"Demokratie bauen" in Bonn

Kanzlerbungalow Bonn

"Demokratie bauen" in Bonn

Wie manifestiert sich Deutschlands Staatsform in öffentlichen Bauten? Und sieht staatliche Architektur nach dem Fall der Mauer anders aus als zu Gründungszeiten? Prof. Klaus Jan Philipp leitet das heutige Symposium in Bonn zum Thema.

WDR 3: Herr Philipp, als “rheinische Sparkasse“ soll Helmut Schmidt das Bundeskanzleramt in Bonn 1977 bezeichnet haben. Hatte er Recht? War die Architektur des Regierungsviertels wirklich so bieder?

Prof. Klaus Jan Philipp

Prof. Klaus Jan Philipp

Klaus Jan Philipp: Ja, Helmut Schmidt hat es schon irgendwie auf den Punkt gebracht. Das betrifft natürlich ein Grundproblem, das Bonn seit der Gründung der Bundesrepublik 1947 hatte: Wie kann man in einem neuen Staat, der sich vom Nationalsozialismus absetzen will, überhaupt wieder Staatsarchitektur machen? Man konnte ja weder an das, was der Nationalsozialismus hinterlassen hatte, noch an die Moderne der Zwischenkriegszeit anknüpfen. Denn die hatte sich nicht um Staatsbauten gekümmert. Also wo beginnen?

Tatsächlich hat man in Bonn erst einmal Bestandsbauten genutzt. Erst später kamen einige neue notwendige Bauten hinzu; und dann immer größere Verwaltungsbauten.

WDR 3: Also eine gewisse pragmatische Bescheidenheit und bei Neubauten auch ein Understatement?

Klaus Jan Philipp:  Man ist schon mit Understatement aufgetreten. Das fängt mit dem eingeschossigen, kleinen, nicht sehr repräsentativen Kanzlerpavillon an, aber durchaus moderne Architektur, mit viel Glas versehen. Das ist dann auch das Paradigma geblieben zumindest in Bonn.

Es ging damals das Wort um: Jeder Stein für Bonn ist ein Stein gegen Berlin – die eigentliche Hauptstadt Deutschlands. Deshalb war man sehr, sehr vorsichtig es sind große Wettbewerbe veranstaltet worden, die dann auch wieder eingestellt worden sind. Weil man sich eben nicht traute, bis in die späten 80er Jahre, wirklich etwas großes Neues zu machen.

Bei den föderal auf die Länder verteilten Institutionen sah das schon anders aus. Da konnte man schon anders auftreten. Aber in Bonn nicht.

Bundeskanzleramt

Ehemaliges Bundeskanzleramt in Bonn

WDR 3: Ihr eigener Vortrag bei dem Symposium beschäftigt sich mit dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, das 1969 fertiggestellt wurde, im selben Jahr wie das Bundeskanzleramt. Vom Stil her ähnlich, oder?

Klaus Jan Philipp: Es ist ein bisschen heller als das Bundeskanzleramt, weil man andere Materialien verwendet, insbesondere Aluminium. Aber es ist auch wieder typisch: Man nimmt wieder ein Pavillonsystem, mit dem man schon auf der Weltausstellung 1954 in Brüssel aufgetreten ist, wo Deutschland sich zum ersten Mal wieder nach außen repräsentierte mit seiner ganz leichten, gläsernen Architektur. Schwebende Räume, viel Offenheit und Transparenz.

Außenaufnahme des Bundesverfassungsgerichts

Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe

Das zeigt sich dann auch im Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, das aber ein bisschen schwerer sein durfte: Immerhin ist es ja ein Verfassungsorgan, das darin untergebracht ist. Trotzdem: Verglichen mit den Reichsgerichten, die im 19. Jahrhundert, in Leipzig etwa, errichtet wurden, ist das ein sehr bescheidener Bau.

WDR 3: Ist dieser Plan denn aufgegangen? Hat man durch diese Architektur auf dem internationalen Parkett – oder auch gegenüber den eigenen Bürgern – dieses Demokratieverständnis vermitteln können?

Klaus Jan Philipp: Ich denke, in gewisser Weise schon. Man kann das ja nicht richtig messen, aber ich denke, dass Brüssel mit der Pavillonarchitektur sehr bedeutend war, um ein neues Deutschlandbild zu vermitteln.

Stärker vielleicht noch der Pavillon auf der Weltausstellung in Montreal 1967, wo Frei Otto und Rolf Gutbrod zum ersten Mal diese Zeltarchitektur gemacht haben, die dann durch die Olympiade in München weltberühmt geworden ist. Da ging es dann drum, das "Swinging Germany" zu zeigen. Und das hat tatsächlich gefruchtet, dass man als offenes, zukunftsweisende Land gesehen wurde weltweit.

WDR 3: Wie ist es denn eigentlich mit der Gegenwart des demokratischen Bauens? Ist man da nicht vom Understatement wieder ein bisschen zur Repräsentation zurückkehrt ?

Klaus Jan Philipp: Auf jeden Fall. Weil Deutschland ja auch ein anderes Land ist seit 1989. Nach der Wiedervereinigung sind ja viele Fragen, die in Bonn nach 1949 diskutiert worden sind, nicht mehr aktuell. Deutschland ist ein großes, bedeutendes Land, das sich auch wieder zeigen darf.

Kuppel des Reichstagsgebäudes in Berlin

Kuppel des Reichstagsgebäudes in Berlin

Das Gespräch führte WDR 3 Moderatorin Kornelia Bittmann in WDR 3 Kultur am Mittag.   

Stand: 09.02.2017, 15:47