Jüdisches Fest in Zeiten des Antisemitismus

Ein jüdisches Kind sitzt am Essenstisch während des Pessach-Fests

Jüdisches Fest in Zeiten des Antisemitismus

Von Marion Kretz-Mangold

Erst in die Synagoge, dann das große Festmahl: Montagabend (10.04.2017) beginnt das jüdische Pessach-Fest. Unbeschwerte Tage, die von einer Sorge überschattet sind: Viele Juden fühlen sich bedroht.

Juden brauchen Christenblut, um ihre Mazzen, das ungesäuerte Brot, für das Pessach-Fest zu backen: eine abstruse Lüge, die im Mittelalter zu massiven Judenverfolgungen führte. Das ist lange her, aber das Gefühl der Bedrohung ist geblieben - auch dieses Jahr, wenn die Juden die Befreiuung aus der ägyptischen Sklaverei feiern.

Polizei vor der Synagoge in Wuppertal

Brandanschlag in Wuppertal

Denn der Antisemitismus in NRW ist nicht verschwunden. Er zeigt sich in versteckter Abwehr und offener Gewalt: in Wuppertal mit Molotowcocktails gegen die Synagoge, in Münster mit einem Schuss ins Fenster. In Dortmund störten Rechte eine Holocaust-Gedenkveranstaltung, und auf einem Kölner Parkplatz beschimpften muslimische Jugendliche Gemeindemitglieder, die die Thora zum Gottesdienst trugen.

Hohe Dunkelziffer

Es sind Vorfälle wie diese, die der Verfassungsschutz NRW in nüchternen Zahlen festhält. Die jüngste verfügbare Statistik aus dem Jahr 2015 weist 270 antisemitische Straftaten von Rechten, Linken und Ausländern aus, darunter Sachbeschädigungen, verbale und körperliche Angriffe. Das sind deutlich weniger als 2014 - aber nur, weil es keine gewalttätigen Proteste gegen den Gaza-Konflikt mehr gab. Und da ist die Dunkelziffer, die weitaus höher sein dürfte. Die "Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin" (RIAS) in Berlin sammelt solche Fälle, die nicht bei der Polizei angezeigt wurden: "Da wird die Aussicht auf einen Ermittlungserfolg einfach als zu gering eingeschätzt", sagt Koordinator Benjamin Steinitz. "Und manche Leute fürchten um ihre Sicherheit."

Auswandern? "Noch nicht"

Michael Szentei-Heise, Verwaltungsdirektor der jüdischen Gemeinde Düsseldorf

"Insel der Glückseligen": Michael Szentei-Heise

Fest steht: Das Gefühl der Verunsicherung wächst. Streifenwagen, Videos und Wachpersonal in schusssicheren Westen sind nur ein äußeres Zeichen. "Die Mitglieder trauen sich seit dem Brandanschlag 2014 nicht mehr zum Gottesdienst", heißt es aus Wuppertal, und in Münster hat Gemeindevorsteher Sharon Fehr gemerkt: "Die Gemeindemitglieder bewegen sich nicht mehr so frei, seitdem der Schuss gefallen ist." Dabei hält er Münster für weltoffen, eine Stadt, in der die jüdische Gemeinde dazu gehöre.

Auch entlang des Rheins fühlen sich die Juden wie auf auf einer "Insel der Glückseligen". Wie Michael Szentei-Heise, Geschäftsführer der Düsseldorfer Gemeinde, lapidar feststellt: "Der Rheinländer an sich ist nicht so aggressiv." Trotzdem: Viele Gemeindemitglieder, darunter etliche, die vor dem Antisemitismus in der untergegangenen Sowjetunion geflohen sind, haben Angst. "Manche fragen mich: Ist es Zeit zu gehen?", berichtet Abraham Lehrer vom Vorstand der Kölner Synagogengemeinde. "Ich sage dann: Nein, soweit ist es noch nicht."

Kappe statt Kippa

Ein Mitglied der juedischen Gemeinde sitzt ineiner Synagoge mit einer Kippa auf dem Kopf

Glaubensbekenntnis per Kopfbedeckung

Bedroht fühlt sich auch Yitzhak Hoenig nicht. Der Mönchengladbacher Rabbiner ist in Israel aufgewachsen: "Sicherheitskontrollen vorm Supermarkt sind für mich nichts Besonderes." Trotzdem ist er vorsichtig, und das heißt für ihn: bloß nicht auffallen. Ein Mitglied seiner Gemeinde, ein orthodoxer Jude mit Schläfenlocken, werde immer wieder beschimpft, erzählt er. Er selbst gehe auch nicht mit der Kippa auf die Straße und trage lieber eine Baseballkappe. Nicht, weil der Zentralratsvorsitzende Josef Schuster 2015 davor gewarnt hat, die traditionelle Kopfbedeckung in manchen Stadtvierteln zu tragen. Auch nicht aus Angst, sagt Hoenig: "Ich will ein normales Leben führen! Und deswegen will ich auch nicht in der Straßenbahn gefragt werden, was die Kippa auf meinem Kopf bedeutet."

