Die Bestien der Yvonne Roeb

Die Bestien der Yvonne Roeb

Von Thomas Köster

Menschen mit Tentakelköpfen, Flugskelette und Langustenmasken mit Pferdehaar: Die Welt der Bildhauerin Yvonne Roeb steckt voller Chimären. Das Keramikmuseum Hetjens in Düsseldorf zeigt ihr kleines "Bestiarium".

Yvonne Roeb, Bestiarium, Hetjen-Museum 2016 (Ausstellungsansicht)

Als Künstlerin pendelt Yvonne Roeb zwischen ihren Ateliers in Berlin und Düsseldorf hin und her. Und zwischen den Welten. Ihre Skulpturen changieren zwischen Traum und Wirklichkeit, naturwissenschaftlicher Präzision und surrealer Vorstellungskraft. Wie das in seiner Glasvitrine gefangene Vogelskelett, das federleicht zwischen Leben und Tod zu schweben scheint ("Media Nox", 2014).

Als Künstlerin pendelt Yvonne Roeb zwischen ihren Ateliers in Berlin und Düsseldorf hin und her. Und zwischen den Welten. Ihre Skulpturen changieren zwischen Traum und Wirklichkeit, naturwissenschaftlicher Präzision und surrealer Vorstellungskraft. Wie das in seiner Glasvitrine gefangene Vogelskelett, das federleicht zwischen Leben und Tod zu schweben scheint ("Media Nox", 2014).

Dabei betritt Roeb, die in Münster bei Timm Ulrichs und als Meisterschülerin bei Katharina Fritsch studierte, aber auch bildhauerisch Grenzbereiche. In ihrer "Fossil"-Reihe und in dieser titellosen Arbeit von 2016 präsentiert sie assoziative Negativformen von Pflanzen- und Tentakelwesen, die es auch in grauer Vorzeit niemals gab. Und löst nebenbei ein Präsentationsproblem der Moderne: weil die Skulpturen ihre eigenen Sockel sind.

"Viele Skulpturen entspringen Träumen. Oder es sind Bilder, die in mir entstehen", sagt Roeb. Unmittelbar und konsequent wirken die Ergebnisse. Und scheinen als originäre Archetypen neben der Naturgeschichte doch auch menschliche Kultur- und Kultgeschichte zu spiegeln. Rituale und Religionen spielen in dieser persönlichen Archäologie ebenso eine Rolle wie unbewusste Erinnerungen oder Kenntnisse von Flora und Fauna ("Enigma" I und III, 2016).

Aus den Ateliers in Berlin und Düsseldorf ziehen die in kleiner Auflage als Unikate aus Wachs, Gips, Metall, Bauschaum oder Pferdehaar geformten Arbeiten nach ihrer Fertigstellung zunächst ein in Roebs Wohnung, bevor sie nach eingehender Prüfung in ihre Düsseldorfer Galerie oder in Ausstellungen weiterwandern. "Ich muss eine Weile mit meinen Skulpturen leben", sagt die 1976 geborene Künstlerin. "Um zu wissen, ob sie funktionieren."

Anregungen für ihre Arbeit holt sich Yvonne Roeb nicht zuletzt auf ihren Reisen, deren Relikte sie in der Form privater Wunderkammern an mehreren Orten ihrer Wohnung hinter oder unter Glas drapiert hat. Die Schalenhülle eines Krebses etwa stammt aus einem Restaurant in Japan, wo Roeb vor kurzem war. Mittendrin: Roebs Porzellan-"Alraune" von 2008, die weder Tier noch Pflanze - oder eben beides - ist.

Für ihre aktuelle Ausstellung im Hetjens in Düsseldorf ist Roeb in die Vergangenheit gereist. Genauer: In die Welt mittelalterlicher Bestiarien und barocker Enzyklopädien, die Bilder von Einhörnern neben solche von Löwen oder Bären setzten. Wobei letztere in Ermangelung leibhaftigen Anschauungsmaterials oftmals genauso phantastisch gezeichnet waren. Im Bild: Roebs Arbeitsexemplar der "Vierfüßer, Vögel, Fische, Niederen Tiere, Insekten, Schlangen und Drachen" des Kupferstechers Matthäus Merian (1593-1650).

In drei Metallgestellen, die die Museumsvitrinen zieren, hat Roeb in einem mit Sternentuch verkleideten Raum einen kleinen Kosmos aus Wasser-, Land- und Lufttieren arrangiert, die aus wissenschaftlicher Sicht nicht zusammenpassen, hier aber in paradiesischer Eintracht zusammenleben. Gemacht sind sie aus Ton. Weil "Modellieren ähnlich ungefiltert wie Zeichnen ist", wie Roeb sagt: "eine verknüpfte Handlung mit dem Unmittelbaren, der Empfindung, der Vorstellung und der Erinnerung."

