Konzern der weißen Kutten. Die Zisterzienser in Bonn

Konzern der weißen Kutten. Die Zisterzienser in Bonn

Von Thomas Köster

Mit ihren Regeln und Handelswegen, mit ihrer Kunst und Kloster-Architektur revolutionierten die Zisterzienser im Mittelalter Europa - und NRW. Das Landesmuseum Bonn widmet dem ersten echten christlichen Orden jetzt eine fulminante Ausstellung.

Die Zisterzienser. Das Europa der Klöster, LWR Landesmuseum Bonn 2017 (Ausstellungsansicht)

Gegründet wurde der Zisterzienserorden mit Kloster Cîteaux in Burgund. In Rheinland, Eifel und Westerwald entstanden mit den Abteien von Kamp (1123), Altenberg (1133), Himmerod (1134), Heisterbach (1192) und Marienstatt (1212) einige der frühesten Gründungen außerhalb Frankreichs. Im Eingangsbereich im Bonn begrüßt ein Fensterfragment des Altenberger Doms die Besucher – nebst einer Fotografie der noch existierenden Ruine von Kloster Heisterbach.

Gegründet wurde der Zisterzienserorden mit Kloster Cîteaux in Burgund. In Rheinland, Eifel und Westerwald entstanden mit den Abteien von Kamp (1123), Altenberg (1133), Himmerod (1134), Heisterbach (1192) und Marienstatt (1212) einige der frühesten Gründungen außerhalb Frankreichs. Im Eingangsbereich im Bonn begrüßt ein Fensterfragment des Altenberger Doms die Besucher – nebst einer Fotografie der noch existierenden Ruine von Kloster Heisterbach.

In Bonn sind jetzt über 200 Exponate zu sehen, die illustrieren, wie der Orden vom späten 11. bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts ganz Europa mit einem logistisch bestens organisierten Netzwerk an Klöstern überzog und zu einem der mächtigsten Institutionen des Mittelalters avancierte. Gegliedert ist die Ausstellung wie ein Gang durchs Kloster, ausgehend vom Kirchenraum, in dem sich im 14. Jahrhundert auch das älteste erhaltene Tafelbild Dänemarks aus dem Kloster Løgum befand.

Bei ihrer Auswahl beschränkt sich die Schau auf das Mittelalter, die Blütezeit des Ordens, der nach dem Ordensgewand "der Konzern der weißen Mönche" genannt wird. Einige der Klöster sind zerstört. Computersimulationen lassen sie in Bonn wiederauferstehen. Und machen so deutlich, wie imposant die Reduktion auf das Wesentliche in Lebensführung, Kunst und Architektur in der Praxis war.

Die stark durchritualisierte Lehre und die tiefe Religiosität der Zisterzienser war um den benediktinischen Grundsatz des "Ora et labora" ("Bete und arbeite") aus dem sechsten Jahrhundert herum gestrickt – und wurde durch kopierte Schriften aus dem Scriptorium weiterverbreitet. Deshalb ist nicht verwunderlich, dass sich in der Bonner Schau einige besonders üppig illuminierte – und teils sogar mit Affenwesen und Meerjungfrauen illustrierte – Manuskripte finden.

Im Nebenraum gibt es Faksimiles zum Anfassen, in denen selbst die Zeckenlöcher aus dem gegerbten Fell der zu Leseseiten verarbeiteten Schafe und Ziegen nachempfunden sind. Und wie so ein mittelalterliches Buch gebunden wurde, erfährt man auch.

Zu den Highlights der Schau gehört der beeindruckende Hochaltar des ehemaligen Zisterzienserklosters Kamp, dessen Bildtafeln außergewöhnlich gut erhalten sind. Sie sind gemeinsam mit den zugehörigen Skulpturen erstmals wieder in ihrer ursprünglichen Anordnung zu sehen – inklusive einer Ex-Madonna, die zu einem Christus umgeschnitzt wurde.

Aus Paris kommt die einzigartige Madonna aus Kloster Eberbach, heute als "Belle Allemande" bekannt, eines der mittelalterlichen Hauptwerke des Louvre. Gefertigt wurde sie im Stil der "Schönen Madonnen", der sich in Böhmen entwickelte und auf ganz Europa ausstrahlte. Und gekleidet ist sie ganz nach dem damals letzten Schrei der Pariser Mode.

In Bonn steht die "Belle Allemande" neben einer Madonna aus Warschau, die als früheste christliche Holzskulptur Osteuropas gilt. Im Kontrast zur Opulenz der 200 Jahre später entstandenen Madonna von Eberbach offenbart ihre Schlichtheit, dass sich auch die Vorstellung der Zisterzienser von der Bescheidenheit ihres Kirchenschmucks im Laufe der Jahrhunderte gewandelt hat.

