Oper zum Mitmachen: La Traviata in Bielefeld

Sänger und Sängerinnen stehen auf der Bühne

Oper zum Mitmachen: La Traviata in Bielefeld

Von Beate Depping

Kann man eine Oper des großen Giuseppe Verdi mit Laien-Musikern aufführen? Man kann! Den Beweis tritt die Universität Bielefeld an. Fast 200 Musikbegeisterte machen mit - unterstützt von einer Handvoll Profis und mit viel Enthusiasmus.

Projektleiterin der ungewöhnlichen Opern-Inszenierung ist die Sopranistin Lara Venghaus, die auch die Partie der Violetta übernimmt. Voller Spielfreude arbeitet die Musikerin, die vor allem als Konzert- und Oratoriensängerin tätig ist, gemeinsam mit dem Laienchor auf der Bühne. Es entwickele sich eine Eigendynamik, sagt Venghaus: "Am Ende ziehen alle an einem Strang und können wirklich über sich hinauswachsen und Dinge lernen, von denen sie vorher nicht gedacht hätten, dass sie dazu in der Lage sind."

Sopranistin und Projektleiterin Lara Venghaus (rechts)

In der Rolle der Violetta: Sopranistin und Projektleiterin Lara Venghaus (rechts)

Gleichzeitig hat die 30-Jährige immer das gesamte Bühnengeschehen im Blick und gibt kleine korrigierende Hinweise – etwa, wenn der Umbau nicht schnell genug läuft oder die Akteure nicht rechtzeitig auf ihrer Position sind. Alles jedoch im freundschaftlichen Ton und ohne Druck. Denn diese Produktion unterscheidet sich in einem Punkt vom offiziellen Theaterbetrieb: Es gib viel mehr Probenzeit! "Wir suchen uns die Zeiten, in denen das geht und proben intensiv zusammen. Sowohl musikalisch als auch szenisch. Wir können uns wirklich aufeinander einspielen, ein  Ensemble bilden", so Venghaus.

Nicht nur die Laien lernen Neues dazu

Für Orchesterleiter Michael Hoyer ist diese Art der Zusammenarbeit die Basis des Bielefelder Opern-Projekts: "Die Idee ist ja, mit den Laien etwas zu erarbeiten, was für sie auch etwas bringt und nicht einfach nur fürs Publikum. Das ist, denke ich, der Charakter von Laienmusik insgesamt."

Im Vordergrund Dirigent Michael Hoyer, dahinter Bühne mit Akteuren

Die musikalische Leitung hat Michael Hoyer

Wichtige Stützen sind die beiden weiteren Profi-Solisten. Neben dem mehrfach ausgezeichneten Bariton Hongyu Chen, der Alfredos Vater singt, ist als Alfredo der Tenor Johann Penner zu hören. Der Konzert- und Oratoriensänger schätzt die Arbeit mit dem bunt zusammen gewürfelten Ensemble: "Es gibt stressige Situationen, aber sie sind auch spannend und interessant. Ich als Profi lerne unglaublich viel. Ich lerne, flexibel zu sein, zuzuhören und schnell zu reagieren."

Vorgänger-Projekte: 2009 "Freischütz" und 2012 "Zauberflöte"

Auf dieser Basis agiert das gesamte Ensemble als Einheit und die Grenzen zwischen Profis und Laien verschwimmen. Das bestätigt auch Kontrabass-Student Leonard Geiersbach: "Ich würde das Ganze gar nicht aufteilen in Laien und Profis. Sondern das ist ein Orchester.

Profis und Laien gemeinsam auf der Bühne

Profis und Laien stehen bei dem Projekt gemeinsam auf der Bühne

Man spielt zusammen und jeder kann voneinander lernen, hört dem anderen zu – perfekt." Nicht wenige Akteure waren schon bei den Vorgänger-Projekten dabei: 2009 wagten die Bielefelder zunächst einen gekürzten und konzertant aufgeführten "Freischütz" von Carl Maria von Weber, 2012 folgte die Inszenierung von Mozarts "Zauberflöte".

Unter den Musikern sind auch Geflüchtete

Andere sind zum ersten Mal dabei, wie Mohammad Altinawui. Die Integration geflüchteter Menschen ist den Initiatoren nämlich ebenso eine Herzensangelegenheit wie die Musikvermittlung. Der 40-Jährige, der an der Hochschule von Damaskus Violine studiert hat, ist vor dem Krieg in Syrien geflohen. Seine Geige, mit der er jetzt im Hochschulorchester spielt, hat er als eine der wenigen Habseligkeiten mitgenommen. Er hat durch das gemeinsame Musizieren neue Freunde aus Deutschland gewonnen. "Unser Haus, unsere Stadt, alles ist kaputt. Ich habe aufgehört Geige zu spielen, weil ich viel Heimweh hatte. Und hier in Deutschland ist dieses Orchester auch meine Heimat geworden."

"Zauberflöte" war ein großer Erfolg

Vom Physikstudenten über die Schülerin bis zum Schneider aus Afghanistan – die Freude an der Musik vereint in Bielefeld die unterschiedlichsten Menschen. Und das mit riesigem Erfolg. Bei den Aufführungen von Mozarts Zauberflöte 2012 waren so viele Zuschauer gekommen, dass viele nach Hause geschickt werden mussten, berichtet Lara Venghaus. "Die Uni war so begeistert, dass wir noch eine Wiederaufnahme hatten und drei Monate später noch zwei Aufführungen bestritten haben."

3.200 Zuschauer an vier Aufführungstagen: Diesen Erfolg möchte man auch der Inszenierung von "La Traviata" wünschen. Verdient hätte sie es.

Stand: 20.04.2017, 16:53