Wenn die Mietwohnung plötzlich nicht mehr sicher ist

Hochhauskomplex in Dortmund-Dorstfeld wird wegen Brandschutzmängeln geräumt

Wenn die Mietwohnung plötzlich nicht mehr sicher ist

Von jetzt auf gleich mussten 800 Bewohner eines Dortmunder Hochhauses ihre Wohnung räumen. Droht dieses Schicksal auch Mietern an anderen Orten in NRW?

Der Hochhauskomplex "Hannibal II" im Dortmunder Stadtteil Dorstfeld weist nach Umbauten durch den Eigentümer offenbar schwere Brandschutzmängel auf. Die Stadt ließ das Gebäude vorsichtshalber evakuieren.

Hochhaus-Evakuierung in Dortmund

WDR 5 Morgenecho - Interview | 23.09.2017 | 05:40 Min.

Download

Das Hochhaus ist kein Einzelfall. Wir haben die wichtigsten Fragen und Antworten für Mieter, die in einer vergleichbaren Situation sind.

Wem gehört der evakuierte Dortmunder Hochhauskomplex?

Eigentümerin des geräumten Hochhaus-Komplexes "Hannibal II" in Dortmund-Dorstfeld ist die Berliner Intown Property Management GmbH. Sie erwarb das Gebäude, das bereits in den 1970er-Jahren errichtet wurde, vor sechs Jahren. In dem Komplex leben etwa 800 Menschen, darunter viele sozial schwache Familien und Studenten.

Intown gehört auch das Ende Juni ebenfalls wegen Brandschutzmängeln geräumte elfstöckige Hochhaus in Wuppertal-Oberbarmen.

Warum wurde der Hochhauskomplex so plötzlich geräumt?

Im Dortmunder Hochhaus gibt es laut Stadt keine ausreichende Trennung mehr zwischen dem Parkdeck im Untergeschoss und den Wohnungen. Durch Schächte mit direkter Verbindung nach oben könne sich tödlicher Rauch bei einem Brand schnell ausbreiten. Auch gebe es keine ausreichenden Rettungswege. Das ist das Ergebnis eines neuen Brandschutzgutachtens, das nach den Umbauten erstellt wurde.

Welche Brandschutzbestimmungen haben zur Evakuierung geführt?

Der Brandschutz für Wohngebäude ab 22 Stockwerken ist in der Bauverordnung für das Land Nordrhein-Westfalen geregelt. Verboten ist demnach die Verwendung von leicht entflammbaren Baustoffen, zum Beispiel bei der Fassadendämmung. Außerdem ist eine ausreichende Zahl von Rettungswegen vorgeschrieben sowie ein leichter Zugang für die Feuerwehr im Ernstfall. Bei einem Neubau kontrollieren die kommunalen Bauaufsichtsbehörden, ob alle Vorschriften eingehalten wurden. Wenn ja, geben sie das Gebäude für die Nutzung frei.

Im Dortmunder Fall hatte es jedoch nachträgliche Umbauarbeiten gegeben, für die keine Genehmigung der Bauaufsicht eingeholt wurde. Die Brandschutzgenehmigung für das Hochhaus wurde deshalb aufgehoben. Bevor die Mängel nicht behoben sind und eine neue Genehmigung ausgestellt wurde, dürfen die Bewohner nicht zurückkehren.

Was sagt der Eigentümer zur Räumung?

Die Eigentümerin des Gebäudes, die Firma Intown GmbH, hat das Vorgehen der Stadt Dortmund als nicht rechtens und unangemessen kritisiert. "Erstmals heute haben wir von den detaillierten Brandschutzbedenken und baurechtlichen Themen Kenntnis erhalten und keinerlei Zeit für eine Reaktion in der Sache gehabt", erklärte Intown-Chef Sascha Hettrich. Die von der Stadt genannten Mängel hätten auch mit anderen Maßnahmen wie nur der Räumung der Tiefgarage, Brandwachen und einer Prüfung der Entrauchungsanlage vermieden werden können.

Brandschutzexperte Thomas Herbert von der Bayerischen Ingenieurkammer-Bau verteidigte die Maßnahme: Die Räumung sei nicht übertrieben. Vielmehr sei die Sorgfaltspflicht erfüllt worden, "bevor etwas passiert." Intown will nun weitere Brandsachverständige hinzuziehen. Ziel sei die zügige Mängelbehebung und der Wiedereinzug der Mieter.

Wann können die Mieter in ihre Wohnungen zurückkehren?

Das ist unklar. Laut Stadt Dortmund ist ein erheblicher Umbau notwendig. Der Rückbau der Veränderungen sei anspruchsvoll, sagte Ludger Wilde, Leiter des Krisenstabes. Das werde wohl einige Monate dauern.

Eine Leichtathletikhalle mit rund 500 Betten diente in der Nacht zu Freitag (22.09.2017) als Notunterkunft. Man habe mittlerweile für alle Bewohner Ersatzwohnungen gefunden, teilte die Stadtverwaltung am selben Tag mit.

Seit wann sind Mängel in dem Hochhaus bekannt?

Laut Mieterverein Dortmund gilt das Gebäude seit Jahren als sanierungsbedürftig. Viele Instandhaltungsmaßnahmen seien in dem Haus vernachlässigt worden, sagte Geschäftsführer Rainer Stücker. Schon 2013 hieß es in einem Bericht des Dortmunder Bauordnungsamts, die Immobilie weise nach Eigentümerwechseln einen erheblichen Modernisierungsstau auf, der zu einer hohen Leerstandsquote geführt habe.

Welche Wohnhäuser in NRW sind noch betroffen?

Viele Kommunen wie die Stadt Bonn bewerten derzeit das Brandrisiko von Hochhäusern neu. Anlass ist der verheerende Brand des Londoner Grenfell Towers am 14. Juni 2017, bei dem mindestens 81 Menschen ums Leben kamen.

Die Stadt Wuppertal ließ im Juli 2017 ein Hochhaus mit 86 Wohnungen im Stadtteil Oberbarmen innerhalb kürzester Zeit räumen. Die Bewohner durften erst zurückkehren, als der Eigentümer, ebenfalls Intown, einen Monat später Teile der brennbaren Kunststoff-Fassade entfernt hatte.

Auch in Duisburg war im Juli dieses Jahres ein Hochhauskomplex wegen schwerer Brandschutzmängel geräumt worden. Betroffen waren 22 Wohnungen im "Hagenshof" im Stadtteil Meiderich.

Auch die Städte Gelsenkirchen, Bielefeld, Hamm und Münster hatten nach der Londoner Brandkatastrophe angekündigt, Hochhäuser einer intensiven Prüfung zu unterziehen. Die Ergebnisse der Bestandsaufnahme stehen noch aus.

Stand: 22.09.2017, 15:41