beschuldigt werden, die sie gar nicht begangen haben. Die eigentliche, eindeutige Identifizierung muss ohnehin immer über das Datenbankprofil der DAD laufen. Nur das kann vor Gericht als Beweis verwendet werden.

WDR.de: Hätten Sie Bedenken, wenn die erweiterten Analyseergebnisse ebenfalls in einer Datenbank gespeichert würden?

Peter Schneider: Wir Wissenschaftler möchten nicht, dass unsere Daten in irgendeiner Form missbraucht werden. Für die Vorhersage äußerer Merkmale und der genetischen Herkunft ist dies zudem überhaupt nicht zielführend. Deswegen sind wir ganz klar dafür, dass die genetischen Daten im Labor verbleiben und dass die Polizei nur eine kommentierte Bewertung der Wahrscheinlichkeiten in Bezug auf möglichen Eigenschaften des unbekannten Täters bekommt. Ist der Täter gefasst, können die genetischen Rohdaten wieder gelöscht werden. Das würde auch dem Datenschutz gerecht.

Das Interview führte Nina Magoley.

Stand: 13.06.2017, 09:45