Roger Chapman: Die "Ziege unter Strom" ist 75

Roger Chapman: Die "Ziege unter Strom" ist 75

Von Ingo Neumayer

In den 60ern begründete er mit The Family den Psychedelic-Rock und spielte vor den Stones, in den 80ern gelang ihm mit Mike Oldfield ein Welthit: Roger Chapman, der Sänger mit der Reibeisenstimme. Am 8. April 2017 wurde er 75.

Roger Chapman

Die einen versuchen es mit literweise Whiskey, die anderen mit 60 Zigaretten am Tag. Und dann gibt es noch die Sänger, die von Natur aus das besitzen, was man gemeinhin als "Reibeisenstimme" bezeichnet. Einer von ihnen ist Roger Chapman.

Die einen versuchen es mit literweise Whiskey, die anderen mit 60 Zigaretten am Tag. Und dann gibt es noch die Sänger, die von Natur aus das besitzen, was man gemeinhin als "Reibeisenstimme" bezeichnet. Einer von ihnen ist Roger Chapman.

Geboren und aufgewachsen im mittelenglischen Leicester, treibt er sich nach dem Schulabschluss in der dortigen Musikszene herum. 1966 landet er schließlich bei The Family, die 1967 ihre erste Single "Scene Through The Eye Of A Lens" veröffentlichen. Der Sound der Band ist anspruchsvoll und durchaus innovativ. The Family verbinden Blues-Wurzeln und harten Rock mit Folk und psychedelischen Klängen, integrieren rockuntypische Instrumente wie Saxophon und Violine und nehmen so vieles von dem vorweg, was später als "Progressive Rock" bezeichnet wird.

Herausstechende Merkmale sind von Anfang an die expressive Bühnenshow sowie die Stimme von Roger Chapman, den alle nur "Chappo" nennen: Die klingt rau, ausdrucksstark, geerdet und gänzlich unkonventionell. Manche Kritiker fühlen sich wegen Chapmans Vibrato gar an eine "Ziege unter Strom" erinnert. Auch die Rolling Stones sind beeindruckt und engagieren The Family 1969 als Vorband für ihren legendären Auftritt im Hyde Park.

Beim "Isle Of Wight"-Festival im selben Jahr treten The Family an der Seite von Bob Dylan, The Who, Joe Cocker und The Band auf. Doch wie bei so vielen Bands dieser Zeit ist der Erfolg auch bei ihnen nur von kurzer Dauer. Bassist Ric Grech geht zur Supergroup Blind Faith, eine US-Tour floppt, weil sie es sich mit dem einflussreichen Veranstalter Bill Graham verscherzen – angeblich wirft Chapman bei einem Konzert mit einem Mikrofonständer nach ihm.

1973 geben The Family ihr Abschiedskonzert. Doch von den Mitgliedern gibt es weiter viel zu hören. Bassist John Wetton geht zu King Crimson, spielt bei Roxy Music und Uriah Heep und wird später Sänger von Asia. Chapman und Family-Gitarrist Charlie Whitney gründen die Streetwalkers – eine Band, die vor allem in Deutschland Erfolg hat und 1975 bei einer der ersten "Rockpalast"-Shows auftritt.

Nach dem Ende der Streetwalkers versucht es Chapman auf eigene Faust. Sein erstes Soloalbum erscheint 1979 und heißt "Chappo", im selben Jahr gelingt ihm mit der Stones-Coverversion "Let's Spend The Night Together" ein kleinerer Hit in Deutschland.

1983 wird das erfolgreichste Jahr in Chapmans Karriere, als ihn Mike Oldfield auf seinem Erfolgsalbum "Crises" als Gastsänger anheuert. Die Rocknummer "Shadow On The Wall" bildet einen starken Kontrast zu Oldfields vorherigem Schmusehit "Moonlight Shadow" (gesungen von Maggie Reilly) und landet nicht zuletzt dank Chapmans unnachahmlichem Gesang in den Top 3 der deutschen Charts.

Mit "How How How" gelingt ihm danach noch ein kleinerer Hit, doch dann wird es ruhiger um Roger Chapman. Zwar veröffentlicht er weiter Alben in verschiedenen Konstellationen und geht auch regelmäßig auf Tournee. Doch das wird meist nur von einem kleinen Kreis eingefleischter Fans goutiert.

2013 passiert dann das, woran viele Fans nicht mehr geglaubt hatten: The Family reformieren sich und geben in den folgenden Jahren ein paar ausgewählte Konzerte. Am 22. Dezember 2016 ist nach einem Auftritt in Leicester aber endgültig Schluss. "Es hat in Leicester begonnen, nun hat es in Leicester geendet", sagt Chapman hinterher.

Ob damit auch seine Solokarriere gemeint ist? Das bleibt unklar. Auch Chapman selbst scheint sich nicht so sicher zu sein. Eines seiner letzten Alben heißt schließlich nicht umsonst "Maybe The Last Time". Eine Hintertür lässt er sich also auf jeden Fall offen.

Chapeau, Chappo! Am Samstag 8. April 2017 feierte Chapman seinen 75. Geburtstag. Wir gratulieren ganz herzlich.

Stand: 08.04.2017, 00:00 Uhr