Kroatien: Miljenko Jergović

Schriftsteller, Dichter und Essayist Miljenko Jergović

Neues von der Balkanroute, Teil V

Kroatien: Miljenko Jergović

Von Miljenko Jergović

Seit Monaten reden Politiker, Journalisten und Kulturschaffende über die "Flüchtlingskrise". Hierzulande scheint vorerst alles gesagt. Aber was gibt es Neues von den Schriftstellern und Journalisten entlang der so genannten Balkanroute? Fünf Schriftsteller und eine Journalistin geben Antworten. Heute: Miljenko Jergović über sein Land Kroatien.

Seit Ungarn seine Grenze mit Stacheldraht so dicht gemacht hat, dass es fast schon an ein postmodernes Konzentrationslager erinnert, führt die sogenannte Balkanroute über Kroatien. Schon Ende November vergangenen Jahres hatten 435.635 Flüchtlinge unser Land durchquert. Keiner der Flüchtlinge wollte bleiben. Und nur 115 Männer und Frauen beantragten im Jahr 2015 in Kroatien Asyl. Die Flüchtlinge werden, meist mit dem Zug, von der serbisch-kroatischen zur kroatisch-slowenischen Grenze transportiert, kaum ein Kroate bekommt sie zu Gesicht. Ein Bewohner Zagrebs oder einer anderen kroatischen Stadt wird auf der Straße keinen einzigen der fliehenden Syrer, Iraker oder Afghanen treffen. Im Schnitt halten sich diese Menschen weniger als zwölf Stunden in Kroatien auf, ungefähr so lange, wie man mit dem Auto von Serbien nach Slowenien braucht. Dass Flüchtlinge für die meisten Kroaten nur im Fernsehen oder auf Zeitungsbildern zu sehen sind, aber nicht als lebendige Menschen, ist viel schlimmer als der Zug der Flüchtlinge selbst. Es ist unverantwortlich.

Flüchtlinge sind in Kroatien also nur auf der Durchreise, in überfüllten, außerplanmäßigen Eisenbahnzügen, und trotzdem grassieren gegen sie in der kroatischen Öffentlichkeit die gleichen Vorurteile wie überall in Europa. Die Fremdenfeindlichkeit wird von Revolverblättern geschürt, aber auch vom staatlichen Fernsehen, von Politikern aller Couleur und den meisten katholischen Bischöfen und Priestern - sie widersetzen sich offen dem Aufruf von Papst Franziskus, jedes Pfarrhaus solle eine Flüchtlingsfamilie aufnehmen. Kroatien hat wahnsinnige Angst, Slowenien könnte seine Grenze schließen. Dann würden die fünf-, sechstausend Flüchtlinge, die sich zu dem Zeitpunkt gerade auf der kroatischen Etappe der Balkanroute befinden, im Land bleiben. Und es hat Angst, Deutschland könnte überzählige Afghanen, Syrer, Iraker etc. nach Kroatien zurückschicken. Diese Ängste sind irreal und irrational, doch werden sie tagtäglich und systematisch geschürt, und der gemeine Mann hat wirklich Angst. Will man sie zerstreuen, antwortet er mit einer ganzen Latte haltloser Argumente und verworrener Verschwörungstheorien.

Die jüngsten Terrorangriffe nähren die Angst. Vor Paris konzentrierte sich die Fama auf die Rolle der Flüchtlinge bei der angeblichen Islamisierung Europas. Nach den Anschlägen wurde die Legende umgeschrieben. Jetzt geht es um Heerscharen von Terroristen, die als Flüchtlinge getarnt nach Europa strömen. Die kroatische Boulevardpresse ergeht sich in Halbwahrheiten und frei erfundenen Informationen, etwa, die Selbstmordattentäter von Paris seien über Kroatien eingereist, das bewiesen ihre Papiere.

In Bezug auf die Flüchtlinge gehört Kroatien zu dem erschreckenden xenophoben Komplex in Osteuropa, über den im Westen wenig gesprochen und geschrieben wird, vermutlich um den Hausfrieden und die Illusion von Stärke und Zusammenhalt in der Europäischen Union zu bewahren. Begonnen hat es in Ungarn, wo Viktor Orbán den Islam für uneuropäisch erklärte, der multikulturellen Gesellschaft Versagen vorwarf und Frankreich Selbstsabotage, weil es Muslime in die Gesellschaft integriert hätte. Er warf mit seinen skandalösen Äußerungen Europa und die europäische Idee um siebzig Jahre zurück. Weiter ging es in Tschechien, der Slowakei und Polen, die nicht nur die Aufnahme von Flüchtlingen verweigern, sondern eine unsägliche Rhetorik entwickelt haben, gegen Flüchtlinge, gegen den Islam, gegen alles Arabische. Sie negiert das Recht der fliehenden Syrer, nach Europa zu kommen und hier menschenwürdig zu leben. Sie widerspricht aber auch sämtlichen Ideen, die einst zur europäischen Einigung führten. Hätten sich osteuropäische Staatsmänner während der Beitrittsverhandlungen der gleichen Rhetorik bedient, wären ihre Länder niemals in die EU aufgenommen worden.

Wenn ich unsere Politiker und Bischöfe über die Flüchtlinge und den Islam reden höre, fühle ich mich wie seit fünfundzwanzig Jahren nicht mehr, nämlich wie osteuropäischer Abschaum. Es wäre heilsam, würde uns jemand aus dem Westen endlich einmal sagen, dass wir osteuropäischer Abschaum sind. Vielleicht würden wir dann begreifen, wie sich Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak und Afghanistan fühlen.

Übersetzung aus dem Kroatischen: Brigitte Döbert

Miljenko Jergović
"Vater"
Verlag Schöffling & Co.
19,95 Euro
ISBN: 978-3895613951

Miljenko Jergović

Miljenko Jergović wurde 1966 in Sarajevo geboren, ist ein bosnischer Schriftsteller, Dichter und Essayist, der in kroatischer Sprache schreibt. Er zählt zu den  international bekanntesten kroatische Autoren der Gegenwart. Seine Laufbahn begann er als Journalist. 1988 veröffentlichte er seinen ersten Gedichtband, dem weitere folgten. 1993 floh Jergović aus dem von der Jugoslawischen Volksarmee belagerten Sarajevo. Seitdem lebt er in der kroatischen Hauptstadt Zagreb. 1994 wurde er mit seinem bewegenden Erzählband "Sarajevo Marlboro" international bekannt. Bis heute hat er mehr als 20 Bücher veröffentlicht, die in 15 Sprachen übersetzt wurden. Jergovic, der zahlreiche nationale wie internationale Literaturpreise erhielt, trat 2007 aus dem kroatischen Schriftstellerverband aus, dem er nationalistische Tendenzen vorwarf. Immer wieder mischt sich Jergović mit Zeitungsartikeln und Essays in gesellschaftliche Debatten in Kroatien, Serbien und Bosnien ein. In Deutschland erschienen von ihm mehrere Romane, darunter Mama Leone (1999), Buick Rivera (2002), Freelander (2007), "Das Walnusshaus" (2008) und "Wolga, Wolga" (2009).

Ein Beitrag aus WDR 5 Scala / WDR 3 Resonanzen

Stand: 07.01.2016, 12:00