Der stille Stone: Bill Wyman wird 80

Der stille Stone: Bill Wyman wird 80

Von Ingo Neumayer

Er war über 30 Jahre bei den Rolling Stones und dennoch ist er der große Unbekannte der Band geblieben: Bassist Bill Wyman hielt sich lieber im Hintergrund und überließ Jagger und Richards die Show. Heute wird er 80 Jahre alt.

Rolling Stones 1969

Die Rollen bei den Rolling Stones wurden vor langer Zeit verteilt: vorne die Alphatiere Mick Jagger (2.v.l.) und Keith Richards (r.), die sich ums Rampenlicht balgen, zunächst noch unter Beteiligung von Brian Jones (l.). Hinten die graue Eminenz Charlie Watts (3.v.l.), die mit ihrem Schlagzeug den Laden zusammenhält. Und dazwischen? Steht jahrzehntelang Bassist Bill Wyman (2. v.r.) und schaut sich das Spektakel relativ unbeteiligt an.

Die Rollen bei den Rolling Stones wurden vor langer Zeit verteilt: vorne die Alphatiere Mick Jagger (2.v.l.) und Keith Richards (r.), die sich ums Rampenlicht balgen, zunächst noch unter Beteiligung von Brian Jones (l.). Hinten die graue Eminenz Charlie Watts (3.v.l.), die mit ihrem Schlagzeug den Laden zusammenhält. Und dazwischen? Steht jahrzehntelang Bassist Bill Wyman (2. v.r.) und schaut sich das Spektakel relativ unbeteiligt an.

Bill Wyman ist fast von Anfang an dabei, bei den Stones. Er steigt Ende 1962 als Nachfolger von Dick Taylor ein, ein paar Wochen später gibt es im Londoner Ealing Jazz Club den ersten Auftritt in der klassischen Stones-Besetzung mit Jagger, Richards, Wyman, Watts und Jones. 1963 erscheint dann "Come On", die erste Single der Stones. Und die Geschichte nimmt ihren Lauf ...

Wyman ist ein paar Jahre älter als der Rest der Stones und hat schon etwas mehr Lebenserfahrungen gesammelt. Seine Zeit bei der Army verbringt er in einem Fliegerhorst in Oldenburg. Später jobbt er in Metzgereien und Wettbüros, bis er sich schließlich der Musik widmet und in diversen Londoner Skiffle-, Beat- und Rock'n'Roll-Bands spielt.

Ein Überbleibsel aus seiner Army-Zeit ist übrigens sein Nachname. "Wyman" ist der Name eines Freundes, den er in Oldenburg kennenlernt. Und da William Perks nicht so richtig rock'n'rollig klingt, benennt er sich kurzerhand in Bill Wyman um.

Wyman gilt anfangs als Sonderling und Außenseiter in der Band. Nicht nur, weil er älter als die anderen ist - er ist auch der einzige mit Frau und Kind. Tatsächlich meint man oft, einen leicht amüsierten Blick beim stillen Bill wahrzunehmen, während seine Kollegen über die Bühne und durchs Leben gockeln.

"Satisfaction", "Paint It Black", "Ruby Tuesday" - die Stones schreiben einen Hit nach dem anderen. Wyman selbst ist am Songwriting so gut wie gar nicht beteiligt. In all den Jahren erscheint gerade mal ein von ihm geschriebenes Lied auf einem offiziellen Stones-Album: "In Another Land" auf "Their Satanic Majesties Request" (1967). Zwar behauptet er später, dass das weltberühmte "Jumpin' Jack Flash"-Gitarrenriff eigentlich von ihm stamme. Offiziell zugeschrieben wird der Song aber Jagger und Richards.

Wer hat eigentlich behauptet, dass sich die Beatles, Stones und The Who spinnefeind waren? Dieses Bild beweist jedenfalls das Gegenteil: Vorne machen es sich John Lennon und Yoko Ono mit den Kindern gemütlich, hinten versammeln sich Pete Townshend, Bill Wyman, Charlie Watts, Keith Moon und Brian Jones (v.l.). Worüber da wohl geredet wurde?

