Oberton-Künstlerin: Singen wie ein Alien

Oberton-Künstlerin: Singen wie ein Alien

Von Jane Höck

  • zehn Millionen Klicks für Hefeles Oberton-Video
  • Hefele isoliert Obertöne, macht sie so hörbar
  • mehrere Auftritte bei der Dortmunder Chor.com

Fast über Nacht wird Anna-Maria Hefele 2014 berühmt. Und alles nur, weil die studierte Musik-, Gesangs- und Tanzpädagogin ein Video über die Kunst des Oberton-Singens auf YouTube eingestellt hat, das inzwischen über zehn Millionen mal angeklickt worden ist.

Porträtfoto von Anna-Maria Hefele

Anna-Maria Hefele (©Ellen Schmauss Photography)

Hefeles Video-Clip in Schwarz-Weiß wirkt in der knallbunten YouTube-Welt geradezu asketisch. Nur sie selbst ist zu sehen, eine junge Frau Mitte zwanzig, große Augen, halblanges Haar. Obertonsingen, sagt sie lächelnd, sei eine Stimmtechnik, bei der eine Person zwei Noten zur gleichen Zeit singe.

Netzgemeinde in heller Aufregung

Was dann passiert, ist fast ein bisschen gespenstisch. Ihre Augenlider beginnen zu flackern, sie öffnet leicht die Lippen und spuckt einen Gesang aus, der klingt wie von einem fernen Stern.

Oberton-Gesang von Anna-Maria Hefele (Ausschnitt)

WDR 3 | 11.09.2017 | 00:08 Min.

Nicht nur die Netz-Gemeinschaft ist in heller Aufregung. Diese Frau singt wie ein Alien. Wie macht sie das nur? Das ist die Frage, die Menschen weltweit bewegt. Hefele findet das amüsant, denn sie spielt ja nur mit etwas, das jeder von uns täglich produziert. Mit Obertönen, die schon beim ganz normalen Sprechen entstehen. "Aber es ist einem nicht bewusst, weil man sie nicht einzeln hört als Töne", erklärt Hefele im Gespräch mit WDR 3. Jeder Grundton wird von einem Bündel an Obertönen begleitet. Sie machen die besondere Klangfarbe aus.

Die eigentliche Kunst: Obertöne isolieren

Porträtfoto von Anna-Maria Hefele

Hefele zeigt am 15.09. auf der Chor.com in Dortmund bei einem Workshop die Technik zum Obertongesang. (© Anna S. www.anns-fotos.de)

"Ein 'Uuu' hat viel tiefe Obertöne und wenig hohe", sagt Hefele. "Ein 'Iiii' klingt sehr hell, dann hat das viel hohe Obertöne und wenig tiefe im Klang und so unterscheiden sich Vokale und auch Menschen untereinander oder die Geige vom Klavier." Die eigentliche Kunst besteht darin, diese Obertöne zu isolieren und dadurch hörbar zu machen. "Ich produziere einen Ton, der viele Obertöne drin hat, also Aaaaa - und dann werden Obertöne, die in dem Klang drin sind, weggefiltert, mit der Zunge im Mundraum und im Rachenraum", so Hefele. "Einer bleibt übrig und der wird dann noch zusätzlich verstärkt."

Mit den Obertongesängen aus der New-Age-Bewegung hat das, was Hefele macht, übrigens nichts zu tun und auch nichts mit den Kehlkopfgesängen der Mongolen. "Die westliche Technik ist eigentlich ein bisschen anders, weil da ganz ohne Druck auf den Kehlkopf gearbeitet wird. Die hat sich dann eben mit Stockhausen entwickelt, aus der Minimal-Musik."

Einen Eindruck von der Technik erhält man vor allem in einem YouTube-Video, in dem Hefeles Kopf von einem Kernspintomografen durchleuchtet wird.

MRT-Aufnahme der Oberton-Sängerin Anna-Maria Hefele.

"Da sieht man das Hirn, die Schädelform, den Mund und den Kehlkopf und man sieht halt ganz genau, was die Zunge macht, welche Positionen die hat. Dieser Teil im Hals hat ganz entscheidende Funktionen für das Obertonsingen. Man sieht den Kehldeckel, der auch sich ganz präzise bewegt."

Irgendwie ein bisschen wie ein Maulwurf im Comic, so Hefele.

Vom 14. bis zum 17. September 2017 findet in Dortmund die Chor.com statt. Bereits zum vierten Mal treffen sich Akteure der deutschen und internationalen Vokalszene. Eine Großveranstaltung rund ums Singen - Festival und Messe in einem. Anna-Maria Hefele gastiert in Dortmund als Oberton-Solistin im Konzert mit dem Lübecker Kammerchor "I Vocalisti", mit einem Workshop und einem Vortrag zum Obertonsingen.

Oberton-Sängerin Anna-Maria Hefele im Porträt

WDR 3 TonArt | 11.09.2017 | 07:37 Min.

Download

Stand: 12.09.2017, 14:04