"Kontinuum": Israelisch-deutsches Künstlerprojekt in Düsseldorf

Israelisch-deutsches Küntlerprojekt "Kontinuum" in Düsseldorf

"Kontinuum": Israelisch-deutsches Künstlerprojekt in Düsseldorf

Von Peter Backof

Gehen israelische Künstler anders an ein Thema als deutsche? Um das herauszufinden, arbeiten beim Künstlerprojekt "Kontinuum" 15 Künstlerinnen und Künstler aus Deutschland und Israel gemeinsam an Kunstwerken. Über räumliche und kulturelle Distanzen hinweg.

Drei Etagen Treppe geht es hinauf in der Betonbox in Düsseldorf. Im obersten Geschoss des Hochbunkers aus dem zweiten Weltkrieg ist die Gruppenschau "Kontinuum" von 15 Künstlern aus Düsseldorf und Tel Aviv zu sehen. Der Hingucker im Showroom ist gleich ein Rätsel, ein Orakel: Zwei Zelte, historische Urlaubspostkarten und die Story zweier Gottheiten.

"Adalaad, der Name der Göttin bedeutet: "Ewige Zeugin". Sie sieht alles und weiß alles im Voraus", sagt Künstlerin Rotem Ritov aus Tel Aviv. Für Adalaad hat sie ein kleines Zelt aufgeschlagen. Ein Campingzelt, innen ganz dunkel. "Adalaad ist natürlich keine israelische Göttin, sondern stammt aus dem historischen "Zweistromland". Eine gute Schicksalsgöttin."

Israelisch-deutsches Küntlerprojekt "Kontinuum" in Düsseldorf

Beim Projekt "Kontinuum" arbeiten deutsche und israelische Künstler gemeinsam an Kunstwerken

Alles Wissen der Welt hortet sie in ihrem  Archiv, eine Art schwarzes Loch. Dafür steht das dunkle Zelt. Dass aus dem Zweistromland einmal der Mittlere Osten werden würde: Adalaad hat es gewusst. Daneben hat Susanne Hille ein Düsseldorfer Campingzelt aufgebaut, für die Göttin "Kerlyssate". Kerlyssate, eine germanische Göttin? Nie gehört. "Kerlyssate, zusammengesetzt aus Ker, Lyssa und Ate. Die stehen für böse Dinge. Es ist also eine  Ausgeburt aus bösen Wesen. Sie sammelt aus den Erinnerungen Energie, um Menschen zu blenden", so Susanne Hille.

Kommunikation per Whatsapp und Mail

Die beiden Künstlerinnen hatten festgestellt, dass sie sich beide für Mythologie und Politik interessieren, darum haben sie Gottheiten aus Abrahams oder Siegfrieds Zeiten hervorgekramt und in ihr gemeinsames Kunstwerk eingearbeitet. Ritov und Hille haben ein Jahr lang via Mails und Whats-App-Telefonaten kommuniziert, so wie alle in diesem deutsch-israelischen Projekt. Das Resultat steht jetzt in "Kontinuum", wörtlich übersetzt im Zusammenhang, wie die zwei Seiten einer Medaille – oder hier eben die zwei Herangehensweisen der Künstlerinnen.

Kleingruppen arbeiten jeweils an einem Thema

Zum Beispiel: In Deutschland steht ein Zelt in erster Linie für Urlaub in der Natur, während man in Israel in diesen Tagen eher des Auszugs aus Ägypten gedenkt. Der Weg ins gelobte Land, mit Zelten. Bilder, Installationen und eine Performance im Bunker-Treppenhaus zeigen Dinge, Phänomene als Ansichtssache mit mindestens zwei Perspektiven. Ein inhaltlich anspruchsvolles Programm von 15 Künstlern, die sich in Kleingruppen jeweils einem Thema verschrieben haben.

Israelisch-deutsches Küntlerprojekt "Kontinuum" in der Betonbox in Düsseldorf

Das Atelierhaus "Betonbox" in Düsseldorf

Die Ausstellung ist keine Power Point-Präsentation "Israelis sehen die Dinge so - Deutsche so", sie ist multiperspektivisch. Eine Art Parallele ist die zwischen den beiden Kunstorten: Die Betonbox in Düsseldorf und das "Alfred Institute" in Tel Aviv: 2005 war das Institut noch auf 15 Quadratmetern beheimatet, nach zwei Umzügen habe man jetzt ein dreistöckiges Vereinsgebäude.

"Alfred Institute" in Tel Aviv: Künstler wollen unabhängig sein

Räumlich ist es inzwischen genau so groß wie das Atelierhaus Betonbox. Doch das eine ist ein deutsches Atelierhaus. Das "Alfred Institute" dagegen habe etwas von einer Bewegung: Man sei auf einer Mission, so Dvir Cohen-Kedar: "Es ist kompliziert, Tel Aviv steht nicht eins zu eins für Israel. Man lebt wie in einer Bubble. Auch die Kunstszene. Es ist uns sehr wichtig, unabhängig zu sein. Wir hören Politikern zu, egal welche, die schwarz-weiß malen. Und wir denken: Es gibt nicht die guten Jungs hier und die bösen Jungs dort!"

Tel Aviv als "Bubble", als Glocke? - Ein Mikrokosmos, in dem Araber und Israelis zusammen leben können und es schaffen. Das ist die Mission. Susanne Hille fügt aus der deutschen Perspektive hinzu: "Ich war vor allem in Jaffa, das ist der sehr alte arabische Teil. Es ist schon oft eine angespannte Stimmung da: Inzwischen erleben wir das ja auch: Kann hier "etwas" passieren? Sie haben das dort jeden Tag."

Deutsch-israelisches Kunstprojekt in Düsseldorf

WDR 3 Kultur am Mittag | 11.04.2017 | 05:25 Min.

Die Ausstellung hat viele Arbeiten, die erst einmal ästhetisch ansprechen. Fotos aus Flüchtlingscamps in Ägypten zum Beispiel, von weiteren Künstlern des Projekts. Sie nehmen diese Fotos, wie man sie mit starken Farben aus einem Nachrichtenkontext kennt, und lassen sie künstlich verblassen, wie ihre eigenen privaten Erinnerungen. Darum geht es: Quer zur Nachrichtenlage und auch quer zur Auslegung von Fakten in Kommentaren müssen die Künstler zu ihren Bildern finden: Künstler sind mehr als Social Bots, die sich für dieses oder jenes engagieren - sagt schließlich Dvir Cohen-Kedar über die besuchenswerte Ausstellung.

Die versteht sich am Ende des Tages über alles Ästhetische hinaus als Gesprächsgrundlage, als Modell: "Menschen müssen lernen, zusammen zu arbeiten. Miteinander zu sprechen. Allgemein sind Politik und Wirtschaft Themen der Tagesordnung. Aber das hat doch nichts mit unserem Alltag zu tun. Rede mit Leuten und Du merkst, wie vielfältig und toll sie sind! Wir brauchen keine Politiker, die uns vorschreiben, wen wir privat mögen dürfen", so Dvir Cohen-Kedar.

Stand: 11.04.2017, 13:57