Attentäter hatte mindestens 20 Identitäten

NRW-LKA-Direktor Uwe Jacob

Ermittlungen des LKA

Attentäter hatte mindestens 20 Identitäten

Von Rainer Kellers

  • Pressekonferenz des LKA zu mutmaßlichem Angreifer von Paris
  • Verdächtiger soll mindestens 20 Identitäten gehabt haben
  • LKA geht von Einzeltäter aus

Wer war der Mann, der in Paris erschossen wurde, als er am 7. Januar mit einem Schlachterbeil auf zwei Polizisten zugelaufen war, "Allah ist groß" gerufen und ein Schlachterbeil gezogen hatte? Nach Angaben von LKA-Chef Uwe Jacob ist der Angreifer jetzt identifiziert. Es handelt sich um einen 24 Jahre alten Tunesier, der zuletzt in einer Flüchtlingsunterkunft in Recklinghausen gelebt hatte.

Sein wahrer Name ist vermutlich Tarek Belgacem. In Deutschland allerdings war er unter dem Namen Walid Salhihi bekannt. Und das war längst nicht seine einzige Tarn-Identität. Wie Jacob am Freitag (22.01.2016) in Düsseldorf berichtete, nutzte Belgacem in mehreren europäischen Staaten mindestens 20 verschiedene Identitäten.

Radikalisierter Einzeltäter

Eine 60-köpfige Ermittlergruppe des Landeskriminalamtes hat in den vergangenen zwei Wochen mit großem Aufwand ermittelt, wie sich Belgacem in den vergangenen Jahren durch Europa bewegte. Die wohl wichtigste Erkenntnis: Belgacem war offenbar nicht Teil eines salafistischen Netzwerks, sondern ein Einzeltäter, der sich im Internet radikalisiert hatte. Er sei drogenabhängig und kriminell gewesen, sagt Jacob. "Und er nutzte die Freizügigkeit in der EU in besonderem Maße aus", um Straftaten zu begehen.

Asylanträge in sieben Ländern

Die wahre Identität des Mannes haben die Ermittler durch einen Abgleich von Fingerabdrücken in den verschiedenen Ländern herausgefunden. Sie alle führten zu einem Mann, der 2011 in Rumänien Asyl beantragt hatte - Tarek Belgacem. Seine Reise führte ihn quer durch Europa. In Österreich, Rumänien, Italien, Luxemburg, der Schweiz, Deutschland und Schweden stellte er Asylanträge. Ausgegeben hat er sich als Tunesier, Marokkaner, Syrer und Georgier.

Nach Deutschland kam er Anfang 2013. Zuletzt lebte er als Asylbewerber in Recklinghausen. Dort gab es am Freitag (22.01.2016) eine erneute Razzia. Dabei wurden auch die Zimmer von Flüchtlingen durchsucht, zu denen Belgacem Kontakt hatte. Gefunden wurden Diebesgut und Drogen, aber kein Hinweis auf ein Terror-Netzwerk. "Wir können die Existenz eines islamischen Netzwerkes um diese Person ausschließen", sagt Jacob. Auch Hinweise auf weitere Anschläge hätten die Beamten nicht gefunden. Belgacem sei ein Einzeltäter gewesen, davon gehen laut Jacob auch die französischen Behörden aus.

An der Wand eine IS-Fahne

Angedeutet hatte sich seine Radikalisierung allerdings bereits im Februar 2015. Nach einem anonymen Hinweis hatte die Polizei in Recklinghausen damals das Zimmer in der Flüchtlingsunterkunft durchsucht. Gefunden wurde dabei eine Gaspistole. Die Beamten entdeckten zudem eine mit Kugelschreiber an die Wand gemalte Fahne des Islamischen Staates (IS). Der Staatsschutz ermittelte und wertete die Daten auf dem Handy des Mannes aus. Gefunden wurden dabei laut Jacob "IS-typische Bilder und Videos" sowie Fotos von Osama bin Laden. Gewalt- oder Gräuel-Videos seien aber nicht darunter gewesen. Die Staatsanwaltschaft stufte das Material als nicht strafrechtlich relevant ein. Das Verfahren wurde eingestellt. Auch ein zweiter anonymer Hinweis, dass Belgacem und acht nicht benannte Personen "ISSIS" (sic!) angehören sollten, ließ sich laut Jacob nicht erhärten.

Belgacem sei ein Kleinkrimineller gewesen, dem in mehreren europäischen Ländern Straftaten wie Diebstahl, Verstoß gegen das Waffengesetz, Rauschgifthandel, Körperverletzung und sexuelle Beleidigung zur Last gelegt wurden. In NRW verbüßte er eine einmonatige Haftstrafe.

Asyl-Datenbank gehört laut LKA auf den Prüfstand

Jacob kritisierte am Freitag die europäische Asyl-Datenbank Eurodac. Sie gehöre auf den Prüfstand. Der Polizei müssten außerdem alle verfügbaren Daten zur Verfügung gestellt werden, um umherreisende Straftäter erkennen zu können, sagte der LKA-Chef. Bislang enthält die Datenbank nur Fingerabdrücke, Informationen zum Geschlecht und dem Tag der Einreise der Asylbewerber. Die Personalien fehlen jedoch. Und das macht es für die Behörden schwer, Straftäter bei der Einreise zu identifizieren. Bei der Razzia in Ahlen am vergangenen Dienstag (19.01.2016) zeigte sich, dass die Hälfte der kontrollierten Personen falsche Papiere mit verschiedenen Namen hatten. "Es besteht dringender Handlungsbedarf", sagt Jacob.

Stand: 22.01.2016, 17:20