"Konflikte werden zunehmend über die Kultur ausgetragen"

US-Präsident Donald im Handschlag mit dem israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu

"Konflikte werden zunehmend über die Kultur ausgetragen"

Nachdem die USA am Donnerstag angekündigt hatten, aus der Kultur- und Bildungsorganisation Unesco auszutreten, schloss sich kurz darauf Israel an. Beide Länder werfen der Organisation eine israelfeindliche Haltung vor. WDR 3 hat mit Verena Metze-Mangold gesprochen, der Präsidentin der in Bonn ansässigen deutschen Unesco-Kommission.

WDR 3: Wie überrascht waren Sie von der zweiten Meldung, dass auch Israel austreten wird?

Verena Metze-Mangold: Wenn ich ehrlich sein soll, war ich nicht besonders überrascht. Es gibt eine zeitgeschichtliche Analogie: 1984 haben die USA ihren Austritt erklärt, und mit ihnen auch Israel. Damals hießen die Vorwürfe, wir als Organisation seien anti-westlich. Aber dahinter verbarg sich ein Konflikt, der sehr stark um die Frage der Deutungshoheit der Nachrichtenagenturen und Informationsströme in der Welt ging.

WDR 3: Eigentlich eine ähnliche Konstellation wie heute. Streit gab es schon lange um die Mitgliedschaft der palästinensischen Autonomiebehörde. Ist das jetzt der entscheidende Punkt?

Verena Metze-Mangold

Verena Metze-Mangold, Präsidentin der deutschen Unesco-Kommission

Metze-Mangold: Es gibt zwei Begründungen aus dem Auswärtigen Amt der USA: Das eine ist, dass die Beitragszahlungen, die im Jahr 2011 auf Grund der Aufnahme Palästinas als Mitgliedsstaat der Unesco eingestellt worden sind, jetzt auf 500 Millionen Dollar aufgelaufen sind. Die Begründung war nun, das sei eine irrsinnig hohe Summe, die Amerika nicht bereit sei zu zahlen. Zugleich wird der Vorwurf gemacht, es gebe einen Reformstau. Das kann man - angesichts der Finanzlücke, die sich da aufgetan hat, auch ein wenig nachvollziehen. Aber im Wesentlichen scheint der Auslöser zu sein, dass es tatsächlich wieder den Vorwurf gibt, es seien anti-israelische Beschlüsse gefasst worden. Und das kann sich eigentlich nur auf Beschlüsse des Welterbe-Komitees beziehen.

WDR 3: Da geht es um die palästinensische Stadt Hebron, die im Sommer das Weltkulturerbe-Siegel bekommen hat.

Metze-Mangold: Richtig.

WDR 3: Sie haben gesagt, der Reformstau aus Geldmangel sei ein nachvollziehbarer Punkt?

Metze-Mangold: Also, ich denke, es gab eine erhebliche Reform. Sie müssen sich vorstellen, in einer solchen Organisation sind in den ersten Jahren mehr als 200 Stellen gestrichen worden. Man musste Programme abbauen und sich strecken, damit das, was die Generalkonferenz beschlossen hatte, auch tatsächlich umgesetzt werden konnte. Ich hatte den Eindruck, dass dies relativ gut gelang in den letzten Jahren. Auch unsere Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) teilt diese Auffassung offenbar. Sie hat heute gesagt, dass die Unesco im Bereich Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation eine leistungsstarke, kreative und auch innovative Organisation ist.

WDR 3: Dem Vorwurf "anti-israelisch" hat natürlich Israel mit der Austritts-Ankündigung so etwas wie ein Ausrufezeichen verpasst. Der Vorwurf bezieht sich sicher auch darauf, dass es durch eine Enthaltung des ehemaligen US-Präsidenten Obama eine Resolution gegeben hat, die Israel aufforderte, sich als Besatzungsmacht aus Ost-Jerusalem und dem Golan zurückzuziehen. Befürchten Sie, dass das weiter hochkocht?

Metze-Mangold: Ich kann das im Moment nicht ausschließen. Wir haben im Moment eine geopolitische Situation, dass - anders als in den früheren Jahren - tatsächlich die harten politischen Konflikte zunehmend über die Kultur ausgetragen werden. Das erschwert die Arbeit der Unesco selbstverständlich.

Das Interview führte Annette Hager am 12.10.2017 in WDR 3 Resonanzen. Das ganze Gespräch zum Nachhören:

USA und Israel verlassen Unesco

WDR 3 Resonanzen | 12.10.2017 | 07:17 Min.

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Stand: 13.10.2017, 11:06