Lockenkopf und Glockenstimme - Art Garfunkel wird 75

Lockenkopf und Glockenstimme - Art Garfunkel wird 75

Von Ingo Neumayer

Die Stimme war erste Sahne, ansonsten spielte er aber eher die zweite Geige hinter Paul Simon: Art Garfunkel hatte lange daran zu knabbern, dass er "nur" ein Sänger war. Am 5. November 2016 wurde er 75 – und scheint mit sich, der Welt und seinem Leben im Reinen.

Simon & Garfunkel

Schon als Teenager machen die Schulfreunde Art Garfunkel und Paul Simon zusammen Musik im New Yorker Stadtteil Queens. Benannt nach dem rabiaten Comic-Duo "Tom and Jerry", ergattern sie mit 16 ihren ersten Plattenvertrag. Ihr Sound erinnert an die Ende der 1950er sehr angesagten Everly Brothers, mit "Hey, Schoolgirl" gelingt den Jungspunden gleich mit der ersten Single ein kleiner Hit.

Schon als Teenager machen die Schulfreunde Art Garfunkel und Paul Simon zusammen Musik im New Yorker Stadtteil Queens. Benannt nach dem rabiaten Comic-Duo "Tom and Jerry", ergattern sie mit 16 ihren ersten Plattenvertrag. Ihr Sound erinnert an die Ende der 1950er sehr angesagten Everly Brothers, mit "Hey, Schoolgirl" gelingt den Jungspunden gleich mit der ersten Single ein kleiner Hit.

Doch die Karriere des Duos endet kurz danach. Garfunkel, der bei "Tom and Jerry" als "Tom Graph" auftritt, geht an die Uni, um Kunstgeschichte und Mathematik zu studieren. Nebenbei veröffentlicht er ein paar Singles unter dem Namen "Artie Garr". Erfolg hat er damit keinen.

Das ändert sich erst, als er sich wieder mit Paul Simon zusammentut. Ab Mitte der Sechziger werden Simon & Garfunkel zu Superstars. "Mrs. Robinson", "Sound Of Silence", "The Boxer", "Bridge Over Troubled Water" - ein Hit folgt dem nächsten.

Die Rollen innerhalb des Duos sind klar: Simon ist das musikalische Mastermind und schreibt die Songs, denen Garfunkel mit seinem einzigartigen, glockenhellen Tenor die nötige Grandezza verleiht. Doch so harmonisch die Lieder auch klingen, hinter den Kulissen knirscht es. Die beiden streiten immer öfter; vor allem Garfunkel sieht seinen Beitrag zum Erfolg des Duos nicht entsprechend gewürdigt. 1970 trennen sich die beiden.

Während Paul Simon auch solo sehr erfolgreich ist, tut sich Art Garfunkel zusehends schwer. Er macht sich auf die Suche nach dem Sinn und nach sich selbst, unterrichtet Mathematik an einer High School, liest ein Buch nach dem anderen.

Auch die Schauspielerei ist eine Option, die Garfunkel ausprobiert. Er dreht Filme mit renommierten Regisseuren wie Mike Nichols oder Nicolas Roeg. Für seine Nebenrolle in "Die Kunst zu lieben", in dem er an der Seite von Jack Nicholson und Ann-Margret spielt, wird er sogar für den "Golden Globe" nominiert.

Doch letzten Endes ist die Musik Garfunkels größte Leidenschaft. Daher sagt er auch nicht Nein, als sich Paul Simon wieder mal meldet. 1975 wird der erste gemeinsame Song der beiden seit fünf Jahren veröffentlicht. "My Little Town" erscheint sowohl auf dem Simon-Album "Still Crazy After All Those Years" als auch auf dem Garfunkel-Album "Breakaway".

Mitte bis Ende der Siebziger hat Garfunkel die beste Phase seiner Solo-Karriere: Mit "Bright Eyes", "I Only Have Eyes For You" oder "Since I Don't Have You" gelingen ihm ein paar Hits, er arbeitet mit James Taylor, David Crosby und Graham Nash. Doch es ist wie mit dem Hasen und dem Igel: Egal, was Garfunkel auch anstellt - Paul Simon ist ihm immer ein paar Schritte voraus. Im Vergleich zu seinem alten Freund, der auch solo eine Superstar-Karriere hinlegt, nehmen sich Garfunkels Erfolge bescheiden aus.

Garfunkel ist Realist genug, um einzusehen: Die ganz großen Nummern gelingen ihm nur an der Seite von Paul Simon. So wie 1981, als die beiden im New Yorker Central Park vor einer halben Million Menschen auftreten. Ein Konzert für die Ewigkeit - und für die Rekordbücher. Mehr Menschen waren bis dato nie zu einem Konzert erschienen.

Aber nach einer kurzen Entspannungsphase kriselt es wieder zwischen den beiden. Das Paul-Simon-Album "Hearts And Bones", das 1983 erscheint, ist ursprünglich als Simon & Garfunkel-Comeback-Platte geplant. Doch Simon entfernt kurzerhand die Gesangsspuren von Garfunkel und veröffentlicht das Album unter eigenem Namen.

Danach verschwindet Garfunkel für längere Zeit aus der Öffentlichkeit. Er widmet sich seinem neuen Hobby, der Wanderei. Zu Fuß durchquert er Japan, die USA und weite Teile Europas. Und er verbringt jede freie Minuten mit Lesen. Auf seiner Homepage listet er akribisch alle Bücher auf, die er seit 1968 gelesen hat. Im Juni 2016 liegt er bei 1237 Werken. Seine Favoriten: Rousseau, Tolstoi, Roth. Auch Goethes "Werther" findet sich in seiner Bestenliste.

Neue Musik gibt es nur noch sporadisch. 2002 erscheint allerdings ein Album, das Garfunkel ganz besonders am Herzen liegt. Auf "Everything Waits To Be Noticed" sind die ersten Songs seiner Solokarriere zu hören, an denen er als Komponist beteiligt ist. Aus dem Sänger ist endlich, nach all den Jahren, ein Songwriter geworden.

Ein Jahr später erhalten Simon & Garfunkel einen Grammy für ihr Lebenswerk. Das nehmen die beiden direkt zum Anlass für eine Wiedervereinigung. Die "Old Friends"-Tournee führt die beiden einmal um die halbe Welt. Im April 2010 spielen sie ihr bis dato letztes gemeinsames Konzert in New Orleans.

An seinem 75. Geburtstag am 05.11.2016 gönnt sich Art Garfunkel eine wohlverdiente Pause, aber ansonsten ist sein Terminplan voll mit Auftritten. Konzertbesucher sehen einen Mann, der Solo-Nummern und Simon & Garfunkel-Hits spielt, Gedichte vorträgt, in Erinnerungen schwelgt und seinen alten Freund und Konkurrenten Paul Simon liebevoll würdigt. Es hat lange gedauert, aber letztendlich scheint Art Garfunkel doch mit sich ins Reine gekommen zu sein.

Stand: 05.11.2016, 10:15 Uhr