"Mein Kampf" als Schullektüre?

Cover des Buchs "Mein Kampf"

Neuauflage des Hitler-Pamphlets

"Mein Kampf" als Schullektüre?

Von Nina Magoley

70 Jahre lang war der Nachdruck der berüchtigten Hetzschrift Adolf Hitlers in Deutschland verboten. Ende 2015 erlöschen die Urheberrechte an "Mein Kampf". Eine kommentierte Neuauflage soll im Januar erscheinen - und möglicherweise zur Schullektüre werden.

Das Münchner Institut für Zeitgeschichte (IfZ) hat angekündigt, zum Jahresanfang 2016 eine kommentierte Neuausgabe von "Mein Kampf" zu veröffentlichen. Bis zu 2.000 Seiten lang soll die zweibändige Ausgabe sein, die am 8. Januar 2016 vorgestellt wird. Nach Ankündigung des Verlags sei darin jedes einzelne Kapitel mit einer einordnenden Einleitung versehen, mehr als 3.500 kritische Anmerkungen sollen außerdem den Text begleiten. Fünf Historiker und weitere Experten aus anderen Fachbereichen wie Humangenetik, Japanologie, Judaistik, Kunstgeschichte, Pädagogik und Wirtschaftsgeschichte arbeiteten über mehrere Jahre an der Ausgabe.

Schüler sollen immunisiert werden

Der Deutsche Lehrerverband (DL) hat vorgeschlagen, die kommentierte Auflage von "Mein Kampf" bundesweit im Schulunterricht einzusetzen. Die Schulen könnten das Buch nicht ignorieren, sagt Verbandspräsident Josef Kraus. Erfahrungsgemäß bekämen Veröffentlichungen, die für Schulen verboten sind, über andere Wege wie das Internet besondere Attraktivität. Da sei es besser, wenn Schüler sich unter der Leitung von Geschichts- und Politiklehrern dem Inhalt näherten. "Eine professionelle Behandlung von Textauszügen im Unterricht kann ein wichtiger Beitrag zur Immunisierung Heranwachsender gegen politischen Extremismus sein", erklärte Kraus in einer Stellungnahme des Verbands.

Cover der kommentierten Neuauflage "Mein Kampf"

So sieht sie aus: Die kommentierte Neuauflage von "Mein Kampf"

Allerdings käme "Mein Kampf" als Schullektüre nur für die Oberstufe, also für Jugendliche ab 16 Jahren, infrage, so Kraus. Außerdem seien nur Auszüge zu behandeln, "an denen nach dem Prinzip 'Wehret den Anfängen' deutlich gemacht werden kann, wohin mit einem solchen Pamphlet die Reise gehen kann". Kraus forderte die Kultusministerkonferenz auf, "didaktisch-methodische Rahmenempfehlungen" zu formulieren.

"Geschichtsbewusstsein auch ohne 'Mein Kampf'"

Die Forderung des Lehrerverbands stößt nicht nur auf Zustimmung. So hat die Ex-Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, bereits ihre entschiedene Missbilligung geäußert: Jüdische Themen und Persönlichkeiten, die Deutschland bis 1933 maßgeblich mitprägten, würden in den Schulen allenfalls "stiefmütterlich" aufgegriffen, sagte Knobloch in einem Zeitungsinterview. Daher sei eine Behandlung ausgerechnet der "zutiefst antijüdischen Schmähschrift" unverantwortlich. Eine Erziehung von Schülern zu geschichts- und verantwortungsbewussten Menschen sei auch "sehr gut ohne die Lektüre" denkbar und wünschenswert, sagte Knobloch.

"Nicht zu viel Angst"

"Ich hätte nicht zu viel Angst davor", sagt dagegen Gideon Botsch, Politikwissenschaftler am Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien der Universität Potsdam. Schon lange würden im Schulunterricht auch andere Originaldokumente Hitlers durchgearbeitet - beispielsweise der Brief, den der spätere Diktator 1920 an Adolf Gemlich schrieb, in dem er die "Entfernung der Juden" als Ziel formuliert. Wichtig sei, sagt Botsch, dass solches Material grundsätzlich durch andere Quellen "quer kommentiert" würde, um "die Entschlüsselung zu erleichtern".

"Auch die von Hitler benutzte, sehr menschenverachtende Sprache und Rhetorik, die krasse Gewalt, Vernichtungsaufrufe und Verschwörungstheorien beinhaltet", müsse im Unterricht sorgsam aufgearbeitet werden: "Man darf diese Sprache nicht so stehen lassen." Ob eine Schule das Buch in den Lehrplan aufnimmt, sollte nach Meinung des Wissenschaftlers aber nicht verbindlich vorgegeben werden: "Es hängt von der jeweiligen Klasse ab, ob die Auseinandersetzung mit 'Mein Kampf' zumutbar ist oder nicht", sagt Botsch.

Kultusministerkonferenz soll entscheiden

NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann hat offenbar noch keine klare Meinung dazu. Die Zeit des Nationalsozialismus sei in den Lehrplänen der Schulen ohnehin "fest verankert", sagt Ministeriumssprecher Jörg Harm, "dazu gehört auch die Auseinandersetzung mit Originalquellen im Unterricht". Ob die kommentierte Fassung von "Mein Kampf" zukünftig zum Unterrichtsmaterial gehöre, müsse aber die Kultusministerkonferenz prüfen und klären, sagt der Sprecher. Zwar könne dazu ein Anstoß aus NRW kommen, aber ob das Schulministerium diesen Schritt gehe, müsse auch wiederum geprüft werden.

Hitler liest Zeitung.

Adolf Hitler während seiner Haftzeit

Nach seinem Umsturzversuch im November 1923 hatte Adolf Hitler, damals in der Festung Landsberg inhaftiert, 1924 sein Buch "Mein Kampf" geschrieben. Darin legte er seine politischen Ansichten und Pläne dar. Auch sein fanatischer Antisemitismus, seine Begeisterung für die "Rassentheorie" und seine Vorstellung vom Umgang mit den Juden werden in diesem Buch bereits sehr deutlich. Dennoch nahmen damals die demokratischen Parteien in Deutschland seinen Inhalt zunächst nicht ernst. Bis Herbst 1944 wurden rund 12 Millionen Exemplare gedruckt. Während des Naziregimes bekamen Ehepaare zeitweise eine Ausgabe vom Staat zur Hochzeit geschenkt. Nach Kriegsende übertrug die US-Militärregierung die Urheberrechte an der Schrift an den Freistaat Bayern, der seitdem eine Neuveröffentlichung verhindert hat. 70 Jahre nach dem Tod Adolf Hitlers laufen die Urheberrechte nun aus.

"Furchtbares Beispiel einer menschenverachtenden Schrift"

Im Juni 2014 hatten die Justizminister der Länder bei ihrer Justizministerkonferenz beschlossen, zumindest eine unkommentierte Verbreitung von Hitlers "Mein Kampf" auch nach Ablauf der urheberrechtlichen Schutzfrist zum 31. Dezember 2015 zu verhindern. Das Buch sei "ein furchtbares Beispiel einer menschenverachtenden Schrift".

Stand: 21.12.2015, 10:35