Wahlkampf mit dem E-Auto

Schriftzug  "100% electric car" steht auf einem Tesla Elekroauto

Wahlkampf mit dem E-Auto

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz versucht im Bundestagswahlkampf mit einer Quote für Elektroautos zu punkten. Eine charmante Idee, findet Hendrik Buhrs in seinem Kommentar.

Zwischen den Worten und den Taten eines Menschen liegen bisweilen Abgründe oder Gebirgsketten. Dieses Phänomen ist besonders im Kreise von leitenden Managern der Autoindustrie festzustellen. Jahrelang hören wir von ihnen: Das Fahrvergnügen ist so umweltfreundlich und ressourcenschonend wie nur irgend möglich. Schon heute sind die Motoren sauber, und in der Zukunft – ja, da könne man aber staunen, was für Elektro-, Wasserstoff- oder sonstige kreative Antriebe man dann im Autohaus finden werde!

Diese Leier kannte man schon, bevor der Dieselskandal vor knapp zwei Jahren um sich griff. Und mit den scheibchenweise ans Licht tretenden Erkenntnissen schmerzt das unverbindlich-freche Gerede der Industrie von Tag zu Tag mehr. Da wird ein Minimalergebnis auf dem Diesel-Gipfel Anfang August als einzigartiger Beitrag der Hersteller gefeiert. Kein Wunder: Jahrzehntelang ist die Branche von der deutschen Politik geschont worden – aber die schützende Hand hat sie nur zaghaft in Richtung Innovation, sondern vor allem auf den Holzweg Richtung Lobbyarbeit und kreativer Gesetzesauslegung geführt. Ein klassischer Bärendienst, denn die Konkurrenz in Asien und Amerika kann auch Autos bauen – und wer heute im Markt vorne liegt, muss dort nicht ewig bleiben.

Regeln sind einzuhalten, aber zusätzliche staatliche Eingriffe in die Wirtschaft sollten die Ausnahme bleiben. Ich finde aber die Elektroauto-Quote von Martin Schulz eine charmante Idee. Denn auf einen groben Klotz – die Autobranche – gehört jetzt mal ein grober Keil. Wer da protestiert und "Planwirtschaft" ruft, der schaue nicht nur nach China, wo in der Tat auch eine Elektroautoquote kommen soll und den Weltmarkt schon wegen der schieren Größe des Landes aufmischen wird, sondern in das planwirtschaftlich unverdächtige Kalifornien. Da ist Fortschritt hip, hipper anscheinend als in Deutschland.

Käme ein Quotenzwang für die Hersteller, aber wir Kunden sagen weiterhin – danke, das E-Auto wollen wir nicht – dann haben die Konzerne ein Problem und müssten die Autos billiger machen… und das Drumherum wie die Ladestationen nutzerfreundlicher. Das würde Zug in die Sache bringen – und am Ende, wenn auch als Kraftanstrengung gelingen, da bin ich vertrauensvoll.

Bleibt aber die Frage, wie es mit der politischen Durchsetzbarkeit von Martin Schulz‘ Vorschlag aussieht! Die SPD hat schließlich auch Benzin im Blut, ob in der niedersächsischen Landesregierung oder in mehreren der letzten Bundeskabinette. Der Kanzlerkandidat nimmt Anlauf – aber ob der neue Bundestag wirklich andere Töne Richtung Industrie anschlagen wird, muss erst bewiesen werden. Nicht nur zwischen Worten und Taten der Autokonzerne liegen manchmal Abgründe. Die deutsche Politik ist auch in dieser Disziplin nicht allzu weit von der deutschen Vorzeigebranche entfernt.

Wahlkampf mit dem E-Auto

WDR 5 Morgenecho - Kommentar | 12.08.2017 | 03:04 Min.

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Redaktion: Stefan Pößl

Stand: 11.08.2017, 16:43