Patti Smith: Eine Gesamtkünstlerin wird 70

Patti Smith: Eine Gesamtkünstlerin wird 70

Von Ingo Neumayer

Künstlerin und Aktivistin, Literatin und Sängerin, Punk-Ikone und feministisches Vorbild: Patti Smith hat in ihrem bewegten Leben schon viele Rollenzuschreibungen erlebt. Am 30. Dezember 2016 wird sie 70 Jahre alt.

Patti Smith

Raus aus der Provinz im Süden New Jerseys, rein ins gelobte Großstadtland namens New York: Der Weg, den Patricia Lee Smith 1967 einschlägt, ist fast logisch. Smith will Dichterin werden - sie ist fasziniert von Rimbaud und Baudelaire. Oder Bildhauerin, so wie Constantin Brancusi. Vielleicht auch Malerin oder Schauspielerin. Egal - Hauptsache Kunst.

Raus aus der Provinz im Süden New Jerseys, rein ins gelobte Großstadtland namens New York: Der Weg, den Patricia Lee Smith 1967 einschlägt, ist fast logisch. Smith will Dichterin werden - sie ist fasziniert von Rimbaud und Baudelaire. Oder Bildhauerin, so wie Constantin Brancusi. Vielleicht auch Malerin oder Schauspielerin. Egal - Hauptsache Kunst.

Mit dem exaltierten Fotografen Robert Mapplethorpe findet sie schnell einen Verbündeten. Die beiden versuchen, in Andy Warhols "Factory" Fuß zu fassen, ziehen ins berühmt-berüchtigte Chelsea Hotel, wo sie Janis Joplin und Allen Ginsberg kennenlernen. 1971 erscheint "Seventh Heaven", der erste Gedichtband Smiths. Ein hartes, oft verstörendes Werk. Es geht um Sex und Gewalt, Religion und Gesellschaft, Rausch, Rebellion und die große, große Frage: Wo ist der Sinn?

Am 10. Februar 1971 tritt Smith das erste Mal mit dem Gitarristen Lenny Kaye auf. Es ist ein Literaturfestival zu Ehren von Bertolt Brechts Geburtstag. Sie trägt Gedichte vor, er spielt dazu. Die beiden finden Gefallen an der Zusammenarbeit und treten ab diesem Zeitpunkt unter dem Motto "Rockin' Rimbaud" auf.

Nach und nach stoßen mehr Musiker dazu: erst Keyboarder Richard Sohl, dann Bassist Ivan Kral, schließlich Drummer Jay Dee Daugherty. Die Patti Smith Group entsteht und teilt sich in legendären Clubs wie dem CBGB's die Bühne mit den Ramones, Blondie oder Television. Bei einem der ersten Auftritte ist Bob Dylan im Publikum. Smith macht darüber von der Bühne herab ziemlich respektlose Kommentare - aus Unsicherheit, wie sie später sagt. Doch Dylan ist fasziniert, wenig später freunden sich die beiden an.

Im Dezember 1975 erscheint das Patti-Smith-Debüt "Horses" - und sorgt direkt für Aufsehen, und das auf vielen Ebenen. Einerseits musikalisch: "Horses" gilt wegen seiner rohen, simplen Gitarrenakkorde als eines der ersten Punk-Alben, verarbeitet aber auch Beat-, Folk-, Rock-, Reggae- und sogar Jazz-Elemente. Auch der lyrische Gehalt der Texte und die fesselnde Art Smiths, zwischen Gesang und Vortrag zu wechseln, gehen unter die Haut.

Und dann ist da ja noch das legendäre Cover der Platte. Fotografiert von Robert Mapplethorpe, wird das Porträt schon wenig später in der Pop-Ahnenreihe neben "Sgt. Pepper" und der Stones-Zunge eingereiht. Das "Horses"-Cover wird als Statement eines neuen, selbstbewussten, freien Frauseins interpretiert, das die bis dato gültigen weiblichen Schönheitsklischees im Pop ad acta legt.

Patti Smith wird zu einer Ikone des Undergrounds, gilt als Vorbild in Sachen Emanzipation und Feminismus, begeistert Punks genauso wie Studentinnen und Vernissage-Gänger. Ihre Auftritte sind engagiert und erratisch, politisch und persönlich, euphorisierend und nachdenklich. 1977 stürzt sie bei einem Konzert in Tampa, Florida, vier Meter tief in den Bühnengraben und bricht sich zwei Nackenwirbel. Die Zwangspause nutzt sie, um sich wieder mehr der Lyrik zu widmen: 1978 erscheint ihr Gedichtband "Babel".

