"Informatik müsste Pflichtfach in NRW sein"

Studenten des ersten Semesters an modernen Computern

"Informatik müsste Pflichtfach in NRW sein"

Informatik-Professor Ludger Humbert ist sauer: In NRW werden Informatiker ausgebildet, aber im Süden liegt ihre berufliche Zukunft. Seine Lösung: Informatik als Pflichtfach an den Schulen in NRW.

Die Zahl der Studienanfänger für IT und Informatik steigt in NRW seit zehn Jahren deutlich an, aber die Fachleute bleiben nicht hier, sondern wandern in südliche Bundesländer ab.

Informatik-Professor Ludger Humbert von der Bergischen Universität Wuppertal kritisiert, dass die Bildungspolitiker in NRW das Fach Informatik bis heute unterschätzen: So fehle es den Schülern an Qualifikation, und den Absolventen anschließend an Beschäftigungsmöglichkeiten an Schulen.

WDR: Bayern profitiert von der starken Informatik-Ausbildung in NRW. Ärgert Sie das?

Ludger Humbert, Informatiker, Universität Wuppertal (Porträtfoto)

Informatik-Professor Ludger Humbert

Ludger Humbert: Die Abwanderung nach Bayern ärgert mich sehr. Ich freue mich zwar, dass immer mehr Menschen Informatik studieren, doch nach dem Studium verlassen die jungen Menschen Nordrhein-Westfalen und ziehen Richtung Süden. Dort gibt es viele Unternehmen, die einen starken Bedarf an Informatikern haben und die sich natürlich am Markt bedienen.

Verschärfend kommt hinzu, dass in den südlichen Bundesländern Studiengebühren erhoben werden – in Nordrhein-Westfalen aber nicht. Während also hier studiert wird, suchen die Absolventen ihren beruflichen Schwerpunkt später in Bayern oder Baden-Württemberg.

WDR: Was wäre Ihr Lösungsansatz?

Humbert: Wir müssen politisch umsteuern und dafür sorgen, dass informatische Bildung gestärkt wird. Was nutzen uns hohe Studienanfänger-Quoten, wenn wir merken, dass die Studierenden bereits im Bachelor scheitern, weil sie von dem Fach eine völlig falsche Vorstellung haben.

Viele Studienanfänger erhoffen sich das große Geld, bringen aber überhaupt keine Kenntnisse in Informatik mit.

Informatik ist keine einfache Wissenschaft. Ich kann das Fach nicht bewältigen, indem ich viel lese, ich muss es verstehen und Problemlösungen modellieren. Die theoretischen Grundlagen der Informatik sind nicht ohne.

WDR: Welche Rolle spielt der Stellenwert des Informatik-Unterrichts an den Schulen bei diesem Problem?

Humbert: Meines Erachtens spielt der Informatikunterricht eine ganz wesentliche Rolle. In unserer Gesellschaft ist nicht angekommen, welche Bedeutung die Informatik hat.

Lediglich in Bayern, Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern und eventuell bald auch in Baden-Württemberg ist Informatik ein Pflichtfach in der Schule und somit Teil der Allgemeinbildung.

In NRW ist es aber politisch versäumt worden, aus dem Wahlfach ein Pflichtfach zu machen und so eine breite Basis zu erhalten.

WDR: Würde es denn überhaupt genügend Informatik-Lehrer geben?

Humbert: An über 300 Schulen in NRW gibt es aktuell überhaupt keine Informatik-Lehrkraft, pro Jahr bilden wir hierzulande 55 Informatik-Referendare aus – dabei müssten und könnten wir zehn Mal so viele Lehrer qualifizieren.

Informatik müsste unbedingt auch in NRW zum Pflichtfach werden – am besten schon ab der Grundschule.

WDR: Unsere Welt wird immer digitaler, aber Informatik zählt offenbar nicht zur Allgemeinbildung. Das steht doch in einem deutlichen Widerspruch zur gesamtgesellschaftlichen Entwicklung.

Humbert: Das ist ein ganz deutlicher Widerspruch! Es muss ja nicht aus jedem Schüler ein Informatiker gemacht werden, aber um die Prozesse in unserer digitalen Welt zu verstehen, braucht man ein Grundverständnis von Datenstrukturen und Algorithmen. Da reicht keine App.

Die Bildungsverantwortlichen in NRW hätten Informatik schon längst zum Pflichtfach machen müssen, weil wir so automatisch mehr junge Menschen zur Ausbildung für das Lehramt hätten.

Doch es traut sich niemand, Informatik zu stärken. Dabei würden so auf einen Schlag mehr Studierende hier bleiben, weil sie wüssten, dass sie an jedem Gymnasium und an jeder Gesamtschule in Nordrhein-Westfalen Informatik unterrichten könnten.

Das Interview führte Andreas Sträter.

Stand: 13.12.2016, 06:00