Autoabgase: Was tun für bessere Luft in NRW?

Montage: Feinstaub-Messgerät, Stau

Autoabgase: Was tun für bessere Luft in NRW?

Nach dem Diesel-Gipfel ist umstritten, ob die vereinbarten Maßnahmen die Luftqualität ausreichend verbessern. WDR-Experte Martin Gent sagt, wie die Umweltbelastung in NRW umfassend reduziert werden könnte.

Das Echo auf den Diesel-Gipfel ist geteilt. Während große Teile der Politik und die Autoindustrie von einem wichtigen Schritt in die richtige Richtung sprechen, schätzen Umwelt- und Verbraucherverbände sowie Automobilexperten die vereinbarten Maßnahmen als unzureichend ein.

WDR: Herr Gent, reicht die angekündigte Nachrüstung bei privaten Diesel-Fahrzeugen aus, um die Luftqualität zu verbessern?

Martin Gent: Nein, diese Nachrüstung reicht überhaupt nicht aus. Die Autoindustrie behauptet zwar, dass Software-Updates mehr brächten als Fahrverbote. Die Studien, die das angeblich zeigen, wurden aber auch auf Nachfrage nicht vorgelegt. Das Verwaltungsgericht Stuttgart hat am vergangenen Freitag genau das Gegenteil verkündet. Für die Luft in Stuttgart brächte ein Software-Update nur eine Entlastung um neun Prozent – von rund 80 Mikrogramm Stickstoffdioxid käme man dann auf rund 72 Mikrogramm. Gefordert ist aber eine Reduzierung auf 40 Mikrogramm.

Martin Gent

Martin Gent ist Reporter und Redakteur in der Wissenschaftsredaktion des WDR. Eines seiner Themen ist Mobilität. Im Blog "Martin mobil" ist er auf der Suche nach Perspektiven für den Verkehr von morgen.

WDR: Welche Fahrzeuge haben welchen Anteil am Ausstoß gesundheitsbelastender Stoffe?

Gent: Nach Angaben des Umweltbundesumweltamtes stammt die zu hohe Stickstoffdioxid-Belastung - die da auftritt, wo viel Verkehr ist - zu Zweidrittel von Diesel-Pkw. Den Rest, also ein Drittel, teilen sich Lkw, Lieferfahrzeugen und Busse.

Wobei der Anteil der Busse relativ klein ist. Insofern bringt die Forderung, die Busse zu entdieseln gar nicht so viel, wie manche sich erhoffen.

Die Zahlen des Bundesumweltamtes sind allerdings nur Richtwerte. Für jede Stadt sieht es anders aus. Die Frage ist, wie sich der Verkehr zusammensetzt. Gibt es Straßenbahnen oder nur Busse? Welche Rolle spielt der Lieferverkehr? In Aachen ist zum Beispiel der Abgas-Anteil der Nutzfahrzeuge und Busse deutlich höher.

Wären Benziner denn eine Alternative zu Diesel-Autos?

Gent: Nicht unbedingt. Benzin-Autos haben zwar das Stickstoffdioxid-Problem nicht. Das kriegt man mit dem Drei-Wege-Katalysator, mit dem sie ausgerüstet sind, gut in den Griff.

Aber manche Benziner haben als Direkteinspritzer das Problem, dass sie viele Feinstaubpartikel in die Luft pusten. Entsprechende Otto-Partikelfilter werden bald Pflicht, aber die Industrie baut sie noch kaum ein. Als okay gelten kleine, sparsame Benziner mit Saugmotor. Grundsätzlich stoßen Benziner mehr vom Treibhausgas Kohlendioxid aus als Dieselfahrzeuge.

WDR: Wie könnte in NRW die Schadstoffbelastung durch Autoabgase entscheidend reduzieren werden?

Gent: Die Stickoxidgrenzwerte für die Luftqualität gelten bereits seit 2010 und werden seither immer wieder massiv überschritten. Wenn schnell was passieren soll, führt kein Weg an Fahrverboten vorbei - vorerst vielleicht nur für die besonders dreckigen Fahrzeuge. Da wäre die blaue Plakette hilfreich, mit der besser sortiert werden könnte, welche Autos draußen bleiben sollen.

Für die Luftreinhaltepläne wurden noch viele andere Maßnahmen überlegt. Diese sind aber durch die Bank nicht so wirksam – allenfalls in ihrer Kombination. Da fehlt aber ein entschlossenes Vorgehen der Städte.

WDR: Die Kommunen tun also nicht genug?

Gent: In vielen Städten gibt es tolle Papiere, wie man den Verkehr verändern möchte. Dass weniger Autos in die Städten fahren, dafür mehr Menschen mit Bus und Bahn oder mit dem Fahrrad unterwegs sind.

Aber wenn es um konkrete Entscheidungen geht - wie steuere ich die Ampel an einer Kreuzung oder wie reduziere ich Parkplätze, um sichere Radwege anzulegen -, dann erlebt man doch in ganz vielen Städten: Der Autoverkehr hat letztlich Priorität.

WDR: Tun Firmen denn genug?

Gent: Auch in vielen Firmen ist noch die alte Autofahrerwelt zu Hause. Ein Parkplatz für Pendler ist selbstverständlich, aber wenn Beschäftigte mit dem Fahrrad kommen wollen, mangelt es an geeigneten Plätzen. Auch Umziehräume und Duschen gibt es nicht. Das Angebot, ein Fahrrad steuerbegünstigt als Dienstfahrrad zu erwerben, ist nicht selbstverständlich. Dienstwagenflotten könnten zudem viel öfter elektrisch betrieben werden.

WDR: Wie groß ist der Druck, dass sich etwas ändert?

Gent: Das Bundesverwaltungsgericht überprüft momentan ein Urteil in Sachen Düsseldorf, wonach Fahrverbote ernsthaft geprüft werden müssen. Die Entscheidung wird in den nächsten Monaten erwartet und ist auch für andere NRW-Kommunen von großer Bedeutung. Denn die Deutsche Umwelthilfe hat außerdem Gelsenkirchen, Essen, Aachen, Köln und Bonn verklagt.

WDR: Warum hat sich bisher kaum etwas getan?

Gent: Das Thema ist so sensibel, weil Politik und Behörden Angst haben, die Autofahrer zu verprellen. Zudem gibt es große, zum Teil berechtigte Wirtschaftsinteressen. Das sind nicht nur die Automobilindustrie und ihre vielen Zulieferer, sondern auch Handwerksbetriebe und Lieferdienste.

Die Bezirksregierungen überarbeiten derzeit die Luftreinhaltepläne – und man darf gespannt sein, was dabei herauskommt.

Das Interview führte Dominik Reinle.

Stand: 03.08.2017, 12:22