Oben und unten in NRW: Unsere Gesellschaft – gerechte Chancen für alle?

Oben und unten in NRW: Unsere Gesellschaft – gerechte Chancen für alle?

Im Kindesalter werden die wichtigsten Grundlagen für die Entwicklung der Persönlichkeit eines Menschen gelegt. Auch dafür, welchen Platz das Kind im späteren Leben einnehmen kann. Die Chancen auf eine gute Schulbildung sind dabei maßgeblich entscheidend.

Bildung ist der Schlüssel für die Lebenschancen eines jungen Menschen. Dass man sich mit entsprechender Ausbildung, harter Arbeit und Willenskraft auch als Kind aus einfachen Verhältnissen „nach oben“ arbeiten kann, ist ein vielfach geäußertes Ziel der Politik. Doch wird dieses Versprechen erfüllt? Hat wirklich jeder die gleichen Chancen?

Welche Rolle spielt das Elternhaus?

In der dritten Folge der Reihe „Oben und Unten in NRW“ wirft Dieter Könnes einen Blick darauf, wie das Einkommen der Eltern die Ausbildung der Kinder beeinflusst. Er will wissen, wie durchlässig unsere Gesellschaft ist und ob sozialer Aufstieg in Deutschland heutzutage möglich ist – die Wissenschaft nennt dieses Phänomen soziale Mobilität.

Einer, der diesen Aufstieg geschafft hat, ist Rüdiger Grube, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn. Er stammt aus sogenannten einfachen Verhältnissen und ist jetzt einer der mächtigsten Manager Deutschlands. „Die klassischen Beispiele für Leute, die sich in einer Ausbildung hochgearbeitet haben zu einem Vorstandsvorsitz, die gibt es heute faktisch nicht mehr.“, sagt der Sozialwissenschaftler Prof. Stefan Sell von der Hochschule Koblenz. Heute entscheide die soziale Herkunft in viel größerem Maße darüber, welche Möglichkeiten man später habe. Rüdiger Grube hält dagegen. „Die Angebote, die heute da sind, das ist schon etwas, wo sich andere Länder die Finger nach lecken würden.“

In der Regel ist es aber trotz dieser Angebote sehr schwierig, einen sozialen Aufstieg zu schaffen. Professor Sell bestätigt die Forschung der letzten Jahre, die Überprüfung von Bildungsbiographien zeigt, die ersten sechs Lebensjahre sind die wichtigsten. Dort werden bereits Weichen gestellt für das spätere Leben. Eine gute Förderung in den ersten Lebensjahren, durch die Eltern, aber auch in der vorschulischen Betreuung, kann entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung des Kindes ausüben.

Die soziale Herkunft entscheidet mit

Montage: Screenshot Balkendiagramm, Geldscheine

Im Bildungssystem kann es ungerecht zugehen. Denn es hängt eng mit der sozialen Herkunft zusammen, welche Bildung man erhält. | mehr

Arbeiterkinder studieren nur selten

Nur die wenigsten der 2,5 Millionen Studierenden in Deutschland stammen aus Arbeiterfamilien. Aus einer Studie des Deutschen Studentenwerkes geht hervor, dass von 100 Kindern aus Facharbeiterfamilien nur 23 ein Hochschulstudium beginnen. Der Unterschied zu Kindern aus Akademikerfamilien ist enorm: Immerhin 77 von 100 Kindern schaffen es an die Universität.

Aber selbst wenn es Kinder aus Haushalten schaffen, wo die Eltern nur wenig unterstützen können, einen akademischen Grad zu erwerben, hört die Ungleichheit nicht auf. Volkswirt Daniel Erdsiek vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) hat herausgefunden, dass Hochschulabsolventen aus Arbeiterfamilien auch nach der Schulausbildung öfter unterqualifiziert beschäftigt sind als Kinder aus Akademikerfamilien. Sie haben aufgrund ihrer sozialen Prägung oft nicht das gleiche Anspruchsdenken und Auftreten wie Akademikerkinder, weil die entsprechenden Vorbilder in der eigenen Familie fehlen.

Mentoring für eine gute Schulkarriere

Ein Weg aus diesem Dilemma ist laut Prof. Stefan Sell gezielte Förderung. „Wir müssten investieren. Nicht nur in Bildung an sich“, sondern in eine Bildungslandschaft, die Ungleichheitsentwicklung zumindest abdämpft und Kinder und Jugendliche gezielt fördert, die schlechtere Startbedingungen haben als andere. Etwas, dass in der Realität noch viel zu selten passiert.

Suat Yilmaz fördert genau diese jungen Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft schlechtere Startbedingungen haben. Auch er selber hat eine sogenannte „Abbruchkarriere“ hinter sich. Das Kind eines türkischen „Gastarbeiters“ scheiterte als Gymnasiast und landete auf der Hauptschule – wo ein Lehrer sein Talent entdeckte und ihn förderte. Jetzt betreibt er selbst Förderung als Beruf, ist Chef eines 60-köpfigen Teams. Mit seiner Initiative „Meine Talentförderung“ unterstützt er Kinder und Jugendliche aus einfacheren Verhältnissen, das Abitur zu machen und zu studieren. „Das Bildungssystem in Deutschland ist ziemlich ungerecht. Ich versuche junge Menschen in der Mittelstufe mit meinen Coaches zu helfen, ihnen klarzumachen, wie wichtig Bildung ist und so gemeinsam mit ihnen nach mehreren Jahren das Abitur zu schaffen“, meint Yilmaz.

So etwas wie absolute Chancengleichheit ist schwer zu erreichen in einer so heterogenen Gesellschaft wie der unseren. Es gibt aber verschiedene Wege, mit der gesellschaftlichen Ungleichheit umzugehen und die für manche sehr geringen Chancen zu erweitern. Verschenken wir das Potential vieler junger Menschen, weil wir ihnen keine Chancen geben? Drei Millionen Fachkräfte werden bis 2030 fehlen, unsere Gesellschaft altert rapide, es stellt sich also auch ökonomisch die Frage, können wir uns Bildungsungerechtigkeit überhaupt leisten?

Stand: 12.09.2017, 17:00