Studie: Millionen Kinder "sozial abgehängt"

Familie aus Figuren steht auf Geldscheinen und Geldstücken

Studie: Millionen Kinder "sozial abgehängt"

Von Martin Teigeler

Rund 3,7 Millionen Jugendliche unter 18 Jahren sind bundesweit die Verlierer der jungen Generation. In NRW soll die "soziale Spreizung" besonders groß sein.

Es ist kein neues, sondern ein Dauerthema: Armut. Rund 3,7 Millionen der Unter-18-Jährigen gehören bundesweit laut einer neuen Studie zu den Verlierern der jungen Generation.

"Sie sind sozial abgehängt - durch Eltern ohne Berufsausbildung, ohne Job. Oder durch Elternhäuser, die von Armut bedroht sind", wie die Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe (AGJ) am Montag (20.03.2017) mitteilte.

Die Mehrheit der Kinder und Jugendlichen hat danach gute Chancen im Leben. Eine Zahl der "sozial abgehängten" Unter-18-Jährigen für NRW nannten die Autoren der Studie aber nicht.

Ruhrgebiet besonders im Fokus

Mitgewirkt an der Studie hat Jens Pothmann von der Arbeitsstelle Kinder und Jugendhilfestatistik der TU Dortmund. Die "soziale Spreizung" sei in Nordrhein-Westfalen besonders ausgeprägt, sagte der Wissenschaftler dem WDR. Gerade im Ruhrgebiet sei der Anteil der Kinder und Jugendlichen, die mit ihren Familien von Hartz IV oder Sozialgeld leben müssen, überdurchschnittlich hoch.

Kita-Ausbau gefordert

Die AGJ, ein Zusammenschluss großer Sozialverbände, fordert ein "Qualitätsplus für Kitas und Gesamtschulen". Dazu müssten vor allem kleinere Gruppen - also eine bessere Erzieher-Kind-Relation - in den Kitas eingeführt werden.

AGJ-Vorsitzende, Karin Böllert, AGJ-Geschäftsführer Peter Klausch und Jens Pothmann stellen in Berlin (AGJ) den «Deutschen Kinder- und Jugend-Monitor 2017» vor

Vorstellung der Studie in Berlin: Rechts im Bild Jens Pothmann

Der Sozialforscher Pothmann sagte, NRW sei nach wie vor "Schlusslicht" bei der Kita-Versorgung. Aber das Ausbautempo sei in NRW immerhin besonders hoch. Im Kita-Jahr 2017/2018 solle es landesweit fast 660.000 Betreuungsplätze geben, sagte NRW-Familienministerin Christina Kampmann (SPD) am Montag in Düsseldorf. Ein Plus von 20.000. Die Opposition hält dies nicht für ausreichend.

Trockentoast statt gesundes Frühstück

Was tun gegen die Armut? Reicht ein zahlenmäßiger Ausbau der Kinderbetreuung? Jörg Loose ist bei der Arbeiterwohlfahrt in Dortmund für arme Familien zuständig. "Auch hier in Dortmund leben viele sozial abgehängte Menschen. Familien mit Kindern, die kaum die Möglichkeit haben, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben", sagt Loose.

"Wir haben Kinder, die von ihren Eltern mit einer trockenen Scheibe Toast in die Kita oder in die Schule geschickt werden - also nicht wie die Kinder aus der gehobenen Schicht mit Obst, Gemüse und gesundem Pausenbrot. Die Kinder selbst registrieren solche Unterschiede."

Ganztag darf keine "Verwahranstalt" sein

Loose fordert: "Um die Armut zu bekämpfen, muss der Staat mehr Angebote schaffen, die dann auch möglichst früh greifen, schon im Kleinkindesalter. Wir müssen in Menschen investieren."

Kitas und Schulen müssten mit mehr qualifiziertem Personal ausgestattet werden. Das offene Ganztagsangebot sei sinnvoll. "Schulen dürfen aber keine Verwahranstalten sein", sagt der Sozialarbeiter. Das Landesprogramm "Kein Kind zurücklassen" hat seiner Meinung nach Dinge zum Positiven verändert: "Es ist nicht das Maß aller Dinge, aber eine wichtige Ergänzung, um die vielschichtigen gesellschaftlichen Probleme anzupacken."

In der Dortmunder Nordstadt sei zum Beispiel ein Angebot für noch nicht schulpflichtige Geschwisterkinder von Grundschülern geschaffen worden, die jetzt wohnortnah betreut werden. Loose: "Das gab es vorher nicht."

Stand: 20.03.2017, 16:40