Ilja Richter über Köln und seinen Kreisler-Abend

Ilja Richter

Ilja Richter über Köln und seinen Kreisler-Abend

Ilja Richter (64) ist Schauspieler, Autor und Multitalent. Als Gast bei WDR 3 Tonart spricht er über seine "schicksalhafte" Beziehung zu Köln und sein Chanson-Projekt "Durch Kreislers Brille", bei dem er auch als Sänger auftritt.

WDR: Herr Richter, alles fing damit an, dass Ihre Mutter Sie zum Vorsprechen mitgenommen hat...

Ilja Richter: ...zum Radio, zum SFB, ja.

WDR: Können Sie sich da noch 'dran erinnern?

Richter: Na klar, ganz genau. Ich war acht und bin an der Hand von der Mama dahin. Ich finde es besonders schön, jetzt in einem Kölner Studio zu sitzen, weil wir zu dem Zeitpunkt aus Köln zurückkamen. Zu einem Zeitpunkt, als man Angst vor einer zweiten Blockade hatte - die dann nicht kam-, davor, dass die Russen nochmal ernst machen könnten, da kamen wir zurück aus Köln und ich habe dann zwei Lieder vorgesungen, die ich aus der Music-Box kannte, aus der Kneipe, die meine Eltern betrieben: "Schnaps, das war sein letztes Wort" und "Du bist zu schön um ungeküsst zu bleiben". Das gehörte zu meinem Repertoire und daraufhin habe ich meine erste Hörfunkrolle bekommen. Da kann ich auch noch die Gage nennen: Pitt hieß die Rolle und ich bekam zehn Mark.

Ich habe eine schicksalhafte Beziehung zu Köln und zum Rhein. Der Rhein, das mag mit Heinrich Heine zu tun haben, an den denke ich, wenn ich mit dem Zug da langfahre. Aber zu Köln - und jetzt wird es nicht sentimental, sondern knallhart: Es waren die dunkelsten Kinderjahre meines Lebens in Köln-Nippes. Ich habe es aber positiv umwandeln können. Ich habe mit meinen Eltern in Nippes als 6-7 Jähriger die Armut erlebt und ich habe immer gedacht "Das kann nicht gut gehen, wenn ich hier in Köln bin - das war doch damals so schrecklich". War es auch. Und in Nippes kaufte man zu dem Zeitpunkt keine Eigentumswohnung und so. Da war man arm.

Ilja Richter

Die legendäre TV-Show "disco" machte Ilja Richter in den 70er Jahren zum Kult.

Ich habe dann aber, als ich 1995 eine private und künstlerische Krise hatte, beschlossen nach Köln zu gehen und im "Theater der Keller" den verzweifelten Lövborg zu spielen, in Hedda Gabler. Da wollte ich, wie die Psychologen sagen, Psychodrama. Da macht man das durch. Ich habe mir eine Wohnung in Nippes zur Untermiete genommen und musste feststellen, dass Nippes sich verändert hat und dass ich gar kein Psychodrama mehr durchmachen musste. Nippes ist so schön wie nie, es gibt nur noch ein paar dunkle Ecken, die mich an früher erinnerten. Aber, um das jetzt abzurunden: Meine Mutter ist 1996 ausgerechnet in Köln gestorben. Die alte Berliner Pflanze besuchte mich, ich hatte dieses Theaterstück angenommen - für 100 Mark am Abend und habe dafür andere Sachen abgesagt, wo ich weißgott mehr verdient hätte - und dann kam sie an und starb hier. So schließt sich ein Kreis mit meiner Angelegenheit Köln-Berlin. Ich bin doch wirklich ein richtiger alter Berliner, aber in Köln ist meine Mutter gestorben, in Köln habe ich Armut erlebt und was soll ich sagen? Armut gibt es, gestorben werden muss auch irgendwo - und dass sie in Köln gestorben ist sagt mir, dass ich mit Köln was am Laufen habe.

WDR: In Ihrem aktuellen Programm, mit dem Sie am 26. Januar hier in Köln auftreten, singen Sie Georg Kreisler. Das Programm heißt "Durch Kreislers Brille". Was sehen Sie denn durch Kreislers Brille?

Richter: Man erlebt an diesem Abend einerseits, dass ich ihn durchaus angetippt parodiere, das dann aber wieder lasse und in eigener Interpretation singe und doch innerhalb der Chansons immer wieder an Kreisler erinnere. Dazwischen dann kleine Moderationen, zu seinem Verhältnis zur Musik, zur Kritik beziehungsweise zu den Kunstformen, wie er arbeitete. Das wird aber kein akademischer Abend, das ist ein musikalischer Abend und es ist, so alt ich jetzt bin, tatsächlich mein erster Chanson-Abend. Ich habe zuvor noch nie so etwas gemacht. Manchmal fällt etwas Neues, das man macht, gar nicht so auf, weil die anderen das als Sebstverständlichkeit ansehen, aber es ist gar nicht selbstverständlich für mich.

Der Kabarettist Georg Kreisler

Der Kabarettist Georg Kreisler

Ich bin nie mit Chanson-Abenden, mit Konzerten unterwegs gewesen und Sherri Jones ist eine Klavier-Virtuosin, die auch in der Volksbühne am Flügel zwei oder drei Stücke spielen wird - inmitten des Chanson-Programms - die aus Kreislers Oeuvre stammen, das in den 50er Jahren New York und los Angeles entstanden ist. Er hatte das immer für sich behalten, verborgen - geborgen hat es dann Sherri Jones und sie ist Kreislers auserwählte Lieblingsinterpretatorin seiner Stücke, denn sie hat das auch uraufgeführt.

WDR: Wie sind Sie mit Sherri Jones zusammengekommen?

Richter: Vor zwei Jahren habe ich ein Programm mit der Witwe von Kreisler gemacht. Kreisler wollte eigentlich seit 20 Jahren mit mir zusammenarbeiten und ich wollte das auch - ich verehre ihn seit meinem vierzehnten Lebensjahr - aber das hat aus verschiedenen Gründen nicht geklappt. Deshalb haben wir einen Abend gemacht und da brachte Barbara Kreisler-Peters Sherri Jones als Pianistin ein. Dann haben wir uns freundschaftlich getrennt, Barbara und ich, und dann haben Sherri und ich diesen Abend zusammengestellt.

WDR: Was schätzen Sie an Kreisler so besonders?

Richter: Ich muss ganz groß ausholen und sagen: Er ist und bleibt für mich der größte Kabarett-Poet - so nenne ich ihn - deutscher Feder im 20. Jahrhundert und das flutscht auch wunderbar hinein ins 21., weil es so etwas nicht mehr geben kann. Er ist in der Tradition der alten Wiener Schule, was die Musik, die Romantik angeht, geprägt. Von Schubert ganz stark, wie ich finde. Und er ist einfach in der Linie des alten Wiener Kabaretts der Letzte gewesen.

Das ganze Gespräch zum Nachhören:

Im Gespräch: Ilja Richter

WDR 3 TonArt | 12.01.2017 | 35:05 Min.

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Das Gespräch führte Nele Freudenberger in WDR 3 Tonart.

Stand: 13.01.2017, 12:00