Ende der Sechziger gerät nicht nur die Frisur von Bill Wyman aus den Fugen. Er trennt sich von seiner Frau, die Ehe läuft schon seit Jahren schlecht - was vor allem an Wymans Untreue liegt. Denn nicht etwa Jagger oder Richards, nein, der stille Bill ist der größte "Womanizer" bei den Stones.

Innerhalb der Band nehmen die Machtkämpfe zu. 1969 werfen Jagger und Richards Gitarrist und Gründungsmiglied Brian Jones (li.) aus der Band. Seine Drogenprobleme seien nicht mehr tragbar, heißt es. Einen Monat später treibt Jones tot in seinem Swimming Pool - die genauen Umstände bleiben bis heute ungeklärt. Wyman, der Jones recht nahe steht, ist geschockt.

Doch die Show muss weitergehen. Zwei Tage nach Jones' Tod spielen die Stones ein ergreifendes Konzert vor 250.000 Zuschauern im Londoner Hyde Park. Jagger rezitiert klassische Gedichte und lässt hunderte Schmetterlinge frei, um Jones zu würdigen.

Nach dem Album "Exile On Main St.", das 1972 erscheint, geht die künstlerische Spannkraft der Stones merklich zurück.

Ab Mitte der Siebziger wird die Band immer mehr zu einem routinierten Zirkus-Unternehmen, das dem Publikum das bietet, was es verlangt. Das funktioniert auf der Bühne zwar sehr gut, aber die Studioplatten der Stones, die in dieser Zeit erscheinen, sind vergleichsweise eher mau.

Wyman gerät mit den Jahren ins Grübeln: Er hat mit hunderten Frauen geschlafen, vor Millionen von Fans gespielt und das Geld dürfte auch bis zum Lebensende reichen. Warum sich also noch länger in unwürdige Trainingsjacken zwängen und hässliche Zeitgeist-Bässe ohne Kopf zupfen? Noch dazu, da er mit seiner Solonummer "Si Si (Je Suis Un Rock Star)" 1982 beweist, dass er auch ohne die Stones Erfolg haben kann.

1992 kündigt er schließlich an, dass er die Stones verlassen will. Der Rest der Band nimmt ihn nicht Ernst. "Die Stones verlässt man nur im Sarg - oder man wird rausgeworfen", kommentiert Keith Richards. Und rauswerfen will keiner den loyalen und zuverlässigen Bassisten.

Doch Wyman belässt es nicht bei der Drohung. Ende 1992 verlässt er tatsächlich die Band und widmet sich rockstartypischen Post-Karriere-Beschäftigungen: Er schreibt Bücher, jammt ein bisschen mit ein paar alten, berühmten Freunden, engagiert sich für Charity-Projekte, eröffnet ein Restaurant namens "Sticky Fingers" und versucht sich an Soloalben, die leider niemand so recht hören will. Zudem hat er ein recht aufregendes Familienleben zu regeln.

Schon Ende der Achtziger erregt Wyman Aufsehen, als er mit 52 die damals 18-jährige Mandy Smith heiratet. Laut eigenen Angaben sind die beiden da schon seit fünf Jahren zusammen. Die Ehe mit Smith hält nicht lange, dafür wird die Geschichte dadurch verkompliziert, dass Stephen, Wymans Sohn aus erster Ehe, Mandys Mutter, also seine ehemalige Stiefoma, heiratet. Wymans ehemalige Schwiegermutter wird also zu seiner Schwiegertochter. 1993 heiratet er Suzanne Accosta (li.), mit der er drei Töchter hat und für die er sein Leben komplett ändert.

Angeblich arbeitet Wyman derzeit an einem neuen Buch über die Stones - sein umfangreiches Archiv ist noch lange nicht erschöpfend gesichtet. Wie genau er seinen 80. Geburtstag am Montag (24.10.2016) begehen wird, steht dagegen noch nicht fest. Aber wer weiß? Vielleicht rufen ja seine ehemaligen Bandkollegen an und singen ihm als Ständchen das erste Lied des "Some Girls"-Albums. Das hieß nochmal? Richtig: "Miss You"...

Stand: 24.10.2016, 00:00 Uhr