"Es gibt eine Lebenslüge des Landes NRW"

Streitgespräch zwischen Rainer Bovermann und Frank Uekötter

"Es gibt eine Lebenslüge des Landes NRW"

Was lief gut in 70 Jahren NRW? Und was ging gar nicht? Im WDR.de-Streitgespräch diskutieren der Politologe Rainer Bovermann (SPD) und der Historiker Frank Uekötter über Fehler und Erfolge der Landesgeschichte.

WDR.de: Wenn Sie eine Vorlesung über 70 Jahre NRW halten, womit können Sie die Studenten überraschen?

Rainer Bovermann: Ich habe tatsächlich gerade an der Ruhr-Universität Bochum ein Seminar zur Geschichte Nordrhein-Westfalens angeboten. Das Überraschendste ist die Vielfalt dieses Landes. Darum gibt es meiner Meinung nach auch keine geschlossene Identität in diesem Land, sondern große Unterschiede zwischen den Regionen sowie zwischen den wirtschaftlichen und sozialen Milieus.

Frank Uekötter: Diese 70 Jahre sind ja irgendwie die Geschichte eines künstliches Konstrukts, die Zwangsehe von Rheinland, Westfalen und Ruhrgebiet - plus etwas später Lippe. Die ersten 20 bis 30 Jahre dieses Gebildes waren eine wirtschaftliche Erfolgsgeschichte, auch wegen vieler Zuwanderer. Dann aber gab es in den 70er-Jahren einen Bruch. Da kommt das Nordrhein-Westfalen in den Blick, das wir bis heute kennen - mit seinen typischen Strukturproblemen.

Zwei Wissenschaftler im Streitgespräch: Rainer Bovermann (58) ist ein Kind des Ruhrgebiets. Der Politikwissenschaftler an der Ruhr-Universität Bochum ist zugleich auch Politiker - seit 2005 ist der Sozialdemokrat Landtagsabgeordneter. Sein Kontrahent auf Einladung von WDR.de ist an diesem Ferientag der Umwelt- und Technikhistoriker Frank Uekötter. Der 46-Jährige aus Münster ist einer dieser "Bildungsexporte", auf die Bovermann im Gespräch Bezug nimmt. Uekötter verließ NRW in Richtung Bayern. Seit einigen Jahren lehrt er an der Universität Birmingham - blickt also mit Abstand auf seine Heimat NRW.

Streitgespräch zwischen Rainer Bovermann und Frank Uekötter

Politikwissenschaftler und SPD-Politiker Rainer Bovermann

Bovermann: Ich würde noch eine weitere Zeit abgrenzen. Die Ära Johannes Rau von 1978 bis 1998. Für Sozialdemokraten eine heile Welt, in der das Landesbewusstsein unter dem Motto "Wir in NRW" doch stärker wurde. Gleichzeitig meinte man, die Krise von Kohle und Stahl im Ruhrgebiet durch politische Planung und Steuerung irgendwie gestalten zu können. Seit etwa 2005 sehe ich eine neue Phase der Landesgeschichte, ein Umbruch mit neuen Problemen in der Wirtschafts- und Integrationspolitik.

Uekötter: Interessant, dass Sie beim Thema Nordrhein-Westfalen ganz selbstverständlich direkt über das Ruhrgebiet sprechen. In Preußen war das Ruhrgebiet noch der Außenseiter, eine Region, wo es politisch brodelte, wo es keine Kasernen und Universitäten geben durfte. In NRW kippt das. In Nordrhein-Westfalen war und ist das Ruhrgebiet das Herzstück.

WDR.de: Wobei es ja schon eine Ironie der Geschichte ist, dass das Ruhrgebiet 1946 in das größere NRW eingebunden wurde, um es politisch und wirtschaftlich wegen seiner mächtigen, rebellischen Arbeiterschaft zu zähmen. Und heute ist das Revier das Sorgenkind in NRW.

Uekötter: Und dazu gehört auch eine geradezu monomanische (Anm. d. Red.: wahnhafte) Fixierung auf den Bergbau im Ruhrgebiet.

Bovermann: Aber das hat ja gerade abgenommen. Wir haben nur noch eine Steinkohle-Zeche in Bottrop. Und die macht 2018 zu. Die Strukturpolitik des Landes ist nicht mehr einseitig auf das Ruhrgebiet fokussiert, wobei Teile des Reviers sich längst freigeschwommen haben - in vielen Städten gerade in der Emscherregion aber ist die Arbeitslosigkeit nach wie vor zu hoch. Wenn man nach Süd- und Ostwestfalen blickt, sieht man ja, dass sich auch diese Regionen wirtschaftlich gut entwickeln.

Streitgespräch zwischen Rainer Bovermann und Frank Uekötter

Umwelt- und Technikhistoriker Frank Uekötter

Uekötter: Aber das war ein verdammt langer Weg. Und die Abwendung von der Steinkohle war sehr kostspielig durch teure Subventionen. Die erste Kohlekrise war 1958. Und dann folgte eine lange Phase des Leugnens oder zumindest des Wunschdenkens, dass die Kohle wieder zur alten Bedeutung findet.

Bovermann: Ich stimme Ihnen zu, dass es lange diese korporatistischen Strukturen (Anm. d. Red.: Laut Bundeszentrale für politische Bildung versteht man unter Korporatismus die "Einbindung wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Organisationen in hierarchische und autoritäre Entscheidungsverfahren") zwischen Politik, Montanunternehmen und Gewerkschaften gab. Man glaubte gemeinsam, das Rad nochmal zurückdrehen zu können. Aber von diesen Illusionen hat man spätestens in den 90ern Abstand genommen.

