Verkommen, vererbt und zu verkaufen

Fachwerkhaus

Wenn das Land erbt

Verkommen, vererbt und zu verkaufen

Von Markus Rinke

Fotopatente, ein Schwimmbad, Geld, Schmuck und Wertpapiere. All das hat Marion Freimuth schon geerbt und verkauft. Sie verwaltet Erbschaften des Landes. Manchmal hat die Beamtin es mit besonderen Schätzen zu tun, doch meist ist der Job nicht so angenehm.

vermüllter Raum

Ein normaler Anblick, wenn die Beamten ein geerbtes Haus betreten

Der Müll liegt verstreut auf dem Fußboden, dazwischen Rechnungen aus dem letzten Jahrtausend. Der Putz kommt von der Decke. Es ist zwar nicht schimmelig, dafür aber staubig und es riecht sehr unangenehm. In der Küche stehen Getränkekartons, das Haltbarkeitsdatum ist schon seit Jahren überschritten – lange kann man es in der ehemaligen Gaststätte in Höxter Albaxen nicht aushalten. Das Gebäude in dem kleinen Ort direkt an der niedersächsischen Grenze ist eine so genannte Fiskalerbschaft. Die ehemalige Kneipe gehört seit 2009 dem Land. Schon 2004 war der vorherige Eigentümer gestorben. Doch bis die Angehörigen nacheinander das Erbe ausgeschlagen haben, sind einige Jahre vergangen.

Bloß nicht aufräumen

Jetzt ist Marion Freimuth dafür zuständig. Die Verwaltungsbeamtin der Bezirksregierung Detmold macht das inzwischen im fünften Jahr. Und so wie in der Gaststätte sieht es in vielen Häusern aus, die sie betritt. "Das ist kein schönes Gefühl, ich weiß, dass mich das erwarten kann", sagt die Beamtin, die manchmal erschreckt ist, wie Menschen gehaust haben. Und natürlich war am Anfang der Reiz groß, erst einmal sauber zu machen. Doch das ist nicht ihre Aufgabe: "Als ich hier anfing, hat es mir in den Fingern gejuckt, da hätte ich am liebsten aufgeräumt. Dafür werde ich aber nicht bezahlt. Wenn ich meine Stunden umrechnen würde, wäre ich eine verdammt teure Putzfrau." Marion Freimuth ist froh, das Gebäude möglichst schnell wieder zu verlassen, alles Weitere könne man auch vor der Tür besprechen.

Möglichst schnell verkaufen

Und in der Tat gibt es Gesprächsbedarf. Lehm bröckelt aus den Zwischenräumen der Fachwerkfassade, die eingeschlagenen Fenster im Keller sind mit Holz verkleidet. Und eine Tür sei vor kurzem aufgebrochen worden, erklärt der Hausmeister, den die Bezirksregierung mit der Sicherungspflicht beauftragt hat. Das Land muss das Haus instand halten und Gefahren beseitigen. Deshalb sind bereits ein baufälliger Anbau abgerissen und die Dachrinne erneuert worden. Jetzt muss auch die komplette Hausfassade saniert werden. Die Frage, ob sich das lohnt, stellt sich für Marion Freimuth nicht. Das denkmalgeschützte Haus muss erhalten bleiben. Doch natürlich würde sie das Haus lieber heute als morgen verkaufen. Und weil es die Beamtin für unmöglich hält, den geschätzten Wert von 35.000 Euro für den maroden Bau zu bekommen, würde sie wahrscheinlich schon für 20.000 einen Vertrag unterschreiben. Das Nachbarhaus, das gerade renoviert wird, gehörte ebenfalls zu der Erbschaft und hat bereits seit zwei Jahren einen neuen Besitzer.

Das Land erbt keine Schulden

Die Erbschaft in Höxter-Albaxen ist typisch. Sehr häufig sind es runtergewirtschaftete Häuser, bei denen die Verstorbenen keine Angehörigen haben. Oder es sind verschuldete Schrottimmobilien. Marion Freimuth lernt dann häufig die Angehörigen und die Lebensumstände des Verstorbenen kennen. Etwas, was sie an ihrem Beruf spannend findet. Und während die Angehörigen auch die Schulden erben, übernimmt die das Land nicht. Die Gläubiger bekommen dann bei einem Verkauf nur anteilig ihr Geld zurück.

Rund 120 Erbschaften im Jahr

Frau vor einer Theke

Verwaltungsbeamtin Marion Freimuth

Und trotzdem lohnen sich die Erbschaften. Allein die Bezirksregierung Detmold hat im Jahr 2011 rund 120 mal geerbt. Zum Vergleich: Im Erzbistum Paderborn sind es seit Jahren etwa zehn Nachlässe pro Jahr. Nach Abzug der Kosten, zum Beispiel für die Verkehrssicherungspflicht, bleibt dem Land ein Gewinn von rund 350.000 Euro, im Regierungsbezirk Arnsberg waren es sogar 550.000 Euro. Das geht natürlich nicht mit Schrottimmobilien. Manchmal sind es Lebensversicherungen, Sparbücher, Schmuck oder auch Geld, erklärt Marion Freimuth: "Ich habe auch schon mal einen Nachlass gehabt, wo im Wäscheschrank Geld zwischen den Wäschestücken lag." Da hat die Beamtin aber vorher einen Tipp bekommen. Ungewöhnlich war auch die Erbschaft eines Patents, Industrieanlagen in einer besonderen Form zu fotografieren. "Dass man darauf ein Patent haben kann, war mir vorher auch nicht klar", so Freimuth, die aber auch das verkauft hat. In dem speziellen Fall war das sogar einfach, weil das Patent von einem Fotografen genutzt wurde, der dann auch die Rechte daran gekauft hat.

Nachfragen bei den Nachbarn

In anderen Fällen ist das nicht so einfach. Wenn sich Marion Freimuth um Ackerflächen oder Wälder kümmert, ruft sie auch schon mal die Besitzer der Nachbargrundstücke an. Eine gewisse Zielstrebigkeit sei dafür notwendig. Doch trotz ihrer Erfahrung wagt sie keine Prognosen, wann zum Beispiel die alte Gaststätte verkauft sein wird: "Ich bin oft überrascht worden, wo ich dachte, das wird ewig dauern, aber da war auf einmal ein Kaufinteressent da. In letzter Zeit haben wir schon einige Objekte verkauft, von denen ich nicht vermutet hätte, dass das so schnell gegangen wäre." Sicher ist nur, dass Marion Freimuth die Arbeit nicht ausgeht. Auf ihrer Liste stehen fast 60 Grundstücke und Häuser, für die die Beamtin einen Käufer sucht.

Stand: 21.08.2012, 06:00