Betrachtet man ihr bisheriges Werk, so hat Roeb das Phantastische in ihrem Bestiarium erstaunlich weit zurückgenommen. Befremdlich macht sie vor allem der paradoxe Umstand, dass sie auf den ersten Blick vertraut erscheinen – und auf den zweiten doch irgendwie anders sind als in der Natur. "Quasi von der Wahrheit entrückt" wie die Bände Matthäus Merians. "Aber nur deshalb, da wir es heute durch die Wissenschaftsfelder glauben besser beurteilen zu können", so Roeb.

Bei ihrer ganz eigenen Entrückung von der Wahrheit macht sich Roeb ein Verfahren zunutze, das schon den Bestiarien aus dem 12. Jahrhundert eigen war. Im Sinne christlicher Belehrung funktionierten ihre Tierdarstellungen als Allegorien für menschliche Eigenschaften. Roebs Mischwesen sind irgendetwas zwischen Tier und Mensch: allerdings ohne moralisierenden Zeigefinger. Hier darf selbst ein Nasenaffenwesen introvertiert-melancholisch sein.

Mal ist es auch ein vermeintlich zu langer Schwanz, manchmal eine "falsche" Proportion, mal eine Geste oder schlicht die Größe, die im Gewimmel der Gestalten irritiert. Oder, wie beim freundlich-pausbäckige Kugelfisch, der Umstand, dass die feindlichen Stacheln im Gegensatz zu seinen ausgestopften Kollegen aus dem Naturkundemuseum fehlen. Was bleibt, ist fleischfarbene - menschliche? - Haut. Und von der Anstrengung des Aufplusterns gerötete Wangen.

So dreht Roeb das Prinzip des mittelalterlichen Bestiariums auf aktuelle Weise einfach um: War die Überzeichnung dort oft schlichtweg fehlendem Wissen geschuldet, ist sie im Zeitalter von Zoologischen Gärten und BBC-Tierdokumentationen Ausdruck von künstlerischer Freiheit. "Für mich ist wichtig, dass alle Bilder trotzdem für sich alleine stimmen", sagt Roeb. In der Welt der Kunst gäbe es eben "ein anderes Richtig oder Falsch". Oder, streng genommen, gar kein Falsch.

Und dann taucht mit dem Dodo auch noch ein ausgestorbener Vogel auf, von dem wir allein aus Überlieferungen zu wissen glauben, dass es ihn einmal gab. Inzwischen ist er aus den Sphäre der Wirklichkeit gänzlich ins Reich der Kunst umgezogen: Für uns lebt er nur in Zeichnungen – und als Figur in Lewis Carrols "Alice im Wunderland". Hier pickt Roebs Dodo noch imaginäre Krumen vom Boden. Inzwischen ist er ins Gesamtensemble integriert.

Apropos "Gesamtensemble": Zeitweise hatte Roeb den Plan, ihr "Bestiarium" mit jenen Monstern aus dem Kellergeschoss des Deutschen Keramikmuseums zu konfrontieren, die die "Aelteste Volkstedter Porzellanmanufaktur" aus Thüringen in den 1920er Jahren für das großbürgerliche Wohnzimmer schuf. Den Plan ließ sie fallen. Wer ihre gleißende Präsenz gesehen hat, kann das gut verstehen.

Roebs Bestien nämlich sind eher handzahm, poetisch, leise, teils witzig und teils ernst – und meilenweit vom pompösen Deko-Kitsch entfernt. Und wollen zugleich die ganz großen, existentiellen Fragen stellen. Getreu Roebs Motto, dass die unmittelbar geschaffenen Abbilder nicht zuletzt "beim Hinterfragen und Überprüfen unserer Umwelt helfen".

So wird der, der Roebs "Bestiarium" gesehen hat, mit anderen Augen durch die ständige Sammlung des Deutschen Keramikmuseums Hetjens wandern, deren Erzählung schon in grauer, antiker oder präkolumbianischer Vorzeit beginnt. Denn dort lauern auf jedem Stockwerk Tiere und seltsame Mischwesen, die es bei einem Streifzug zu entdecken gilt.

"Yvonne Roeb. Bestiarium" ist bis zum 30. April 2017 im Deutschen Keramikmuseum Hetjens in Düsseldorf zu sehen. Einen Katalog gibt es nicht. Aber es ist im Fall der fremd-vertrauten Kreaturen Roebs ohnehin besser, die eigenen Eindrücke, Vorstellungen und Erinnerungen mit nach Hause zu nehmen.

Stand: 10.02.2017, 10:00 Uhr