"Einstürzende Neubauten": Harmonie statt Anarchie

"Einstürzende Neubauten": Harmonie statt Anarchie

Von Susanne Schnabel

Die legendäre Avantgarde-Band "Einstürzende Neubauten" präsentierte jetzt in der ausverkauften Kölner Philharmonie ihre "Greatest Hits". Ein Abend mit wenig Krach, viel Melodie und Melancholie.  

Konzert der Band "Einstürzende Neubauten" in Köln

Die rund 2.000 Besucher der Kölner Philharmonie erleben am Mittwochabend (03.05.2017) ein Konzert-Ereignis, wie man es von den Einstürzende Neubauten erwarten darf: Ein stimmgewaltiger Blixa Bargeld und scheppernde, klirrende, dröhnende Instrumente. Wohlklänge überwiegen, der Krach hält sich in Grenzen. Die Neubauten sind älter geworden, aber nicht weniger interessant.

Die rund 2.000 Besucher der Kölner Philharmonie erleben am Mittwochabend (03.05.2017) ein Konzert-Ereignis, wie man es von den Einstürzende Neubauten erwarten darf: Ein stimmgewaltiger Blixa Bargeld und scheppernde, klirrende, dröhnende Instrumente. Wohlklänge überwiegen, der Krach hält sich in Grenzen. Die Neubauten sind älter geworden, aber nicht weniger interessant.

Bargeld ist wie immer elegant und charmant. Er weiß mit seiner Stimme umzugehen: Mal schreit der 58-Jährige wie bei "Redukt", mal flüstert er sanft wie bei "Silence Is Sexy", mal klettert seine Stimme in die allerhöchsten Höhen wie bei "Sonnenbarke".

N.U. Unruh hat sich im Baumarkt eingedeckt und verwandelt verschiedene Gegenstände zu Instrumenten: Tonnen, Autofelgen sowie Stahl- und Plastikrohre. Aus einer Blechwanne krachen Stahlstifte lautstark zu Boden und das leise Knistern einer güldenen Rettungsdecke wird effektvoll eingesetzt. Alexander Hacke bleibt bei einem Instrument: seinem Bass.

In den 1980er Jahren ging es wilder, lauter und dreckiger zu. Da haben die Neubauten bei ihren Konzerten schon mal Autos auseinandergeflext, Löcher in Betonwände gebohrt und die Kettensäge geschwungen.

Die Musik der Band war und ist zwar nicht unbedingt wilde Tanzmusik, aber dem Publikum ist anzumerken, dass es viel schöner wäre, vor der Bühne zu stehen, um sich zur Musik zu bewegen, statt in Stühlen festzusitzen.

Besucher aus ganz Deutschland und den Nachbarländern sind nach Köln gekommen, um ihre Helden zu feiern. Als der Kartenverkauf vor einigen Wochen startete, war das Konzert innerhalb weniger Stunden ausverkauft.

Einige Restkarten gibt es noch am Abend, so dass wirklich jeder Platz in der Philharmonie besetzt ist.

Bevor das Konzert startet, decken sich die Fans mit Textilien ein. Darauf gedruckt ist das beliebte Band-Logo. Eine Art Strichmännchen, dessen Herkunft nicht ganz geklärt ist. Bargeld sagte mal, es stamme von den Tolteken, einer ausgestorbenen Kultur, die rund um das 11. Jahrhundert in Mexiko ihre Blütezeit hatte.

Natürlich gehen auch Tonträger über die Ladentheke. Die Tour heißt wie das aktuelle Album: Greatest Hits, das vor allem Songs umfasst, die erst seit der Umbesetzung Mitte der Neunziger entstanden sind, zum Beispiel "The Garden", "Susej" oder "Salamandrina".

Die Band selber sagt, der Titel "Greatest Hits" sei mit einem Augenzwinkern gewählt. Denn so richtig große Hits hat die Band seit ihrer Gründung 1980 nie gehabt. Es sind eher Lieblingsstücke aus dreieinhalb Jahrzehnten Bandgeschichte.

Dennoch haben Einstürzende Neubauten als Klangpioniere den "Industrial" erfunden und viele Bands wie Depeche Mode oder Rammstein inspiriert.

Sehr angenehm in Köln: keine Handy-Plage im Vergleich zu anderen Konzerten, wenn die Besucher ab dem ersten Ton ihre Mobiltelefone zücken, um ununterbrochen zu filmen und zu fotografieren. Hier konzentriert sich das Publikum auf die Musik. Nur einmal holen alle ihre Handys raus, als die Scheinwerfer auf der Bühne ausfallen und Blixa Bargeld seine Fans um Licht bittet.

Das Konzert in Köln lief innerhalb des Festivals "Acht Brücken" und war das einzige der Band in NRW. Wer sie noch sehen will, muss nach Italien, Spanien, England, Frankreich oder Dänemark reisen. Die Neubauten - hier ein Bild von 1985 - sind bis Ende Oktober auf Europatournee mit einem Abstecher nach Tasmanien in Australien. Ein Mitschnitt des Konzertes in Köln ist auf philharmonie.tv ab Freitag (06.05.2017) für 30 Tage abrufbar.

Stand: 04.05.2017, 09:00 Uhr