Wer sind die "neuen" Nordafrikaner?

Verhaftungen im sogenannten Maghrebviertel in Düsseldorf

Polizei analysiert Straftäter

Wer sind die "neuen" Nordafrikaner?

Seit vielen Jahren schon kommen Nordafrikaner nach NRW. Viele wohnen bereits seit Jahrzehnten hier. Doch in jüngster Vergangenheit scheinen sich die Probleme mit jungen Männern aus Nordafrika zu häufen. Woher kommen die? Wie reagieren die Städte? Eine Übersicht.

Wie hat sich die Zahl der Flüchtlinge aus den "Maghreb"-Staaten entwickelt?

Die Zahl nordafrikanischer Flüchtlinge ist laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) in den vergangenen Monaten stark gestiegen. Während sich im September noch 685 Marokkaner meldeten, waren es im Dezember bereits 2.896. Die Zahl der algerischen Flüchtlinge verdoppelte sich im selben Zeitraum von 1.251 auf 2.296. Insgesamt sind im vergangenen Jahr 14.379 Asylbewerber aus Nordafrika nach NRW gekommen. Unter ihnen waren nach Angaben des Düsseldorfer Innenministeriums 6.444 Marokkaner, 6.790 Algerier und 1.121 Ägypter, 19 Personen aus Libyen und 5 aus Tunesien. Damit machten die Aslybewerber aus Nordafrika einen Anteil von 6,2 Prozent aller Asylbewerber in NRW aus.

Allerdings stellt nur ein Teil der in NRW lebenden Nordafrikaner überhaupt einen Ayslantrag. Denn der lohnt sich oft nicht, die Anerkennungsquote ist hier sehr gering. Bei Marokkanern lag sie im vergangenen Jahr bei nur 1,9 Prozent, bei Algerieren bei 1,8 Prozent und bei Tunesiern bei 3,4 Prozent.

Woher kommen die Nordafrikaner?

Im Gegensatz zur so genannten Gastarbeitergeneration kommen viele jüngere Flüchtlinge offenbar gar nicht mehr direkt aus Marokko, Algerien oder Tunesien. Sie reisen vielmehr über andere EU-Staaten wie Spanien oder Italien ein, wo sie teilweise schon länger gelebt haben. Oft schicken marokkanische oder tunesische Familien ihren ältesten Sohn nach Europa, um Geld zu verdienen. Damit sollen dann Schleuser bezahlt werden, die die Familien nachholen.

Wohin zieht es die jungen Nordafrikaner?

Viele Nordafrikaner landen früher oder später in den großen Städten wie Köln oder Düssedorf, schätzt Samy Charchira, Sachverständiger bei der Deutschen Islamkonferenz und Mitglied des Landesvorstandes des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes NRW. "Wir kennen die Vorgeschichte dieser jungen Männer nicht, wissen aber, dass sie früher oder später in den Stadtteilen auftauchen, wo sich in den letzten Jahren ein deutsch-maghrebinisches Gemeindeleben etabliert hat, um Hilfe aufzusuchen", erklärt Charchira.

Dort suchen die Nordafrikaner dann nach Möglichkeiten, Geld zu verdienen. "Leider ist es so, dass einige sich für den Weg entscheiden, Diebstähle oder andere Delikte zu begehen", so Samy Charchira. Die Düsseldorfer Polizei vermutet auch, dass das örtliche "Maghreb-Viertel" als Rückzugsraum für Diebesbanden dient. Die Beamten führten dort deshalb am Samstag (16.01.2016) eine Großrazzia durch, bei der in 18 Cafés, Bars und Spielcasinos fast 300 Nordafrikaner überprüft wurden. 40 Personen wurden dabei festgenommen, wenige Tage später aber wieder freigelassen.

Seit etwa zwei Jahren fallen nach Angaben von Polizei und Sozialarbeitern einige junge Nordafrikaner vor allem durch Diebstähle ("Antanzen") auf. Dabei handelt es sich offenbar um junge Männer, die entweder vor Jahren schon den Weg nach Europa gefunden haben, oder jetzt aktuell über die Flüchtlingsrouten eingereist sind.

Wie reagieren die Städte auf die Entwicklung?

In Köln wurde 2013 das "Analyseprojekt Nordafrikanische Straftäter" (AP NAFRI) ins Leben gerufen. Ein Team aus Spezialisten analysiert seitdem unter anderem die Daten zu Straftatverdächtigen aus Nordafrika. Laut einem Bericht eines internen Polizeimagazins sollen die Kölner Beamten im vergangenen Jahr knapp 2.000 Straftatverdächtige aus Nordafrika registriert haben. Von über 800 Marokkanern, Algeriern und Tunesiern, die zwischen Oktober 2014 und November 2014 in Köln erfasst worden seien, hätten sich 40 Prozent strafbar gemacht. Im selben Zeitraum seien dagegen nur 0,5 Prozent der Syrer und 2 Prozent der Iraker mit dem Gesetz in Konflikt geraten.

Razzia in Düsseldorf

Bei der Großrazzia im "Maghreb-Viertel" wurde 18 Lokale besucht

Auch in Düsseldorf wurde ein Analyse-Team gegründet. Dort wollen die Beamten unter dem Projektnamen "Casablanca" mehr über die Täterstrukturen erfahren. Seit Juni 2014 wurden in der Landeshauptstadt bereits Daten zu mehr als 4.300 Straftaten und 2.200 Straftätern nordafrikanischer Herkunft erfasst und analysiert.

Was geschieht mit ausreisepflichtigen Nordafrikanern?

Nach Angaben des NRW-Innenministeriums halten sich 50 Prozent der bundesweit ausreisepflichtigen marokkanischen Staatsangehörigen in NRW auf. Doch die Ausreise entpuppt sich als schwierig. Da Marokkaner oder Algerier häufig nicht über Ausweispapiere verfügen, müssen in deren Heimatländern erst Heimreisedokumente ausgestellt werden. Doch dabei zeigten sich die Länder wenig kooperativ, hieß es aus dem Innenministerium. Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) hat sich deshalb erneut dafür ausgesprochen, auf die Herkunftsländer einzuwirken, dass sie ihre in Deutschland als Asylbewerber abgelehnten Staatsbürger wieder einreisen lassen. "Und da muss vielleicht auch Druck gemacht werden, auch mit Themen wie Entwicklungshilfe", betonte Kraft.

Stand: 19.01.2016, 14:13

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