Preise im Keller

Bauer Nölke

Milchbauern leben von der Substanz

Preise im Keller

Von Heinz Krischer

In Frankreich demonstrieren Bauern wegen zu niedriger Lebensmittelpreise, und auch die Milchbauern in Südwestfalen schmieden Protestpläne: Nach dem Fall der Milchquote ist der Milchpreis im Keller. Viele Landwirte müssen für Rechnungen an ihr Erspartes gehen.

Für Milchbauer Markus Nölke aus Meschede-Grevenstein hat sich die Situation in diesem Monat richtig zugespitzt. "Für den Liter Milch bekomme ich jetzt im Juli 28 Cent. Vor einem Jahr waren es gut zehn Cent mehr", schildert der Milchbauer. 74.000 Liter Milch produzieren seine 85 Kühe jeden Monat, das heißt: Monat für Monat fehlen dem Grevensteiner Landwirt rund 7.500 Euro Einnahmen.

Und das jetzt, in einer Zeit, wo die Ausgaben besonders hoch sind. Lohnunternehmer müssen bezahlt werden, die bei der Heuernte helfen, Landmaschinen sind stark im Einsatz und müssen häufiger gewartet oder repariert werden. Aus dem Geschäft, das Landwirt Nölke mit der Milch macht, kann er all diese Kosten nicht mehr zahlen. Für ihn bedeutet das, an die Substanz gehen zu müssen. "Wir haben zum Glück etwas Wald. Da werden jetzt Bäume geschlagen und das Holz verkauft, so dass von dort Geld hereinkommt."

Immer mehr Milchkühe in Südwestfalen

Bauer Nölke

Der Milchpreis ist im Keller, die Ausgaben sind hoch

So wie dem Grevensteiner Landwirt geht es zurzeit fast allen der 1.114 Milchviehbetriebe in Südwestfalen. "Der Milchpreis liegt jetzt schon unter dem des Krisenjahres 2009", sagt Michael Braun aus Reichshof, Landesvorsitzender des Bundes Deutscher Milchviehhalter. Eine Folge der Abschaffung der Milchquote im April? "Indirekt ja", meint Michael Braun. Aber der Preisverfall habe schon im Frühjahr 2014 begonnen. Als klar wurde, dass die Zeit der Milchquote und damit des geplanten Milchmarktes vorbei ist. Tatsächlich nimmt schon seit Jahren die Zahl der Milchkühe in den Ställen der Landwirte zu. In den fünf südwestfälischen Kreisen gab es vor fünf Jahren 53.522 Milchkühe – in diesem Mai wurden 56.634 gezählt.

Milchquote

In den 1980er Jahren produzierten die Bauern Milch und Butter in immer größeren Mengen. Sicherheit gab ihnen, dass die Europäische Gemeinschaft (EG) Butter und Magermilchpulver,die die Molkereien auf dem freien Markt nicht verkaufen konnten, zum Garantiepreis aufkaufte und mit Hilfe von Subventionen dann auf dem Weltmarkt verkaufte.

Um den Markt vor einer weiteren Überproduktion zu schützen, führte die EG 1984 die "Milchquote" ein. Jeder Mitgliedsstaat durfte nun nur noch ein bestimmtes Kontingent an Milch produzieren, die Quote wurde dort jedem Betrieb einzeln zugewiesen. Die Betriebe durften bei Strafe nicht mehr produzieren. Wenn ein Milchbauer aber mehr erzeugen will, muss er Quote dazu kaufen. Durch die Begrenzung der insgesamt angebotenen Milchmenge sollten letztendlich die Preise für den Erzeuger stabil gehalten werden. Die Regelungen wurden mit Gründung der Europäischen Union (EU) 1993 übernommen. Leider war die Quote nur begrenzt wirksam, da sie weit über dem EU-Selbstversorgerniveau angesiedelt worden war. Das System des Aufkaufens und mit Hilfe von Exportsubventionen auf den Weltmarkt Verkaufens blieb daher bestehen. Ab dem 1. April fällt die Milchquote als Mechanismus weg - nach mehr als 30 Jahren.

Wo mehr Milchkühe stehen, gibt es auch mehr Milch – und damit wird das Angebot zum Überangebot, wenn nicht neue Käufer gefunden werden. "Viele haben auf steigende Exporte gesetzt", sagt Michael Braun. "Doch im Moment ist genau das Gegenteil der Fall." Die Sanktionen wegen der Krim- und Ukraine-Krise gegen Russland spüren auch die Landwirte im Sauer- und Siegerland, genauso wie die Entwicklung in China, das selbst mehr Riesen-Bauernhöfe baut und weniger Milch aus Deutschland zukauft.

"So kann es nicht weitergehen"

Was tun angesichts des großen Überangebots? Wieder, wie in den 70er und 80er Jahren Butterberge anlegen? Oder die Milch für den Export subventionieren? "Aus unserer Sicht kann das nicht der richtige Weg sein", sagt Michael Braun. Der Bund Deutscher Milchviehhalter plädiere dafür, "befristet Menge vom Markt zu nehmen". Heißt: Die Bauern sollen weniger Milch produzieren, indem sie beispielsweise die Milchkühe weniger intensiv zufüttern.

Entschädigt werden sollen diese Landwirte dann aus der sogenannten "Superabgabe". Das sind Gelder, die Landwirte in den vergangenen Jahren zahlen mussten, wenn sie mehr Milch produzierten, als in der Milchquote festgelegt. Doch Lösungen zeichnen sich noch nicht ab – dabei müsse schnell etwas passieren, meint der Grevensteiner Landwirt Markus Nölke. "So wie in den letzten Wochen kann es nicht weiter gehen!" Beim Bund Deutscher Milchviehhalter überlegt man deshalb, wie man gegen die Situation vorgehen kann - Protestveranstaltungen inklusive.

Bio-Milchbauern stehen besser da

Biolandwirt Guido Simon

Bio-Milchbauer Guido Simon ist froh, seinen Betrieb umgestellt zu haben

Während sich die Probleme der konventionell arbeitenden Landwirte immer mehr zuspitzen, können Bio-Landwirte im Moment noch relativ entspannt sein. "Die Preisentwicklung der Biomilch hat sich in den letzten Jahren von der herkömmlichen Milch abgekoppelt", sagt Guido Simon aus Sundern-Amecke. Seine Kühe, die auf den Wiesen hinterm Haus grasen, produzieren seit zehn Jahren Biomilch – und da gibt es in Deutschland derzeit kein Überangebot. Es muss sogar Biomilch importiert werden, damit genug in den Regalen der Supermärkte steht. Deshalb zahlen die Molkereien Biobauern auch deutlich mehr für den Liter Milch.

"Ich bin ganz froh, dass ich diesen Weg gegangen bin“, sagt Simon. "Aber die Probleme meiner Kollegen aus der konventionellen Landwirtschaft machen mir schon Sorgen. Das trifft die sehr hart.“ Allerdings: Von konventioneller Landwirtschaft auf Bio-Landwirtschaft umzustellen – "das geht nicht einfach so", sagt Guido Simon. Zwei Jahre dauert die Umstellungsphase, da laufen bei den Landwirten die deutlich höheren Bio-Produktionskosten auf, sie können die Milch aber nur zum niedrigeren konventionellen Preis verkaufen. Das heißt: Für diesen Schritt muss vorher schon Geld angespart sein oder ein dickes Darlehen der Bank her. Und auch die Überzeugung muss stimmen. Denn Bio-Produktion ist deutlich aufwändiger.

Stand: 28.07.2015, 13:47