Das Grabtuch des Holmger Knutsson, eine lebensgroße und mit dreidimensionalen Effekten durchwirkte figürliche Bildstickerei, gefertigt von den Nonnen des Skoklosters in Schweden aus dem Nationalmuseum Stockholm ist erstmals außerhalb Schwedens zu bewundern. Es ist zudem das einzige erhaltene mittelalterliche Grabtuch einer namentlich identifizierbaren Person in Westeuropa.

Vier von vierzig als Reliquien verehrte Schädel aus der Gefolgschaft der Heiligen Ursula, reich und kostbar verziert, stammen aus dem Altar des westfälischen Zisterzienserinnenklosters Marienfeld. Sie illustrieren, dass diese Form der Verehrung vor allem in den Klöstern der Zisterzienser weit verbreitet war. Die Truhe, in der die Häupter mit Gruselfaktor ruhten, steht in der Bonner Ausstellung gleich vis-à-vis.

Aber auch dem Alltagsleben der Zisterzienser widmet die Bonner Ausstellung viel Aufmerksamkeit. So wird das Fragment einer Sonnenuhr aus Schiefer gezeigt, auf der die Bewohner von Kloster Eberbach am Rhein ihre Essens- und Gebetsstunden ablesen konnten. Ein vermeintlicher Einhorn-Zahnstocher ist ebenso zu sehen wie dieser Zapfhahn mit Drachenkopf.

Dieser Buchdeckel für die Kämmerer-Rechnung der italienischen Stadt Siena für das erste Halbjahr 1276 zeigt den Zisterzienser Don Bartolomeo beim Zählen von Münzen – Hinweis auf das wirtschaftliche Talent vieler Vertreter des Ordens, das den "Konzern der weißen Mönche" groß gemacht hat.

Überhaupt sind es vor allem die Details, die erst auf den zweiten Blick zu sehen sind. Wie bei dieser schelmischen Madonna aus dem Kreuzgang des Klosters Eberbach, die im Beisein eines betenden Mönches das Christuskind am Bauch kitzelt: Ein dezenter Hinweis darauf, dass Gott in Jesus wirklich und leibhaftig Mensch geworden ist – und Spaß an Neckereien hatte wie jedes andere Kleinkind auch.

Bei diesem Antependium für den Altarunterbau im Zisterzienserinnenkloster Tiefenthal im Rheingau klettert die Äbtissin und Stifterin Katharina von Eltville aus dem Ärmel von Bernhard von Clairvaux, der die Zisterzienser über ganz Europa verbreitete.

Überhaupt, Bernhard von Clairvaux: Ein Raum der Ausstellung ist ihm gewidmet: einer wahrhaft schillernden Figur, wie anhand diverser Exponate – und in Konfrontation zum Werk Martin Luthers – aufgezeigt wird. Bildnisse mit Heiligen zeigen ihn mehr oder weniger mild und sittenstreng. Zu sehen ist aber auch die Kappe, die der Abt und Mystiker auf seiner Kreuzzugspredigt-Tour durch Europa trug.

Persönliches Lieblingsstück vieler Besucher könnte das unglaublich fein und detailliert ausgearbeitete Kreuzigungsrelief aus dem niederrheinischen Kloster Graefenthal werden, mit dem die Ausstellung auf die große Zahl von Frauenklöstern der Zisterzienser aufmerksam macht. Er ist wie ein Wimmelbild aufgebaut, bei dem sich Dies- und Jenseits, Altes und Neues Testament, Klosterleben und Weltlichkeit mischen.

Imposant ist vor allem die Wiedergabe von 30 Graefenthaler Nonnen, die vermutlich von ihrer 1536 verstorbenen Äbtissin Beatrix von Honselaer zum Kreuz geleitet werden, hinter dem – wenn man genau hinschaut, der Fluss des Paradieses fließt. All dies ist in der Konzernkunst der weißen Mönche und Nonnen eher ungewöhnlich.

Warum allerdings die zweisprachige Inschrift über dem Gekreuzigten auf dem um 1530 entstandenen Sandsteinrelief aus Graefenthal in Spiegelschrift erscheint, ist selbst Experten ein Rätsel. Durfte das Werk wegen des göttlichen Abbildverbots vielleicht nur verstohlen über einen Spiegel betrachtet werden? Wildeste Theorien sind denkbar.

Im Mitmachbereich für Kinder hingegen wird so manches Geheimnis gelüftet: mit etwas Phantasie, auf einer Tafel mit klösterlichen Gesten, die wohl während des Gebets oder in Schweigemomenten genutzt wurden, zum Beispiel das der Kanzlerinnenraute. Die heißt auf Zisterziensisch schlicht und einfach "Brot".

"Die Zisterzienser. Das Jahrhundert der Klöster" ist noch bis zum 28. Januar 2018 im LVR-Landesmuseum Bonn zu sehen. Zur Ausstellung ist neben einem erläuternden Booklet auch ein reich bebilderter Katalog erschienen, der die Zisterzienser in den mittelalterlichen Gesamtkontext einordnet und die einzelnen Exponate erklärt.

Stand: 28.06.2017, 12:16 Uhr