Die Badelatsche ist im Mainstream angekommen

Adiletten an männlichen Füßen.

Die Badelatsche ist im Mainstream angekommen

Von Markus Will

Was vor nicht allzulanger Zeit als modische Todsünde galt, ist inzwischen mithilfe von Prominenten zur Design-Ikone geworden. Die Adilette gilt als Modeschuh - sogar mit Socken.

Schlappen und Socken - diese seltsame Paarung der Fußbekleidung gilt längst nicht mehr als Stil-Unfall von gleichgültigen Vorstädtern, Biedermeier-Campern oder Kleingartengrillmeistern - sie ist im Modezirkus angekommen. Im Klartext: Die Adilette, Deutschlands beliebteste Dusch- und Badeschlappe, erobert Laufstege und Straßen.

Nicht zum ersten Mal - das Thema kochte bereits vor drei Jahren hoch, als plötzlich Prominente ihre Füße in die Plastiksandale steckten - und darin einkaufen gingen oder über rote Teppiche schlurften. Auslöser für diese neue Liebe zur Latsche war Phoebe Philo, Designerin der Luxusmarke Céline. Sie hatte für die Sommerkollektion 2013 eine Sandale nach Vorbild einer Badeschlappe kreiert - allerdings mit Fell auf der Sohle. Im Jahr darauf folgten Labels wie Givenchy oder Helmut Lang und entschärften diese Variante. Die Botschaft kam bei Modemutigen an: Du bist ok mit Badeschlappe, kümmer' dich nicht, was andere sagen.

Die britische Schauspielerin Suki Waterhouse trägt Adiletten.

Die britische Schauspielerin Suki Waterhouse zeigt sich im Juni 2017 modebewusst - mit Adiletten.

Dieses Credo passt gut in eine Zeit, in der immer mehr Lebensratgeber Achtsamkeit predigen. Eine Badeschlappe hilft dabei, denn sie ist auf Funktion und Komfort optimiert: Sie hat eine rutschfeste Sohle mit Fußbett, gibt sicheren Halt, ist in einer Sekunde angezogen und lässt sich im Nassen wie im Trockenen tragen. Zehenstegsandalen wie zum Beispiel Flip-Flops bieten von all dem nichts. Dennoch kämpft die Badeschlappe mit einem zweifelhaften Ruf.

Die einen sehen in ihnen einen Schrei nach Aufmerksamkeit, die anderen riechen den Mief aus Vereinssportkellern heraufziehen. Zugegeben, letzteres liegt der Adilette in den Genen. Sie kam 1970 in die Welt und begleitete die deutsche Fußballnationalmannschaft in die WM-Duschen von Mexiko - Adidas-Gründer Adolf Dassler hatte sie zum Schutz gegen Fußpilz und Verletzungen erfunden. Der Bedarf war so zahlreich wie es Kicker auf Bolzplätzen gab: Ab 1972 schlüpfte jeder Halb- und Viertelsportler in die Adilette und dann in die Vereinsdusche. Dort sorgte sie für sportive Sicherheit, auch dann, wenn man nackt und eingeseift war.

Ihre konzeptionelle Ausgereiftheit verhalf ihr zum Siegeszug um die ganze Welt. Sie ist robust, komfortabel, billig und auch nicht wirklich hässlich - wie das eben so ist bei Produkten, die nur auf Funktion hin gestaltet werden. Still und unscheinbar entwickelte sich der Schuh zu einer Design-Ikone. Weltweit. Ob in afrikanischen Städten, asiatischen Wüsten, amerikanischen Ghettos oder europäischen Flüchtlingslagern, die Synthetikpantoletten - pool slides, wie sie international heißen - stillen überall das Bedürfnis nach Praktikabilität und Bequemlichkeit.

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg trägt Adiletten (2008).

Erkannte den Trend vor allen anderen: Facebook-Gründer Mark Zuckerberg ließ sich bereits 2008 mit Adiletten porträtieren.

Ein Wunder, dass die Modeindustrie sie so lange ignoriert hat. Doch in einer Welt, die immer häufiger in Sportschuhen unterwegs ist, ist auch der Aufstieg der Badeschlappe zur Ausgeh-Sandale nur noch eine Frage der Einsicht. Was vor vier Jahren nur als modische Albernheit für Schlagzeilen sorgte, justiert sich nun im Mainstream ein.

Auch weil heute fast jede Modemarke eine eigene Version von pool slides anbietet, in allen Farben, in Gold, in Frottee, in Plüsch, in Mustern. Die geschmäcklerische Ablehnung nimmt ab, die Zustimmung zur Badesandale als Modeschuh steigt - übrigens auch bei Männern: Adiletten auf der Straße werden bald keine Frage mehr des Ob, sondern des Wie sein. Auch Strümpfe spielen dabei eine Rolle: Der Aufschwung der Badesandale kommt parallel zur Renaissance der Socke.

Der Erfolg der Adiletten- Badeschlappen

WDR 3 Kultur am Sonntag | 06.08.2017 | 05:32 Min.

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Stand: 06.08.2017, 06:00