Vor 30 Jahren: Die Smiths geben ihr letztes Konzert

Vor 30 Jahren: Die Smiths geben ihr letztes Konzert

Von Ingo Neumayer

Die Smiths haben Bands wie Oasis oder Placebo beeinflusst und Rockmusik ganz neu zelebriert: zweideutig, ohne Macho-Gesten und mit sehr viel Gefühl. Vor 30 Jahren (12.12.1986) stand die Lieblingsband aller Außenseiter das letzte Mal auf der Bühne.

britische Rockband The Smiths

"There Is A Light That Never Goes Out" heißt einer der bekanntesten und schönsten Songs der Smiths. Und der Titel lässt sich durchaus auch auf die Band münzen. Denn obwohl ihre Karriere in den 80er Jahren nur ein paar Jahre dauerte, gelten die Smiths als eine der bedeutendsten und einflussreichsten Gitarrenbands überhaupt, deren Ruf bis heute nachwirkt. Eben ein Licht, das niemals erlischt.

"There Is A Light That Never Goes Out" heißt einer der bekanntesten und schönsten Songs der Smiths. Und der Titel lässt sich durchaus auch auf die Band münzen. Denn obwohl ihre Karriere in den 80er Jahren nur ein paar Jahre dauerte, gelten die Smiths als eine der bedeutendsten und einflussreichsten Gitarrenbands überhaupt, deren Ruf bis heute nachwirkt. Eben ein Licht, das niemals erlischt.

Johnny Marr und Steven Patrick Morrissey begegnen sich das erste Mal 1978 bei einem Patti-Smith-Konzert in Manchester. Aber es dauert vier weitere Jahre, bis Marr (re.), der das einsame Gitarrenspiel Leid ist, an Morrisseys Tür klingelt und ihn quasi überfällt mit der Idee, eine Band zu gründen. Morrissey, der schon bei mehreren Punkbands gesungen hat, stimmt zu.

Bald stoßen Bassist Andy Rourke (re.) und Drummer Andy Joyce (2.v.r.) dazu – die Smiths sind komplett. Den Namen sucht Morrissey aus: "Smith ist ein ganz normaler Name, und ich wollte, dass die ganz normalen Menschen ein Gesicht bekommen mit unserer Band", sagt er später.

Die Rollen in der Band sind klar verteilt. Johnny Marr kümmert sich um die Musik, Morrissey um Texte und Image. Tatsächlich sind beide Seiten für die damalige Zeit bahnbrechend. Marrs Gitarrenspiel, das er später als "Mischung aus dem Werk eines Pop-Gitarristen und eines verrückten Professors" bezeichnet, legt das Fundament für den unverkennbaren Sound der Smiths.

Morrisseys emotionale, teils kryptische, teils anklagende Texte handeln von Beziehungen und Massenmorden, Ladendieben und Schlachthäusern, dem DJ, den man hängen sollte, und der Freundin, die im Koma liegt. Ein zynischer, melancholischer, verzweifelter Sänger, der aber auf der anderen Seite einen äußerst exaltierten Gesangsstil pflegt und auf der Bühne seine düsteren Texte gerne mit übergroßen Gesten konterkariert.

Überhaupt, die Widersprüche: Einerseits pflegen die Smiths eine äußerst konfrontative Art gegenüber Königshaus, Kirche und sonstigen Autoritäten, die deutlich am Punk geschult ist. Andererseits will die Band so gar nichts von den üblichen Macho- und Kraftmeier-Gesten wissen, die sonst im Rockgeschäft üblich sind. Statt Lederoutfits trägt Morrissey Kassenbrillen und Damenblusen, zudem staffiert er sich bei Fotosessions und Auftritten gerne mit Gladiolen, Narzissen und Chrysanthemen aus.

Die Smiths werden schnell zur Lieblingsband der Außenseiter und Bücherwürmer und all derer, die beim Fußball als letztes in die Mannschaft gewählt werden. Und davon gibt es offenbar eine ganze Menge. Schon ihr selbstbetiteltes Debüt, das 1984 erscheint, schafft es auf Platz 2 der britischen Charts.

