Bariton Bo Skovhus über Mozart und Fahrräder

Bariton Bo Skovhus

Bariton Bo Skovhus über Mozart und Fahrräder

Der dänische Bariton Bo Skovhus ist eine feste Größe im internationalen Operngeschäft. Im WDR 3 Samstagsgespräch erzählt er vom Rollenüben beim Radfahren. In NRW steht er 2017 für Mozarts "Le nozze di Figaro" und Schrekers "Die Gezeichneten" auf der Bühne.

WDR 3: Herr Skovhus, Sie spielen den Grafen Almaviva in der Neuinszenierung von "Le nozze die Figaro" an der Kölner Oper. Wie ist Ihre Rolle ausgelegt?

Bo Skovhus: Ich singe diese Partie schon fast seit 27, 28 Jahren und ich glaube, wenn ich das jetzt so zusammenzähle, habe ich diese Partie bestimmt schon 200 Mal gesungen. Aber es ist komisch, jedes Mal, wenn ich zurück zu Mozart komme, denke ich, wie frisch und wie toll diese Musik ist. Man wird nie müde davon, ich werde nie müde. Es ist so viel drin. Und jedes Mal, wenn ich diesen Part singe und je älter ich werde, desto mehr sehe ich, wie viel Charakter auch in diesem Grafen steckt.

Und ich mache ja auch nicht jedes mal das Gleiche. Ich versuche schon mich auf die Leute da einzustellen, auch auf die Regisseure. Dieses Mal ist es eine Französin (Emmanuelle Bastet, Anmerk.d.Red.). Ich versuche, mich da blank zu stellen, sie zu fragen, was sie möchte und dann gebe ich mit, was ich für einen solchen Charakter als wichtig empfinde. Und dann sortieren wir: was kann man drin lassen, was fliegt raus.

WDR 3: Die Tiefenschärfe diseses Charakters ist die da Ponte zu verdanken oder entsteht sie durch Mozarts Musik?

Bo Skovhus: Ich glaube, das sind beide. Mozart und da Ponte waren geniale Menschen. Und ich glaube, Mozart hat die Figur des Grafen nicht besonders gemocht, das sieht man ganz deutlich. Die Sympathie von Mozart liegt klar bei Figaro.

Bo Skovhus wurde 1962 im dänischen Okast geboren. Nach seinem Musikstudium in Kopenhagen und New York, begann seine Karriere als Bariton 1988 an der Wiener Volksoper. Zu disem Opernhaus pflegt Skovhus nach wie vor eine enge Beziehung und ist regelmäßig dort als Gastsänger zu hören. Er zählt zu den bedeutendsten Interpreten seiner Generation und wird von allen großen Festspielen und Musikzentren der ganzen Welt immer wieder eingeladen.

Und der Graf hat natürlich auch nicht so schmeichelhafte Musik wie Figaro. Er hat ein Duett mit Susanna, das sehr schön zu singen ist, aber insgesamt ist es keine Musik, wo er gut wegkommt. Er steht immer als der Trottel da und immer als der Böse.

WDR 3: Wenn man Aufnahmen von Ihnen hört, kann man das schon merken, auf der Bühne dann sowieso: Sie sind ein Schauspieler-Sänger. Sie gehen auf in Ihren Rolle und identifizieren sich damit. Nehmen Sie das denn auch mit in den Alltag? Sitzt mir ein Graf Almaviva gegenüber?

Bo Skovhus: Nein, also das glaube ich wirklich nicht. Ich hoffe, dass ich das ablegen kann. Meine Frau beklagt sich zwar dauernd darüber, dass ich nicht anwesend bin. Natürlich gibt es Sachen, die man durchdenken muss. Wenn ich eine Idee bekomme, muss ich das für mich durchspielen.

Bo Skovhus, Jörg Ratjen und Stephan Rehm in Zimmermanns „Ekklesiastischer Aktion“

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Und das kann natürlich auch sein, dass das passiert, wenn man beim Frühstück sitzt. Dann spreche ich auch laut mit mir selber und da steigt meine Frau dann schon aus. Aber sie es auch schon gewohnt.

Wo ich sehr viel arbeite, ist auf dem Fahrrad. Wir sind ja Dänen und fahren viel Fahrrad. Und auch in Köln habe ich sofort ein Fahrrad gemietet. Und da kann man sehr gut Auswendiglernen. Und ich sehe oft Leute im Auto, die einen schon ganz erstaunt anschauen, wenn man dann irgendwas tut, aber das stört mich nicht so.

WDR 3: Sie haben ja auch eine Rolle unter Nikolaus Harnoncourt in Salzburg bei den Festspielen gesungen. Inwieweit war das prägend? Harnoncourt gilt bei Sängern immer als der Augen-Öffner ...

Bo Skovhus: Ich habe unendlich viel von ihm gelernt. Mein ganzes Mozart-Wissen habe ich im Grunde von Nikolaus Harnoncourt. Wo er viel Wert darauf gelegt hat, ist die Rezitativbehandlung und das tut sonst keiner mehr, was wirklich sehr schade ist. Denn die Rezitative sind so wichtig und er wollte immer, dass man dort nicht singt.

Man darf in den Rezitativen nicht singen, man muss sprechen. Er hatte eine Riesenbibliothek mit Aufnahmen. Und eine der letzte Produktionen mit ihm war ja auch "Figaro" und da war ich beim ihm zu Hause und wir haben probiert. Harnoncourt besaß unglaublich viele Instrumente - viele Geigen aus verschiedenen Epochen -, aber er besaß kein Klavier.

Und das war so ein Paradox: ich musste jedes Mal ein elektronisches Klavier mieten und dabei wohnte Harnoncourt in einem alten, burgähnlichen Haus. Und dann haben wir probiert und dann gingen wir in die Bibliothek und er kam wieder mit Faksimile und sagte: 'Schauen Sie, das schrieb Mozart und das einer seiner Zeitzeugen.' Und das war so interessant. Ich habe wirklich wahnsinnig viel von ihm gelernt.

Das Interview führte Kornelia Bittmann für das WDR 3 Samstagsgespräch.

Stand: 19.05.2017, 17:00