Westwind: Theaterfestival für Kinder und Jugendliche in Moers

"Rats" von fABULEUS & Ugo Dehaes (BE)

Westwind: Theaterfestival für Kinder und Jugendliche in Moers

Das 'Westwind' Theaterfestival zeigt ausgewählte Inszenierungen für Kinder und Jugendliche. "Sie sollen eine lustvolle Herausforderung sein - thematisch und ästhetisch", sagt Jurymitglied Holger Runge und erzählt, welche Stücke die jungen Besucher bis kommenden Freitag zu sehen bekommen.

WDR 3: Zehn Inszenierungen von Kinder- und Jugendtheatern aus ganz NRW werden beim Festival zu sehen sein. Sie saßen in der Auswahljury. Was muss für Sie eine gute Inszenierung für Kinder und Jugendliche mitbringen?

Holger Runge, Theaterpädagoge am Schlosstheater Moers

Holger Runge, Theaterpädagoge am Schlosstheater Moers

Runge: Wir als Jury hätten gerne mehr als nur zehn Inszenierungen beim Festival gesehen. Das lag wohl daran, dass wir einen sehr starken Jahrgang gesichtet haben.

Mir ist es wichtig, dass eine Inszenierung Spaß macht, dass sie gute Unterhaltung bietet, aber auch herausfordert, gedanklich und inhaltlich. Dann muss man darauf achten, dass die Inszenierung für Menschen ab drei Jahren andere Kriterien erfüllen muss als eine für Menschen ab 14 Jahren. Insgesamt sollen sie eine lustvolle Herausforderung sein, thematisch und ästhetisch.

WDR 3: Was erwartet die Besucher also dieses Jahr beim 'Westwind Festival'?

"All about nothing" von pulk fiktion

"All about nothing" beschäftigt sich mit dem Thema Kinderarmut

Runge: Es gibt einige Stücke, die eine gesellschaftliche Relevanz haben. Zum Beispiel das Stück "all about nothing" von pulk fiktion, einer Koproduktion des FFT Düsseldorf, Freien Werkstatt Theaters Köln und Theaters Bonn. Es ist ein Stück über Kinderarmut. Die Macher haben recherchiert zu diesem Thema und letztendlich eine sehr interessante Form gefunden, dieses Thema auf die Bühne zu bringen.

Auch interessant ist die Produktion "our house" des Helios Theaters aus Hamm. Dabei bauen zwei Spieler aus Ruanda und drei aus Deutschland ein gemeinsames Haus und es stellt sich die Frage, wie man mit Erinneurngen umgeht.

Es gibt aber auch Inszenierungen, bei denen mit Theaterformen gespielt wird. Zum Beispiel ein Tanztheaterstücl "Meins" aus Düsseldorf, bei dem drei Männer aus dem Street-Dance-Bereich eine Produktion speziell für Kinder entwickelt haben. Elemente aus dem HipHop, Breakdance spielen da eine Rolle, die normalerweise typisch für die Jugendkultur sind, weniger aber im Kinderbereich.

"AaiPet" von BonteHond (NL)

"AaiPet": Zauberei mit iPads für Kinder

Es gibt ein besonders Rahmenprogramm zum Festival, bei dem es sich viel um Zukunftsfragen dreht. Wie etwa die Produktion für Kinder "AaiPet", ein Gastspiel von BonteHond aus den Niederlanden. Da zaubern zwei Schauspieler mit ihren iPads auf der Bühne, alles sehr kindgerecht und witzig. Am Ende geht es natürlich darum, wer wen beherrscht, die Technik die Menschen oder umgekehrt.  

Bei dem Gastspiel "RATS" aus Belgien treffen sieben Tänzer auf tanzende Drohnen. Es ist total faszinierend, aber auch beängstigend, wenn die Drohnen im Bühnenraum schweben.

WDR 3: Technik der Zukunft, Kinderarmut – auf den ersten Blick sind die Themen wenig kinder- und jugendtauglich?

Runge: Man kann Kindern und Jugendlichen im Theater einiges zumuten. Kinder und Jugendliche sind ein Publikum, das die Spieler herausfordern. Wenn das Stück langweilig ist, geht das sofort nach hinten los. Alle Inszenierungen des Festivals sind im Kontakt mit dem Publikum entstanden, es geht darum, wie man sein Publikum erreichen kann.

"Die Geschichte eines langen Tages" von Dürener Kulturbetriebe & agora Theater

"Die Geschichte eines langen Tages" beim Westwind-Festival

Zum Beispiel bei der Produktion "Die Geschichte eines langen Tages" vom Dürener Kulturbetrieb und dem belgischen Agora-Theater. Dabei kommt zu einer Paaridylle ein drittes, fremdes Wesen hinzu. Dabei ist unklar, ob es ein Geflüchteter oder ein Nachbar ist. Es geht um die Frage, wie kann ich mit einem Anderen leben? Ist das eine Bereicherung? Die Inszenierung ist politisch ohne Agitproptheater zu machen, sie ist sehr kindgerecht, rhythmisch, musikalisch.

Es gibt auch andere Inszenierungen, zum Beispiel eine Märchenbearbeitung "Das kalte Herz" des Theaters an der Ruhr. Dann gibt es mit "Ich bin Jerry" die Wiederentdeckung des Singspiels auf der Bühne. Das Stück ist kein Musical, da treten ein Rapperund ein Schlagzeuger auf, die die Schauspieler musikalisch herausfordern. Es geht um Vertrauen, um die Frage von Identität, alles verpackt in einem modernen Musiktheater. Am Ende kommt beste Unterhaltung auf einem musikalisch sehr hohen Niveau heraus, bei der man als Zuschauer sehr viel Spaß hat.

WDR 3: Wie ist es generell mit der Kinder- und Jugendtheater-Szene in NRW bestellt?

Runge: Dadurch, dass NRW ein großes Flächenland ist, gibt es eine sehr breite Szene. Was in NRW besonders gut funktioniert, das sieht man auch bei 'Westwind' oder anderen Festivals, ist der gute und regelmäßige Austausch zwischen den Theatern.

Es gibt auch in anderen Bundesländern Jugendtheaterfestivals, zum Beispiel in Baden-Württemberg. Dort erzählte mir ein Theatermacher, er hätte Schwierigkeiten, so viele Inszenierungen, wie wir sie jetzt beim 'Westwind Festival' haben, überhaupt zusammenzubekommen. Das ist in NRW anders, die Szene ist sehr vielfältig. Es gibt immer wieder Gründungen von neuen Gruppen, gerade in der freien Szene gibt es experimentelle Gruppen, die Lust haben, auf hohem ästhetischen Niveau etwas für Kinder und Jugendliche zu produzieren.

Das 'Westwind Theaterfestival findet vom 17. bis 23. Juni 2017 in Moers statt.

Die Fragen stellte Susanna Gutknecht für WDR 3.

Stand: 16.06.2017, 16:51