Sharon Fehr hält es anders, provoziert neugierige Fragen: "Dann oute ich mich." Fehr ist aber auch mit Kippa von Münster in ein Dortmunder Stadtteil mit überdurchschnittlich vielen Rechtsextremisten gefahren - ein Selbstversuch, den er nicht wiederholen würde. Und zuhause rufen ihm die Gemeindemitglieder nach dem Gottesdienst mahnend hinterher: "Die Kippa! Lass das! Wir brauchen dich doch noch."

Judenhass als Staatsdoktrin

Pro-Israel-Aktivisten demonstrieren am 25.07.2014 gegen eine Veranstaltung anlässlich des Al-Kuds-Tag in Berlin und halten ein Transparent mit der Aufschrift: «Gegen Antisemitismus und Hass auf Israel»

Israelkritik in Deutschland

"Die Bedrohung kommt aus unterschiedlichen Richtungen", sagt Fehr und zählt auf: "Extrem rechts, anti-israelisch, antisemitisch und links, islamistisch, dschihadistisch - und die arabischen Migranten mit anerzogener Feindschaft." Das ist die Gruppe, vor denen auch er Angst hat. "Viele kommen aus Ländern, in denen Judenhass und Israelfeindlichkeit zum Alltag gehören", schreibt der Zentralrat der Juden. "Auch über den Holocaust wissen viele dieser Menschen so gut wie nichts." Der Düsseldorfer Szentei-Heise formuliert es so: "Dort ist der Jude Mensch dritter Klasse, das gehört zur Staatsdoktrin." Eine Botschaft, die über Facebook, Youtube und die tägliche Seifenoper im Satellitenfernsehen weiter verbreitet wird.

"Ein großes schwarzes Loch"

Es gibt Umfragen, die eine judenfeindliche Einstellung belegen: 36 Prozent aller Migrantenkinder, so das Ergebnis einer Studie aus dem Jahr 2010, halten die Aussage "Juden haben in der Welt zuviel Einfluss" für richtig. Bei Jugendlichen ohne Migrationshintergrund sind es 2 Prozent.

Wie die Flüchtlinge, die gerade erst nach Deutschland kamen, zu den Juden stehen, ist noch nicht erfasst. "Das ist noch ein großes schwarzes Loch, und ich würde keinem trauen, der sagt, er könne klare Aussagen treffen", warnt Gideon Botsch von der Forschungsstelle Antisemitismus und Rechtsextremismus. Er vermutet aber "erdrückend hohe Zustimmungsraten" zu solchen Thesen unter syrischen Flüchtlingen. "Was man aus den Flüchtlingsberatungsstellen hört - daran müssen wir arbeiten."

Schulterschluss mit den Muslimen

Symbolbild: Zum Holocaust-Gedenktag trafen sich junge Berliner Muslime, Christen, Juden und Bahai unter dem Motto "Stolpere nich' - Erinner Dich!" um ein Zeichen zu setzen gegen Gewalt und Intoleranz in Berlin.

Gemeinsames Gedenken

Die jüdischen Gemeinden versuchen es mit Offenheit, laden zu Synagogenführungen und arabischen Lesungen in den Flüchtlingsunterkünften ein. Sie gewinnen Bürgermeister für eine Solidaritätskampagne, unterstützen Präventionsprogramme und suchen ganz bewusst den Schulterschluss mit Muslimen, die selbst mit wachsender Islamfeindlichkeit zu kämpfen haben. Vor kurzem erst trafen sich der Zentralrat der Juden und der Zentralrat der Muslime, um auf höchster Ebene über den Umgang mit Flüchtlingen zu sprechen. Von einem "muslimischen Antisemitismus" will der Zentralrat der Muslime aber nicht sprechen: "Die Wortverbindung kann aus islamischer Sicht gar nicht existieren", lässt er wissen: "Der Islam ist in seiner ganzen Haltung und Anschauung antirassistisch."

Große Sorge, gute Stimmung

Fragt man nach Vorfällen in NRW, heißt es bisher: "Aus dieser Richtung nichts Nennenswertes, gottseidank." Trotzdem gibt es Juden, die mit Blick auf die Zukunft sehr skeptisch sind. Terroranschläge, die ihre Einrichtungen treffen, der Nahostkonflikt, der wieder aufflammen könnte, dazu die Entwicklung in der Türkei: "Vor zwanzig Jahren wäre ich deutlich optimistischer gewesen", gibt Michael Szentei-Heise von der Düsseldorfer Gemeinde zu. Andererseits: "Wir haben seit dem Sommer ein Gymnasium, dieses Jahr wohl auch mehr Geburten als Sterbefälle - das hat es noch nie gegeben im Nachkriegsdeutschland." Kurz: "Wir florieren, uns geht es gut." Oder, wie der Mönchengladbacher Rabbiner Hoenig sagt: "Wenn man an Pessach denkt: Das Volk Israel war damals in einer viel schlimmeren Situation."

Stand: 10.04.2017, 06:00