Doch auch musikalisch macht sie weiter auf sich aufmerksam. Bruce Springsteen, der 1978 im Studio nebenan aufnimmt, hat einen Song namens "Because The Night" geschrieben, der nicht in sein Konzept passt. Der gemeinsame Produzent Jimmy Iovine schlägt ihn Patti Smith vor. Die ändert einen Großteil des Textes, nimmt ihn auf - und landet damit ihren ersten und einzigen Superhit.

Es folgen Tourneen und Auftritte rund um den Globus - und ein stetig wachsendes Gefühl der Bedeutungslosigkeit bei Patti Smith. Sie hat das Gefühl, als Künstlerin zu stagnieren und ist das Musikbusiness immer mehr Leid.

Anfang der Achtziger macht Smith einen Schlussstrich und zieht sich aus der Öffentlichkeit zurück. Sie heiratet den ehemaligen MC5-Gitarristen Fred "Sonic" Smith, zieht nach Detroit, bekommt zwei Kinder und widmet sich fast ausschließlich ihrer Familie.

1988 erscheint zwar ein neues Album von Patti Smith, doch "Dream Of Life", bei dem Fred Smith den ursprünglichen Gitarristen Lenny Kaye ersetzt, fällt beim Publikum und bei der Kritik durch. Zu seicht, zu gefällig, zu bemüht wirkt das Album, auf dem Smith unter anderem ein Schlaflied für ihren Sohn ("The Jackson Song") veröffentlicht.

Smith macht sich weiter recht rar. Hier eine Gedicht-Anthologie mit frühen Werken, dort ein Song für den Wim-Wenders-Film "Bis ans Ende der Welt" - es sind nur kleine Lebenszeichen, die sie von sich gibt. Das ändert sich, als der Tod in Smiths Leben tritt. 1989 stirbt Robert Mapplethorpe an AIDS, 1990 Keyboarder Sohl, 1994 schließlich in kurzen Abständen ihr Mann und ihr Bruder. Freunde raten ihr, die Trauer mit Arbeit zu bekämpfen.

Das scheint zu funktionieren: Erst nimmt sie Bob Dylan ins Vorprogramm seiner Never-Ending-Tour, dann tritt sie mit Neil Young auf. 1996 verarbeitet sie ihre Verluste auf dem Traueralbum "Gone Again".

Patti Smith ist Mitte der Neunziger wieder da - und bleibt es auch. 1996 geht sie zum ersten Mal seit Ende der Siebziger wieder auf Europatour. Sie nimmt einen Song mit R.E.M. auf, veröffentlicht regelmäßig eigene Lieder und Platten, hält Vorträge, liest Gedichte, engagiert sich. Mit Erfolg: Sie wird für den Grammy nominiert, später sogar in die Rock'n'Roll-Hall-of-Fame aufgenommen.

Auch im neuen Jahrtausend bleibt Patti Smith präsent und relevant - und das nicht nur mit ihrer Musik. 2010 erscheint "Just Kids", eine autobiografische Erinnerung an ihre Zeit mit Robert Mapplethorpe und die Versuche der beiden, ihr Leben als Künstler zu führen. "Just Kids" wird ein Bestseller und mit dem renommierten "National Book Award" ausgezeichnet.

2016 erhält Bob Dylan den Literatur-Nobelpreis. Zur Verleihung erscheint er nicht, stattdessen tritt Patti Smith auf und singt den Dylan-Song "A Hard Rain's A-Gonna Fall". Ein würdiger Ersatz, denn ähnlich wie Dylan ist auch Patti Smith längst mehr als eine Musikerin: Sie ist Literatin, Dichterin, Aktivistin - eine Gesamtkünstlerin. Dass sie in der Aufregung den Text des Liedes vergisst, nimmt ihr niemand übel.

Für ihren 70. Geburtstag am Freitag (30.12.2016) hat Patti Smith konkrete Pläne. Sie will in ihrer Geburtsstadt Chicago auftreten, zusammen mit ihrer Band und ihren Kindern Jesse und Jackson, und das "Horses"-Album spielen. In einem Essay im Magazin "New Yorker" schildert sie die Emotionen, die sie dann vermutlich in sich spüren wird: "All die Dinge, die ich gesehen und erlebt und erinnert habe, werden in mir sein, und die Reue, die ich so schwer empfunden habe, wird sich fröhlich mischen mit all den anderen Momenten. Siebzig Jahre voller Momente, siebzig Jahre menschlich Sein."

Stand: 30.12.2016, 00:00 Uhr