Kunst am Bau - und zwar für alle

Hans Dieter Bohnet: "Integration 1976" in Bonn

Kunst am Bau - und zwar für alle

Von Simone Maurer

Von Kabul über Berlin bis nach Bonn und Jülich: Das "Museum der 1000 Orte" zeigt Kunstwerke, die ansonsten nicht jeder zu sehen bekommt. Seit Kurzem lässt sich die Kunst-am-Bau-Sammlung des Bundes online besichtigen und rückt manch ungewöhnliches Detail in den Blick.

Die Edelstahlkugel "Integration" von Hans Dieter Bohnet vor dem Langen Eugen in Bonn, Wolfgang Nestlers Plastik "Technik und Wissenschaft" auf dem Gelände der Theodor-Körner-Kaserne in Aachen oder die Fassadenmalerei der Kölner Künstlerin Regina Koch an einem Gebäude des Forschungszentrums in Jülich: 10.000 solcher Kunstwerke hat der Bund für Regierung, Verfassungsorgane, Ministerien, Behörden sowie Botschaften und Auslandsschulen in den letzten 70 Jahren in Auftrag gegeben.

Mit Steuergeldern finanziert

Die Werke sind verstreut von Kabul, über Tokyo, Warschau, Berlin bis Kiel, Quedlinburg, Bonn, Jülich und Hürth. Die westlich an Köln grenzende Stadt beherbergt das Bundessprachenamt. Bei Schnitzel, Pommes und Salat kommen die Mitarbeiter täglich in den Genuss der von Bernd Damke 1972 realisierten rund 20 Meter lange Wandgestaltung im Speisesaal. Die Öffentlichkeit bekam die aus Steuergeldern finanzierte Kunst dagegen bisher kaum zu Gesicht. Seit Ende Juni lässt sich ein Teil der Werke nun zumindest im virtuellen "Museum der 1000 Orte" erkunden - inklusive der Details wie Flecken auf der Wand im Speisesaal.

Einzigartige Kunstsammlung

"Der Deutsche Bundestag hat sich 1950 darauf verständigt, einen Teil der Kosten für Kunst vorzuhalten und Künstler eingeladen, die Umwelt mitzugestalten, so dass auf diese Weise in knapp 70 Jahren ein unglaubliches Arsenal an Kunstwerken entstanden ist", sagte Ute Chibidziura, Referentin für Kunst am Bau beim Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung. Sie hat das Projekt initiiert. Es sei eine der international größten und eine einzigartige Kunstsammlung der Nachkriegszeit.

Kunst am Bau im virtuellen Museum

WDR 3 Resonanzen | 28.08.2017 | 08:55 Min.

Download

Kunst mit Botschaft und Mahnung

Kunst am Bau, das sind in Regel Auftragsarbeiten für Künstler, die sich auf die Funktion und die Architektur der jeweiligen Gebäude einlassen - und Botschaften und Mahnungen senden. Wer zwischen dem ehemaligen Bundeshaus und dem Plenarsaal in Bonn vorbeikommt, mag die von Rost überzogenen ineinandergeschobenen Platten auf der Wiese vielleicht gar nicht mehr wahrnehmen - doch die Plastik "Durchbruch" des Dresdner Avantgardisten Hermann Glöckner zählt zu einer der interessantesten Figuren der nicht angepassten DDR-Kunst und erlangte nach Angaben des virtuellen Museums "mit dem Fall der Mauer eine zusätzliche symbolische Qualität". 

Bisher nur ein Teil der Werke online

126 Werke an 63 Orten von 112 Künstlern sind bereits auf der Seite des virtuellen Museums eingestellt und es sollen täglich mehr werden. Gezeigt werden Werke durch alle Gattungen und Dimensionen - darunter auch Arbeiten der Bildhauerin Rebecca Horn, die unlängst mit dem Wilhelm-Lehmbruck-Preis der Stadt Duisburg ausgezeichnet wurde. Um die Raumwirkung zu vermitteln, gibt es zwischen fünf bis sieben Fotos und Informationen zum Werk, Ausstellungsort oder Kosten. "Wir beschreiben den Kontext, um eine Vorstellung zu geben, was es für eine Architektur ist", sagt Ute Chibidiziura.

Kunst am Bau in Bonn

Der Bund engagiert sich seit 1950 für Kunst am Bau im In- und Ausland. Auch in der ehemaligen Bundeshauptstadt Bonn sind zahlreiche Arbeiten zu finden.

Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit, Bonn

Der Düsseldorfer Künstler Ferdinand Kriwet schuf im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit den sogenannten Lesewald, der die Aufgaben des Ministeriums thematisiert. Er besteht aus 98 Stelen, auf denen in zehn Sprachen Wörter stehen.

Der Düsseldorfer Künstler Ferdinand Kriwet schuf im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit den sogenannten Lesewald, der die Aufgaben des Ministeriums thematisiert. Er besteht aus 98 Stelen, auf denen in zehn Sprachen Wörter stehen.

Im Innenhof des Ministeriums finden sich vier geschmiedete Blöcke des Kölner Bildhauer Ansgar Nierhoff.

Michael Sailstorfers "Außenthermometer" hängt zwischen dem fünften und sechsten Stock der Fassade des Treppenhauses am Alten Abgeordnetenhochhaus. Es ist eine Anspielung auf den Klimawandel und die Erderwärmung. Der rote Zeiger gibt die Außentemperatur an. In dem Gebäude auf dem UN-Campus ist heute das Sekretariat der Klimarahmenkonvention untergebracht.

Im ehemaligen Alten Abgeordnetenhochaus befindet sich heute auch der "Aufsteigende Phönix" von Hannes Schulz-Tattenpach aus dem Jahr 1953. Er ziert den Eingangsbereich des Hauses.

"Weltgericht (Inferno des Krieges)" nannte HAP Grieshaber sein Triptychon, das im ehemaligen Langen Eugen und heutigen UN-Hochaus hängt. In dem Saal tagte früher der Verteidigungsausschuss. Der Künstler mahnte mit seiner Arbeit zu einem friedfertigen und verantwortungsbewussten Handeln.

Sieben Meter breit und knapp dreieinhalb Meter hoch ist die Stirnwand der Kantine am zweiten Dienstsitz des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales in Bonn. Gestaltet wurde die Wand 2011 von der Künstlerin Leni Hoffmann.

Neue Art der Begegnung mit der Kunst

Doch reicht das, um die gerade wichtige Raumwirkung der Werke so zu erfassen? Nein - meint der Konzeptkünstler Mischa Kuball, der in Marl, Düsseldorf und Wuppertal selbst Kunst am Bau geschaffen hat. Im Berliner "Tagesspiegel" gab er anlässlich der virtuellen Eröffnung des Museums zu bedenken, dass die Kunst nicht für den Auftritt im Netz geschaffen wurde, sondern für eine reale räumliche Erfahrung. Den Machern der Seite ist dies durchaus bewusst. Die tatsächliche Auseinandersetzung mit dem Raum könne ein virtuelles Museum nicht ersetzen. Ute Chibidziura, Referentin für Kunst am Bau beim Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, rät deshalb jedem dazu, bei einem Tag der offenen Tür, wie sie regelmäßig stattfinden, die Kunst im räumlichen Kontext zu betrachten. Bis zum nächsten Termin lässt sich beim virtuellen Spaziergang durch das Museum das ein oder andere ungewöhnliche Detail entdecken.

Stand: 29.08.2017, 09:34