Im Jahrestakt hauen die Smiths ihre Platten raus: "Meat Is Murder" erscheint 1985, "The Queen Is Dead", das als ihr definitives Werk gilt und 2013 vom "New Musical Express" zur besten Platte aller Zeiten gekürt wird, ein Jahr später. Dazu kommen diverse Singles, die sich nicht auf den Alben befinden.

Einmal entspannt zurücklehnen? Keine Chance. Der Terminkalender der Smiths ist randvoll. Konzerte, Aufnahmen, Pressetermine. Besonders Morrissey wird schnell zum beliebten Beobachtungsobjekt der britischen Presse, die sich wahlweise an seiner unklaren sexuellen Orientierung, seinem Vegetarismus, seiner Oscar-Wilde-Obsession oder seinem Hass auf Margaret Thatcher und das britische Königshaus abarbeitet.

Harmonie gibt es bei den Smiths am Ende nur noch auf Fotos. In Wahrheit ist die Band tief zerstritten. Bassist Andy Rourke verlässt wegen seiner Heroinsucht kurzzeitig die Band, und auch Johnny Marr trinkt mehr, als ihm gut tut. Dazu kommen Diskussionen zwischen Marr und Morrissey über die musikalische Ausrichtung der Band. Marr ist dafür, die Band neuen Einflüssen zu öffnen, während Morrissey weiter an seinen musikalischen Vorbildern aus den 60ern und 70ern hängt.

Am 12. Dezember 1986 spielen die Smiths in der Londoner Brixton Academy. Der Benefiz-Auftritt für Apartheid-Opfer in Südafrika war schon vorher geplant, musste wegen eines schweren Autounfalls von Johnny Marr aber verschoben werden. Dass es die Abschiedsvorstellung ist, ist an dem Abend niemandem bewusst – auch der Band nicht. Oder unterbewusst vielleicht doch? Jedenfalls spielen sie als letzte Zugabe "Hand In Glove", ihre allererste Single, die sie eigenlich schon aus dem Bühnenprogramm genommen hatten. So schließt sich der Kreis einer einzigartigen Karriere.

1987 gehen die Smiths zwar noch einmal ins Studio. Doch als ihr letztes Studioalbum "Strangeways, Here We Come" erscheint, hat sich die Band schon aufgelöst. Keine sechs Monate später erscheint "Viva Hate", das erste Soloalbum von Morrissey, der damit den Grundstein für eine lange, wenn auch wechselhafte Solokarriere legt, die bis heute andauert.

Auch für Johnny Marr geht es nach dem Ende der Smiths weiter. Er jammt mit Paul McCartney, steigt kurz bei den Pretenders ein, spielt bei The The und verdingt sich als Sessiongitarrist, der Songs für die Pet Shop Boys, Talking Heads. Bryan Ferry, Billy Bragg und Beck einspielt.

Nach der Auflösung wird das Interesse an den Smiths eher größer als kleiner. In den nachfolgenden Musikergenerationen gelten Morrissey, Marr & Co. als wichtiger Bezugspunkt, und das in den verschiedensten Genres. Ob Placebo, Muse, Stone Roses, Radiohead oder Deftones – sie alle bekennen sich zu den Smiths als wichtigem Einfluss. Das gilt selbstredend auch für Oasis, die Johnny Marr auf ihrem Album "Heathen Chemistry" mitspielen lassen und ihn auch bei der folgenden Tour immer mal wieder als Special Guest auf die Bühne holen.

2006 bieten Veranstalter den Smiths fünf Millionen Dollar für ein einziges Reunion-Konzert. Doch Morrissey sagt Nein. Nach einem Prozess, den Joyce und Rourke Mitte der 90er gegen ihn und Marr wegen zu geringer Beteiligung an den Einnahmen der Band anstrengen und gewinnen, hat er für die beiden nur noch Hass und Verachtung übrig und bezeichnet sie sogar in einem Song als "Blutegel".

Wer heute noch Smiths-Songs live hören will, muss also ein Morrissey-Konzert besuchen. Der Sänger, der seinen Hang zum Pathos immer noch entschieden pflegt, tourt emsig durch die Welt und hat auch immer den ein oder anderen Smiths-Song im Programm. So ganz von seiner alten Band kann er dann nämlich doch nicht lassen.

Stand: 09.12.2016, 09:35 Uhr