WDR.de: Was war aus Ihrer Sicht die größte Errungenschaft in 70 Jahren NRW? Und was war die größte Fehlentwicklung?

Johannes Rau mit seinem Nachfolger Wolfgang Clement 1998

Ministerpräsident Johannes Rau mit Nachfolger Wolfgang Clement

Uekötter: Es gibt eine Lebenslüge des Landes Nordrhein-Westfalen. Das war der Irrglaube, dass NRW ohne Steinkohle der ökonomische Niedergang droht. Und dieser Glaube an Großprojekte endete leider nicht mit der Steinkohle. Vor allem die Ministerpräsidenten Clement und Steinbrück haben das bei anderen Themen wie Metrorapid von Köln nach Dortmund oder Emscherumbau fortgesetzt.

Bovermann: Ja, die Leuchttürme.

Uekötter: Genau. Diese Vorstellung, man braucht da so ganz große und hochsubventionierte Projekte, an denen man sich hochzieht. Erst in den letzten Jahren scheint die Politik zu begreifen, dass NRW ein vielfältiges Land mit unterschiedlichen Regionen und Menschen ist. Was gut gelungen ist in 70 Jahren Nordrhein-Westfalen, ist diese bereits erwähnte Vielfalt und dass Menschen trotz großer Unterschiede insgesamt friedlich und tolerant zusammenleben.

Bovermann: Auf der positiven Seite muss man auch die Entwicklung des Bildungswesens erwähnen. Seit den 60er-Jahren haben wir die Gründung zahlreicher Universitäten und Fachhochschulen erlebt. Eingeleitet von der CDU, fortgesetzt und ausgebaut von der SPD. Das ist eine wirkliche Erfolgsgeschichte. Dieser Prozess hin zu Bildungschancen für alle läuft im Grunde bis heute - überparteilich getragen. Wir exportieren inzwischen ja sogar Wissen in Richtung Bayern. Leider sind nämlich nicht für alle hochqualifizierten Kräfte Arbeitsplätze in Nordrhein-Westfalen vorhanden. Heute haben wir exzellente Hochschulen wie die RWTH Aachen oder auch die Ruhr-Universität Bochum.

Uekötter: Aber in der Schulpolitik gab es auch ideologische Kämpfe und unproduktive Gefechte - etwa durch das Scheitern der kooperativen Gesamtschule 1978.

Bovermann: Zugegeben. Die ideologischen Auseinandersetzungen waren hart - auch lange davor um die konfessionellen Schulen. Aber immerhin haben wir seit einigen Jahren nun einen Schulkonsens.

WDR.de: In den 60er-Jahren versprach Willy Brandt den "blauen Himmel über der Ruhr". Die sozialliberalen Koalitionen in Düsseldorf und Bonn kündigten Reformen an - zum Beispiel mehr Umweltschutz. Was ist daraus geworden?

Streitgespräch, Bovermann, Uekötter

Bovermann: Der Reform-Elan war groß - zum Beispiel bei der allerdings hochumstrittenen kommunalen Gebietsreform von 1966 bis 1975. Und zum Thema Umweltschutz. Ich bin als Arbeiterkind in Dortmund-Scharnhorst aufgewachsen, in der Nähe des Hoesch-Geländes. Da war die Luft so dick, dass man nicht frei atmen konnte, wenn Abstich war auf der Westfalen-Hütte. Da hat sich sehr viel getan. Und NRW hat schon in den 90ern seine Atomkraftwerke stillgelegt.

Rauchende Schornsteine

Umweltverschmutzung ist ein Dauerthema in NRW

Uekötter: Stimmt. Bei der Umweltpolitik war Nordrhein-Westfalen bundesweit absolut der Vorreiter. Schon in den 60ern gab es Immissionsschutzgesetze, später kamen Regelungen für den Gewässerschutz dazu. Das ändert sich aber in den 80ern. Durch das bis heute andauernde Festhalten an der Braunkohle ist NRW aus meiner Sicht nicht mehr Vorreiter in der Umwelt- und Klimaschutzpolitik. Daran hat auch die Regierungsbeteiligung der Grünen nichts grundsätzlich geändert. Der Tagebau Garzweiler im Rheinischen Revier läuft immer noch weiter.

WDR.de: Wo sind heute die großen Entwürfe für die Zukunft von Nordrhein-Westfalen?

Bovermann: Es gibt sicherlich Konzepte, die nach vorne weisen - etwa aktuell die Digitalisierung unserer Wirtschaft. Aber es gibt auch große Herausforderungen wie die Integration von jungen Geflüchteten, die oftmals aus ganz anderen Kulturkreisen kommen.

Uekötter: Wenn man nochmal die ganze Landesgeschichte in den Blick nimmt, war Nordrhein-Westfalen oft sich selbst genug. Man glaubte an das unausgesprochene Motto von Johannes Rau, man werde das Kind schon schaukeln. Das Land war zu lange zu sehr auf sich selbst fixiert.

Das Gespräch wurde moderiert von Martin Teigeler.

NRW -Geschichte in 140 Zeichen

WDR 5 Töne, Texte, Bilder - Beiträge | 30.07.2016 | 05:51 Min.

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Stand: 08.08.2016, 06:00